Tina Lutz gg. DSVGerichtsstreit um Olympiaticket

Tatjana Pokorny

 · 18.04.2012

Tina Lutz gg. DSV: Gerichtsstreit um OlympiaticketFoto: R. Langdon (l.), kadelbachbelcher.de
Konkurrentinnen: Lutz/Beucke (l.), Kadelbach/Belcher

In der Auseinandersetzung um die Olympianominierung in der 470er-Klasse der Frauen trafen sich die gegnerischen Parteien gestern vor Gericht

  Wollen's wissen: Tina Lutz und Susann Beucke (l.) klagen gegen den DSVFoto: tina-sanni-sailing.de
Wollen's wissen: Tina Lutz und Susann Beucke (l.) klagen gegen den DSV

Draußen lachte die Sonne vom blauen Himmel über Hamburg, doch den Sitzungssaal A 289 im Hamburger Landgericht erreichten ihre Strahlen nicht. Vor der Tür war der Grund für die eher gedämpfte Stimmung im Raum Schwarz auf Weiß zu lesen: „Tina Lutz u.a. ./. Deutscher Segler-Verband wegen einstweiliger Verfügung. Güteverh./Haupttermin.“

Drinnen trafen sich am Mittwochnachmittag die Streitparteien im Ringen um das Ticket zu den Olympischen Spielen. Es stand viel auf dem Spiel: Nach knapp und umstritten verlorener Olympiaqualifikation gegen Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher aus Hamburg hatten die bayerische Steuerfrau Tina Lutz und ihre Kieler Vorschoterin Susann Beucke am 8. März einen Antrag auf Einstweilige Verfügung gegen den Deutschen Segler-Verband (DSV) gestellt.

Verlagssonderveröffentlichung
  Gerichtsstreit über 470er-QualiFoto: YACHT/T. Pokorny
Gerichtsstreit über 470er-Quali

Ein zuvor geführtes Krisengespräch mit Vertretern des DOSB in Frankfurt hatte kein Ergebnis gebracht. Nun wollen Lutz/Beucke den Verband gerichtlich zwingen, sie neben Kadelbach/Belcher ebenfalls dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für einen Olympiastart vorzuschlagen. Der DOSB solle dann, so die Klägerinnen, am grünen Tisch und unter Einbeziehung aller Fakten sportlich entscheiden.

Die Vorgeschichte: Kadelbach/Belcher hatten die dreiteilige nationale Qualifikationsserie (Weymouth, Kiel, Perth) mit einem Punkt Vorsprung gewonnen und damit das Ticket nach Weymouth gelöst. Lutz/Beucke fühlen sich mit Blick auf die Abläufe der Qualifikation und aus ihrer Sicht irreführende Aussagen der DSV-Mannschaftsleitung vor Ort unfair behandelt und wünschen sich deshalb eine DOSB-Entscheidung.

Kadelbach/Belcher: Schwach gesegelt, beinhart taktiert
Ausschlaggebend für den Streit war die Taktik der Mannschaft Kadelbach/Belcher, ihre Gegnerinnen in der dritten und letzten Ausscheidungsregatta bei der Weltmeisterschaft vor Perth ab Halbzeit konsequent nach hinten zu segeln. Kadelbach/Belcher hatten sich für diese knallharte Gangart entschieden, weil sie nach den ersten beiden Ausscheidungsregatten zwar insgesamt knapp in Führung lagen, aber schwach in die WM gestartet waren. So schwach und mit einem Frühstart, dass sie die Qualifikation kaum mehr aus eigener Kraft hätten schaffen können.

Also entschlossen sie sich nach Rücksprache mit Teamleitung, Trainerin und DSV-Regelberater, das Reglement voll auszuschöpfen und ihre stark in die WM gestarteten Rivalinnen zu blocken, um auf diese Weise deren Jagd nach weiteren WM-Punkten zu torpedieren. Sie taten es nach allen Regeln der Duellsegelkunst. Dadurch konnten Lutz/Beucke nicht mehr genügend Punkte ersegeln, um Kadelbach/Belcher in der nationalen Olympia-Qualifikationswertung noch zu überholen.

Lutz/Beucke: Nationenplatz geholt, Quali verloren
Besonders bitter dabei für Lutz/Beucke: Ausgerechnet sie sicherten Kadelbach/Belcher mit einer letzten gelungenen WM-Wettfahrt und Gesamtplatz 20 gerade eben noch den für die Nominierung ebenfalls unabdingbaren Nationenstartplatz, den Kadelbach/Belcher zu diesem Zeitpunkt mit Platz 28 nicht selbst erringen konnten.

Die dem Gericht vorgetragenen Klagemotive und Streitfragen waren vielschichtig und komplex. Es ging um Manöver, Moral, faires Segeln, olympischen Geist, angebliche Geheimabsprachen, Beziehungsgeflechte, die Zerstörung von Vertrauensverhältnissen und natürlich Recht und Unrecht. Die Güteverhandlung dauerte mit drei Stunden überdurchschnittlich lange. Auch, weil die drei Richterinnen immer wieder detailliert nachfragten. Tapfer tasteten sie sich an die komplexen Regelwerke des Segelsports heran, über die sogar Experten immer wieder streiten.

In den Mittelpunkt rückte nach etwa einer Stunde der Schlagabtausch darüber, ob Lutz/Beucke vom DSV über eine neue Interpretion des Regelwerks, die das Blockieren einer gegnerischen Mannschaft im Rahmen einer nationalen Ausscheidung explizit gestattet, vor WM-Start hätten informiert werden müssen. Die Gretchenfrage: Hol- oder Bringschuld? Im Kontext ging es um eine möglicherweise ungleiche Behandlung der beiden Segel-Mannschaften von offizieller Seite.

Kernfrage: Waren alle Teams gleich gut informiert?
Die Klägerinnen erklärten zudem, DSV-Vizepräsident Torsten Haverland hätte ihnen nach der sechsten Wettfahrt bei einem Grillabend mit der Mannschaft versichert, dass der DSV das interne Matchracing eindämmen wolle und es ja schließlich auch noch Barcelona gäbe. Diese Aussage hatten Lutz/Beucke – so erklärten sie vor Gericht – als klares Signal dafür interpretiert, dass die Block-Taktik ihrer Gegnerinnen seitens des DSV unterbunden werden und sie selbst noch eine weitere Qualifikationschance bei der Weltmeisterschaft 2012 in Barcelona erhalten würden, sollte bei der WM 2011 in Australien keines der Teams den Nationenstartplatz sichern.

Eine Fehlinterpretation. So sehen es der DSV und das Team Kadelbach/Belcher, das sich während der Weltmeisterschaft in Down Under mehrfach grünes Licht von offizieller Seite für die Matchrace-Strategie eingeholt hatte, die rechtlich ohnehin nicht zu unterbinden war, weil von Welt-Seglerverband (Isaf) und WM-Jury so festgelegt und bestätigt. Kadelbach-Anwalt Keidel konstatierte in der Verhandlung: „Meine Mandantinnen haben sich den Rechtsanspruch auf den Nominierungsvorschlag ersegelt.“

Dass Lutz/Beucke in zwei Jury-Verhandlungen während der WM abgeblitzt waren, ist ihnen vor Gericht nicht dienlich. Diese Niederlagen führen ihre Gegner als eines der Hauptargumente ins Feld. Man hätte sich schließlich als nationaler Fachverband dem Reglement des Welt-Segler-Verbandes und den Jury-Entscheidungen bei einer Weltmeisterschaft zu beugen.

Tina Lutz kritisierte jedoch in Hamburg, dass die aus ihrer Sicht von Gegnerin Kathrin Kadelbach im australischen Perth als Zeugin geladene DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner während der Jury-Verhandlung nicht den deutschen Qualifikationsmodus erklärt habe. Stegenwalner selbst sagte Yacht online, sie sei keinesfalls als Zeugin eines der beiden Teams in die Verhandlung gebeten worden und wäre als solche einseitig auch nicht aufgetreten. „Man hat mir nicht gesagt, dass ich Zeugin für eine Mannschaft bin, nur gefragt, ob ich kurz hereinkommen könne, als ich draußen saß, um auf die beiden Teams zu warten. Man hat mir Fragen zum Qualifikationsmodus gestellt. Ich habe lediglich erklärt, dass das Ergebnis der Weltmeisterschaft in unsere Qualifikation eingeht. Dass es also wichtig ist.“ Den komplexen deutschen Qualifikationsmodus wollte Stegenwalner der Jury aus Sorge vor Fehlinterpretationen nicht erläutern.

Zu diesem Komplex wurde Nadine Stegenwalner am Donnerstag in Hamburg von den drei Richterinnen nicht befragt, obwohl sie vom Gericht zu Verhandlungsbeginn als mögliche Zeugin benannt worden war und deswegen die ersten beiden Drittel der Marathon-Verhandlung als Einzige außerhalb des Gerichtssaals verbringen musste, in dem neben Lutz/Beucke und ihrem Anwalt Dr. Michael Lehner der beklagte DSV mit Präsident und Jurist Rolf-Otto Bähr, DSV-Anwältin und Kadelbach-Anwalt saßen. Unter den Beobachtern waren der ehemalige DSV-Sportdirektor Hans Sendes, der ehemalige DSV-Präsident Hans-Joachim Fritze, DSV-Generalsekretär Gerhard Philipp Süß sowie Freunde und Familienangehörige der Klägerinnen.

Komplexe Materie: Entscheidung vertagt
Das Gericht hat seine Entscheidung über den Antrag auf einstweilige Verfügung für den 25. April angekündigt und sich damit selbst mehr Zeit eingeräumt, als alle Beteiligten gehofft hatten. Der Puffer mag erneut dem komplexen Regelwerk geschuldet sein, dem sich die drei Damen vom Gericht unter Vorsitz von Rosemarie Busch-Breede nun widmen müssen.

Lutz-Anwalt Lehner sagte: „Wir haben einen harten Stand, aber dass wir moralisch richtig liegen, davon bin ich nach dieser Verhandlung mehr denn je überzeugt.“ Tina Lutz sagte: „Wenn man nicht belohnt wird, weil man sein Bestes gegeben hat, sondern der belohnt wird, der andere behindert, dann ist und bleibt das nicht meine Vorstellung von fairem Sport.“ Dieser Pfeil zielt auf den DSV. Und indirekt auch auf Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher. Doch ist es wirklich verwerflich, auf dem Weg zum wichtigsten Ziel eines Leistungssportlers alle erlaubten Register des Regelwerks zu ziehen?

Rolf-Otto Bähr äußerte sich nach der Verhandlung optimistisch: „Ich denke, dass es für den DSV gut gelaufen ist.“ Bähr erinnerte vor Gericht auch an die Hetzjagd, der Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher nach der Weltmeisterschaft im Internet ausgesetzt waren: “Da wurden ungeheure Drohungen ausgesprochen." So weit, so Bähr, dürfe es im Segelsport nicht wieder kommen.

DSV-Chef Bähr: "Segeln kein Schiedsrichtersport"
Gleichzeitig signalisierte der Präsident Verständnis für die Klägerinnen, als er für die nahe Zukunft Diskussionen auf breiter Basis über die Regeln für den Regattasport ankündigte und sagte: „Segeln darf kein Schiedsrichtersport werden. Wir müssen dafür sorgen, dass es künftig erst gar nicht zu solchen Situationen kommen kann. Die Lehre aus der Misere ist, dass wir einfache und überschaubare Regeln machen.“ Es bleibt die Hoffnung, dass Bähr auch auf internationaler Ebene Gehör findet und seinen Worten möglichst schnell Taten folgen. Für Tina Lutz und Susann Beucke werden sie aber wohl zu spät kommen.

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