Segeln olympisch"Der Beste muss oben stehen!"

Tatjana Pokorny

 · 08.02.2017

Segeln olympisch: "Der Beste muss oben stehen!"Foto: Jesús Renedo/World Sailing

Im olympischen Segelsport werden – wieder einmal – neue Formate getestet. Wie weit muss sich der Segelsport für Olympia, Kommerz und Publikum verbiegen?

Die Vorreiter sind dieses Mal die olympischen RS:X-Surfer. Sie testen bei ihrer Europameisterschaft im Mai und weiteren Regatten wie voraussichtlich der Trofeo Princesa Sofía vor Mallorca ein neues Regattaformat, dass beispielsweise in der Profiserie Star Sailors League (SSL) schon einige Jahre Anwendung findet. Das Format besteht aus einer mehrtägigen Vorrunde für alle Teilnehmer einer Disziplin. Die besten zwölf Teams qualifizieren sich für das Viertelfinale. Die besten sechs von ihnen ziehen ins Halbfinale ein. Die besten drei bestreiten das große Finale um die Medaillen – ein klassisches K.o.-System also.

  Sollen die Test-Vorreiter für ein neues K.-o.-System im olympischen Segelsport sein: die RS:X-SurferFoto: Jesús Renedo/Sofía Mapfre
Sollen die Test-Vorreiter für ein neues K.-o.-System im olympischen Segelsport sein: die RS:X-Surfer

Was für einen Profi-Circuit mit Anspruch auf hohen Unterhaltungswert durchaus Sinn macht, birgt aber aus Sicht von Olympiaseglern einige Nachteile. Segelregatten ermitteln verlässlicher und fairer die Besten, wenn sie über möglichst viele Wettfahrten ausgetragen werden, weil der Sport mehreren nicht immer berechenbaren Umwelteinflüssen wie Windstärke, Böen, Flautenlöchern, Wellen, Strom und mehr ausgesetzt ist. Auch Top-Leute können in einer Wettfahrt einmal "steckenbleiben", insgesamt aber trotzdem klar die oder der Beste sein. Vor allem deswegen wehren sich die Leistungsträger gegen Knock-out-Formate und die Übergewichtung einzelner K.o.-Finalläufe, wie sie man sie beispielsweise aus dem Fußball von Weltmeisterschaften oder aus der Leichathletik kennt.

"Frag' doch mal Usain Bolt, was er davon halten würde, den 100-Meter-Sprint durch eine stark besuchte Fußgängerzone zu absolvieren", sagt Laser-Vizeweltmeister Philipp Buhl, der die Passanten mit den vielen Einflussfaktoren auf einem Regattakurs in Ufernähe vergleicht. "Es wäre sicher lustig anzusehen, welchem Sprinter mehr oder weniger Fußgänger in die Quere kommen. Ja, der Zufallsfaktor könnte sogar dazu führen, dass Bolt das Viertelfinale gar nicht übersteht, weil er Pech hatte und über ein Hausschwein an der Leine gestolpert ist. Ich kann sagen, dass Böen ziemlich schweinisch sein können. Wem würde ein olympisches Halbfinale oder Finale ohne einen Bolt glücklich stimmen, nur weil das Format vielleicht attraktiv erscheint? Das wäre wie ein olympisches Segelfinale ohne Ben Ainslie, weil der zwar super gesegelt ist, aber in einem entscheidenden Zwischenlauf einmal Pech hatte." Der inzwischen zurückgetretene Olympia-Sechste Toni Wilhelm hat schon frühere Versuche einer noch höheren Gewichtung von Finalläufen (aktuell: doppelt gewertet für die zehn Besten nach Vor- und Hauptrunde) kritisiert: "Unsere Regatten dürfen nicht mit einer Lotterie enden." Auch der olympische Bronzemedaillengewinner Erik Heil hatte schon bei ersten Format-Experimenten in Richtung hoher Finalgewichtung gewarnt: "Das Format wird sich olympisch nicht durchsetzen."

  Erik Heil und Thomas Plößel gewannen 2016 nach vorherigen Erfolgen konsequent olympisches Bronze im 49er. Wäre das auch im K.-o.-System mit nur einer entscheidenden Finalwettfahrt gelungen?Foto: Sailing Energy / World Sailing
Erik Heil und Thomas Plößel gewannen 2016 nach vorherigen Erfolgen konsequent olympisches Bronze im 49er. Wäre das auch im K.-o.-System mit nur einer entscheidenden Finalwettfahrt gelungen?

Dabei klingt die Argumentation pro Knock-out-Formate zunächst verlockend. TV-Kommentator und Star-Sailors-League-Moderator Digby Fox glaubt: "Es wäre ein fantastischer Schritt. Die Star Sailors League hat dieses Format im Stil des ATP Tennis Grand Prix vor einigen jahren eingeführt. Ich kann sagen, dass es super ist. Im Finale selbst ist der Sieger auch der Gesamtsieger. Boom! Podium: 1, 2, 3." Gleichzeitig beschreibt Fox das aktuelle olympische Regattaformat als "Matheunterricht", in dem aufwändig kalkuliert werden müsse, wer denn nun Zweiter würde. Die SSL habe bewiesen, wie gut das K.o.-Konzept funktioniere.

  Knock-out-Formatvorbild Star Sailors League: Kann ein Profi-Circuit wirklich mit einer Olympia-Regatta verglichen werden?Foto: SSL/Marc Rouiller
Knock-out-Formatvorbild Star Sailors League: Kann ein Profi-Circuit wirklich mit einer Olympia-Regatta verglichen werden?

Buhl hält mit ebenso einfachen Argumenten dagegen: "Der Beste muss bei Olympischen Spielen oben auf dem Podium stehen. Das funktioniert mit einem Knock-out-Format im Segelsport nicht. Segeln ist ein Traditionssport und darf seine Seele nicht gänzlich verkaufen. Wir trainieren ja nicht ein Jahrzehnt, um dann an einer Glückslotterie teilzunehmen. Im Übrigen waren die Finalläufe in Rio und auch schon bei den Spielen vorher oft hochgradig spannend. Auch für die Zuschauer." In Rio hatten beispielsweise zwei Brasilianerinnen mit zwei Sekunden Vorsprung im Ziel Gold gewonnen. Das war ein Segelthriller. So wie er auch in anderen Klassen wie beispielsweise im Nacra 17 oder bei uns im Laser stattgefunden hat. Gekonnt kommentiert, sind solche Finalläufe leicht zu verstehen und auch für Zuschauer spannend.

  Sie fighteten tatsächlich bis ins Ziel um ihr Gold und gewannen es mit zwei Sekunden Vorsprung: Martine Grael und Kahena Kunze im 49erFXFoto: SailingEnergy/Jesús Renedo
Sie fighteten tatsächlich bis ins Ziel um ihr Gold und gewannen es mit zwei Sekunden Vorsprung: Martine Grael und Kahena Kunze im 49erFX

Buhl hält noch ein weiteres Argument gegen die K.o.-Formate bereit: "Die Formel 1 und die Tour de France gelten als spannende Sportklassiker. Die entscheiden sich aber auch nicht notwendigerweise im letzten Rennen oder auf der Schlussetappe. Der Segelsport muss nicht seine Seele verkaufen um vermeintlich attraktiver zu werden. Er ist attraktiv, muss nur kenntnisreich und spannend gezeigt und kommentiert werden."

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