Der Vorschlusstag im WM-Revier von Clearwater in Florida wird vielen deutschen Seglern lange in Erinnerung bleiben. Manchen aus gutem Grund, andere würden ihn lieber vergessen. Es war der Tag, an dem Deutschlands Aufsteiger des Jahres 2015 nach einem selbst verursachten "T-Bone-Crash" mit schwer beschädigtem Boot aufgeben mussten (siehe Bild) und die in Medaillenreichweite segelnden Berlinerinnen Vicky Jurczok und Anika Lorenz im 49erFX drei Dämpfer in Serie hinnehmen mussten. Es war auch der Tag, an dem Erik Heil und Thomas Plößel in aussichtsreicher Position fünf kenterten und dabei ihre Fußschlaufen rissen. In diesem Rennen konnte die Crew vom Norddeutschen Regatta Verein nur noch Rang 21 erreichen. Trotz blitzschneller Acht-Minuten-Reparatur und den folgenden Rängen 5 und 10 reichte es einen Tag vor dem Finale im Zwischenklassement nur zu Platz zwölf. Bis zu drei Rennen bleiben den Berlinern heute aber, um noch in die Top 10 zu fahren und sich einen Platz im Medaillenfinale zu sichern.
Die bislang überragend segelnden Berlinerinnen Victoria Jurczok und Anika Lorenz fielen ausgerechnet am Vorschlusstag zurück. Als mit einem Gesamtgewicht von nur 125 Kilogramm leichteste Mannschaft der Spitzengruppe (andere Teams bringen zwischen 130 und 138 Kilogramm auf die Waage) hatte die Crew vom Verein Seglerhaus am Wannsee weniger mit den mittleren Winden um 15 Knoten denn mit reichlich Wellengang im Revier vor Clearwater zu kämpfen. Mit den Rängen 18, 14 und 12 rutschten die zuvor auf Medaillenkurs liegenden Frauen auf Platz sieben zurück. Mit bis zu drei weiteren Rennen vor dem Startschuss zum Medaillenfinale und 17 Punkten Rückstand auf Platz drei wahrten die Berlinerinnen jedoch immer noch eine kleine Medaillenchance. Kämpferisch sagte "Püppi" Jurczok: "Wir machen morgen alles wie immer, denn damit sind wir hier sehr gut gefahren. Es ist immer noch alles offen!" Für die Rennen am heutigen Sonntag sind wieder mildere Bedingungen vorhergesagt, die Jurczok/Lorenz besser liegen. Ihre Teamkameradinnen Tina Lutz und Susann Beucke starten als Gesamt-Zwölfte in den letzten WM-Tag. Auch sie hatten am Samstag eine Kenterung in aussichtsreicher Position hinnehmen müssen. Leonie Meyer und Elena Stoffers haben mit 16 Punkten Rückstand auf Platz zehn in den verbleibenden Rennen der Hauptrunde noch eine hauchdünne Chance sich für das Medaillenrennen am Sonntagnachmittag (späterer Sonntagabend deutscher Zeit) zu qualifizieren.
Das deutsche Glanzlicht des vorletzten WM-Tages setzten für das Audi Sailing Team Germany die Kieler Justus Schmidt und Max Boehme, denen mit der letzten Wettfahrt am Samstag ein kleines Meisterwerk gelungen war. Segel-Gourmets sei es in der Wiederholung (www.49er.org, "Day 5") ans Herz gelegt. Der jungen Crew vom Kieler Yacht-Club, die am Sonntag als 16. mit 23 Punkten Rückstand auf Platz zehn in die letzten WM-Wettfahrten vor dem Medaillenrennen startet, gelang zum Abschluss des vorletzten Regattages eines dieser unvergesslichen Rennen.
Ein Blitzstart hatte Schmidt/Boehme von Beginn an in der Spitzengruppe mitsegeln lassen. Mit mutiger Positionierung weit links auf dem Kurs übernahmen sie nach zwei Dritteln der ersten Kreuz auf dem Weg zur Top-Marke die Führung – und gaben die bis ins Ziel nicht mehr ab. Die Galavorstellung in Sachen Geschwindigkeit und Souveränität war imposant, denn am Heck der Kieler suchten immer wieder die neuseeländischen Überflieger Peter Burling und Blair Tuke nach einer Überholmöglichkeit. Doch die eröffneten Schmidt und Boehme für die Titelverteidiger und Weltsegler des Jahres 2015 nicht. "Wir waren mit Blick auf unsere Geschwindigkeit und die Laylines sehr sicher. Da passte einfach eins zum anderen", erklärte Schmidt. Die KYC-Crew bretterte wie im Rausch fehlerfrei über den Kurs, demonstrierte perfekte Manöver und leistete damit vor allem für sich selbst eine formidable Wiedergutmachung für die verkorkste Vorrunde, die das Team um eine wesentlich bessere Position gebracht hatte. "Das war ein sehr, sehr gutes Gefühl", sagte Justus Schmidt.
Wie geht die WM heute zu Ende?
Geplant sind für die 49er- und die 49erFX-Goldflotten noch bis zu drei abschließende Rennen in der Hauptrunde. Diese Rennen werden ab 10 Uhr Ortszeit (16 Uhr deutscher Zeit) hier live übertragen. Parallel finden auch die letzten Nacra-17-Rennen ohne die ausgeschiedenen Kohlhoff/Werner, aber mit den Flensburgern Jan Hauke Erichsen und Lea Spitzmann statt, die sich mit einem Platz in den Top 20 Punkte für die nationale Ausscheidung um die Rio-Fahrkarte erkämpfen können. Im Anschluss an die finalen Rennen der Goldflotten finden in allen drei Olympiadisziplinen die Medaillenrennen statt: Das Nacra-17-Finale ist für 14.30 Uhr Ortszeit (20.30 Uhr deutscher Zeit) angesetzt. Die 49er-FX-Finalistinnen folgen um 15 Uhr (21 Uhr deutscher Zeit). Das finale Ausrufezeichen setzen die 49er-Herren ab 15.30 Uhr (21.30 Uhr deutscher Zeit). Alle drei Medaillenrennen werden ebenfalls live übertragen. Fans dürfen sich also auf einen langen Abend – gegebenenfalls ohne Tatort – einrichten.

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