Fast zwei Jahrzehnte zählte Toni Wilhelm zu den stärksten deutschen Athleten in der Segel-Nationalmannschaft. Er hat den Tiefschlag bei seiner Olympia-Premiere, als er in Athen nur 30. wurde, ebenso weggesteckt wie die verpasste Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008. Immer wieder stand er auf, immer wieder hat er sich für weitere vier Jahre hartes Training motiviert. Die Krönung seiner großen Leidenschaft wäre vor vier Jahren beinahe gelungen. In Weymouth hatte Wilhelm die Hand schon dran an Bronze, war als Dritter ins Medaillenfinale gestartet, musste aber als Vierter der Medaillen-Zeremonie zusehen.
Danach hat sich der Star vom Wüttembergischen Yacht-Club noch einmal aufgemacht, seinen Traum von der Medaille zu jagen. Weiterhin ohne jede Konkurrenz oder Sparringspartner im eigenen Land, hat er sich mit seinem Trainer Pierre Loquet und internationalen Partnern zu Trainingsgruppen zusammengeschlossen. Von Verletzungen geplagt, von mageren Ergebnissen begleitet, kämpfte sich der jetzt 33-Jährige noch einmal an die Weltspitze heran. Mit einem fulminenten Wettfahrtsieg konnte er in Rio de Janeiro zeigen, dass er zu den besten Olympiasurfern der Welt zählt. Zu einer Medaille hat es nicht ganz gereicht. "Da muss ich meinen Hut vor denen vorn ziehen, mit denen ich bei dieser Regatta nicht ganz mithalten konnte", sagte der immer faire Surfer. Seine heftige Erkältung während der Olympia-Regatta und der am Tag vor dem Medaillenfinale behandelte Magen-Darm-Infekt haben dem Schwarzwälder das Agieren auf den Olympia-Kursen bei seinem dritten und letzten Olympia-Einsatz nicht leichter gemacht.
Toni Wilhelm beendet seine Karriere als Sechster der Olympia-Regatta versöhnt mit sich und seinem Sport. In der Guanabara-Bucht erkämpfte er sich bei seinem letzten olympischen Auftritt im Finale noch einmal Rang fünf. Gold hatten sich schon vor dem Finale wie vor vier Jahren der Niederländer Dorian van Rijsselberge vor dem Briten Nick Dempsey gesichert. Bronze gewann im spannenden Showdown der Franzose Pierre Le Coq vor dem Polen Piotr Myszka. "Ich bin mit beiden befreundet und hätte es beiden gegönnt. Der Pole fühlt sich jetzt wie ich vor vier Jahren und tut mir leid." Mit dem "Fliegenden Holländer" Dorian van Rijsselberge jubelte auf dem Medaillen-Kurs unter dem Zuckerhut und vor dem mit Tausenden Fans bevölkerten Flamengo-Strand die holländische Königsfamilie auf einem Begleitboot.
Toni Wilhelm, der Solo-Surfer unter den Seglern im deutschen Segelsport, beendet seine Karriere "mit gemischten Gefühlen": "Es ist schade, dass ich die Medaille nicht gewinnen konnte, aber ich zähle zu den weltbesten Surfern, und meine Karriere hat mir so vieles gegeben." Der Sportwissenschaftler sagte weiter: "Ich will dem Sport mein Leben lang treu bleiben, denn er ist mein Leben." Nach Wilhelms Rücktritt sind im RS:X-Surfsport keine Nachfolger in Sicht. Der Abschied des Mannes, der auch ohne Olympia-Medaillen oder WM-Titel ein großer Athlet ist, reißt ein Loch ins Sailing Team Germany, das im Surfen auf absehbare Zeit nicht zu füllen sein wird.