Die Segelnationalmannschaft hatte nach einer Serie von erfolgreichen Tagen am Mittwoch einige Dämpfer bei der Segel-WM in Den Haag wegzustecken. Die Olympia-Dritten Paul Kohlhoff/Alica Stuhlemmer (Kieler Yacht-Club) konnten sich als Neunte nach 15 Rennen zwar fürs Nacra-17-Medaillenrennen am Donnerstag qualifizieren, fanden aber mit den Rängen 15, 8 und 10 erneut nicht zu ihrer herausragenden Vorrundenform zurück. Das Duo hat keine Medaillenchance mehr, aber in seiner Disziplin den Nationenstartplatz für Deutschland für Olympia 2024 gesichert.
Wir sind unglaublich enttäuscht” (Paul Kohlhoff)
“Vielleicht haben wir uns zu sehr auf diese wichtige Aufgabe konzentriert”, sagte Paul Kohlhoff am Abend im Hafen von Scheveningen. Er hielt sich mit Selbstkritik nicht zurück: “Wir sind unglaublich enttäuscht. Unsere Leistung war in der Hauptrunde so krass schlechter als zuvor. Das war ein überraschendes Versagen.” Auf der Suche nach den Ursachen für den Absturz im Klassement sagte der 28-jährige Steuermann: “An den ersten drei Tagen hatten wir immer ähnliche Bedingungen, haben von einem Tag für den nächsten lernen können. Vielleicht war danach unser Fokus auf den Nationenstartplatz zu stark.”
Aus spannender Ausgangsposition starten die deutschen 470er-Mixed-Crews am Donnerstag ins Medaillenrennen der Top Ten. Während die Japaner Keiju Okoda und Miho Yoshioka (39 Punkte) sich den WM-Titel vorzeitig sicherten, haben sich Malte und Anastasiya Winkel (Kiel) im Endspurt einmal mehr nervenstark nach vorn gearbeitet. Das Ehe- und Segelpaar liegt vor dem doppelt gewerteten Finale mit 80 Punkten auf Platz drei. Nur drei Zähler trennen sie im Kampf um Silber von den zweitplatzierten Spaniern Jordi Xammar und Nora Brugman.
Vorschoterin Anastasiya Winkel sagte zum Szenario vor der Entscheidung: “Es ist ähnlich wie bei der olympischen Testregatta in Marseille. Wir wollen angreifen. Es gibt aber zu viele Gegner im Kampf um die Medaillen. Die kann man nicht alle gleichzeitig decken. Wir wollen also unseren eigenen Plan umsetzen, möglichst einen Vorsprung rausholen und den verteidigen.”
Im letzten Rennen der Hauptrunde hatten Malte und Anastasiya bei ihrem Sieg den Mut gezeigt, den sie auch fürs Finale gut brauchen können: Gegen die Flottenmehrheit hatten sie sich für die andere Kursseite entschieden, weil sie dort Druck erwarteten – und den bekamen sie. Die elfte Wettfahrt der 470er-Mixed-Flotte gewannen sie dominant.
Nur einen Punkt hinter den Winkels liegend, wollen auch die Österreicher Lara Vadlau und Lukas Mähr im WM-Finale nach Edelmetall greifen. Genauso wie die auf Platz fünf liegenden Simon Diesch/Anna Markfort (Württembergischer Yacht-Club/ Jorsfelder Yacht-Club) mit 82 Zählern. Das Duo hatte am Mittwoch nach zuvor starkem zweiten Platz einige Federn lassen müssen und den Tag mit einem 24. Rang als Streicher beendet, hat aber weiter gute Medaillenchancen.
Die Titelverteidiger im neu olympischen 470er-Mixed, Luise Wanser und Philipp Autenrieth (Norddeutscher Regatta Verein/Bayerischer Yacht-Club), sicherten sich ihre Finalteilnahme als Achte, können aber kaum mehr in den Kampf um die Medaillen eingreifen. Ein Trost für alle aus der Weltklasse-470er-Trainingsgruppe des German Sailing Teams: Der Nationenstartplatz für Deutschland ist im 470er-Mixed für 2024 gesichert.
Ilca-7-Steuermann Philipp Buhl gelang mit Rang vier am Mittwoch ein starkes Rennen, bevor er sich einen 36. Rang einfing und sagte: “Der hat mich sehr geärgert, aber über meinen Zwischenstand will ich mal nicht meckern.” Der Allgäuer segelt als Vierter in der mit 138 Booten größten WM-Flotte weiter in guter Schlagdistanz zu den Medaillen.
Auch setzt Philipp Buhl bislang die Ausrufezeichen in der im Ilca 7 bereits begonnenen nationalen Ausscheidung um das individuelle Ticket zu den Olympischen Spielen. Konkurrent Nik Aaron Willim (Norddeutscher Regatta Verein), der seinen Meister und Sparring-Partner in der Ausscheidung zu den Pre-Olympics überraschend hatte schlagen können, liegt im Ilca 7 nach sechs von zehn Rennen bis zum Finale auf Platz 18. Im Ilca 6 der Frauen fiel Julia Büsselberg (Verein Seglerhaus am Wannsee) auf Platz elf zurück, blieb aber in Finalreichweite.
Überragend agiert im WM-Revier vor Den Haag seit dem Start Kiterin Leonie Meyer (Norddeutscher Regatta Verein). Trotz anhaltendem Magen-Darm-Infekt und einem gebrochenen Foil verteidigte die 30-jährige Athletin, Medizinerin und Mutter auch am Mittwoch ihren vierten Platz im topbesetzten WM-Feld. Woher sie die Energie für die herausragenden Leistungen nimmt, kann sie selbst kaum erklären: “Zwei Bananen am Tag schaffe ich gerade.”
Ein Crash mit der Spanierin Gisela Pulido Borrell hatte dafür gesorgt, dass sich ein versierter FES-Techniker des German Sailing Teams in der Nacht zum Donnerstag um die Reparatur kümmern muss. Kämpferisch sagte die Viertplatzierte: “Es ist erst zu Ende, wenn es zu Ende ist. Mein Zwischenstand ist megagut, viel besser als erwartet. Die leichten Winde kommen mir entgegen.” Etwas mehr zu kämpfen haben Jannis Maus (12., Cuxkiters) und Flo Gruber (15., Norddeutscher Regatta Verein) bei den Männern.
Titelverteidiger Sebastian Kördel war nach langem Warten mit den neu olympischen iQFoilern am späten Mittwochabend noch im Einsatz und fügte seinen Glanztaten einen weiteren Tagessieg hinzu. Der Windsurf-Riese liegt auf Platz drei und damit gut auf Kurs. Im iQFoil der Frauen, in dem die deutschen Windsurferinnen seit der Aufnahme ins olympische Programm um Anschluss an die Weltspitze ringen, hat Theresa Steinlein einen sichtbaren Schritt nach vorn gemacht. Die 21-Jährige vom Norddeutschen Regatta Verein hat bei der WM bereits zwei Tagessiege errungen und lag am Mittwochabend kurz nach der Halbzeit ihrer WM-Serie auf Platz elf.
Weniger gute Nachrichten gab es von der Skiff-Front: Nach vielversprechenden Einzelleistungen ist es weder den 49er-FX-Frauen noch den 49er-Männern gelungen, den Nationenstartplatz für Deutschland für die Olympischen Spiele 2024 frühzeitig zu sichern. Dafür hätten sie bei der Segel-WM in Den Haag in die Top Ten segeln müssen. Als bestes deutsches 49er-Team segelten Maximilian Stingele und Linov Scheel (Kieler Yacht-Club) auf Platz 17. Marla Bergmann und Hanna Wille (Mühlenberger Segel-Club), die bei der WM so vielversprechend durchgestartet waren, beendeten die Serie nach einem Frühstart und einer Rennaufgabe als 19.
Zwei weitere Crews sicherten sich beim Nordseegipfel der Olympiasegler schon vor dem Finale WM-Gold: Im Frauen-Skiff 49er FX sind die Schwedinnen Vilma Bobeck und Rebecca Netzler nicht mehr zu schlagen. Im Männer-Skiff 49er holten Bart Lambrieux und Floris Van de Werken das erste WM-Gold für die niederländischen Gastgeber.
AKTUALISIERUNG (17. August): Die Stände im 470er-Mixed haben sich am späten Mittwochabend nochmals geändert. Die Top-Ten gehen am Donnerstagnachmittag so ins Medaillenfinale: 1. Okada/Yoshioka (JPN, 40 Punkte); 2. Jordi Xammar/Nora Brugmann (ESP, 78 Punkte); 3. Malte und Anastasiya Winkel (80 Punkte); 4. Lara Vadlau/Lukas Mähr (AUT, 81 Punkte); 5. Simon Diesch/Anna Markfort (82 Punkte); 8. Luise Wanser/Philipp Autenrieth (96 Punkte).

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