Regatta-NewsSind Segelprofis potentielle Betrüger?

Lars Bolle

 · 20.05.2002

Regatta-News: Sind Segelprofis potentielle Betrüger?Foto: www.sailing.org

Paul Henderson, Präsident des Weltseglerverbandes, ist entsetzt über die breite Missachtung von Regeln im olympischen Segeln

  Paul Henderson, ISAF-PräsidentFoto: www.sailing.org
Paul Henderson, ISAF-Präsident

Es geht um die Regeln über unerlaubte Vortriebsmittel und das Verbot des Tragens von Gewichtswesten. Henderson hat eklatante Verstöße festgestellt, führt diese auf die zunehmende Professionalisierung zurück und fordert mehr Kontrolle.

Laut Wettfahrtregel 42 darf "...ein Boot in einer Wettfahrt nur Wind und Wasser nutzen um seine Geschwindigkeit zu erhöhen...". Pumpen, Rollen, Treiben oder Wriggen sind bis auf kleine Ausnahmen untersagt. In Regel 43 wird das Tragen von Gewichtswesten, die zur Erhöhung des Trimmgewichtes dienen, verboten.

Paul Henderson hat nun festgestellt, dass sich bei den olympischen Bootsklassen so gut wie niemand daran hält. In Zeiten, wo Segler Geld für ihre Leistungen erhalten und die berufliche Karriere der Trainer mehr denn je von diesen Leistungen abhängig ist, würden die grenzen des Erlaubten immer öfter überschritten.

Henderson hat sich auf großen Regatten, zuletzt bei der Miami Olympic Classes Regatta und bei der olympischen Woche in Hyéres umgesehen. "Ich gehe immer durch den Bootspark und spreche mit den Seglern, während diese sich still und heimlich dicke Pullover und beschwerte Schwimmwesten ausziehen. Das Betrügen ist zügellos."

Auf dem Wasser sehe es bei der Einhaltung der Vortriebsmittel-Regel nicht besser aus. Am schlimmsten seien die Zustände in den Klassen Star, Finn, Europe und Laser. Auch der Yngling sei ein Problem. Vorbildlich dagegen seien der Tornado und der 49er, aber nur, weil sich bei diesen Bootstypen mit unerlaubten Bewegungen nicht viel erreichen lasse.
Die 470er hätten zuletzt eine "gelbe Flagge" eingeführt, mit der Verstöße, ähnlich wie beim Fußball mit der gelben Karte, schon auf dem Wasser geahndet werden.

"Ich war schockiert", so Henderson, "dass die Starboot-Klasse ihren Crews erlaubt, vor dem Mast zu stehen und so mit sehr einfachen Bewegungen ihr Boot vor dem Wind zu schaukeln. Können sie das nicht ganz einfach kontrollieren indem sie verlangen, dass sich kein Crewmitglied vor dem Mast aufhalten und nicht an Deck stehen darf, außer für Manöver?"

Die Lösung für die Probleme bei den Klassen Finn, Europe und Laser seien in Hyéres offensichtlich gewesen. Die Finn-Flotte sei völlig außer Kontrolle gewesen und auf die Frage, wie es sein könne, dass ein Kanadier auf einem Gang vom 5. auf den 25. Platz zurückfalle, antwortete einer der Top-Teilnehmer: "Ihr Kanadier seid zu ehrlich" (Henderson ist Kanadier).

Als Henderson sich dann den Kurs der Laser und Europes ansah, konnte er kaum glauben, wie streng sich dort an die Regeln gehalten wurde, nachdem auch diese Flotten noch in Miami außer Kontrolle waren. Die Antwort sei simpel gewesen. "Luciano Giacomi, 'The Hanging Judge'" (der Henker). "Die Segler wissen", so Henderson, "wenn Luciano auf dem Kurs ist, fordert er, dass sie nach den Regeln segeln, und darin liegt die Herausforderung für den Weltseglerverband."

Die ISAF sei derzeit nicht dafür gerüstet, um auf dem Wasser die Einhaltung der Regeln zu überwachen. Sie müsse ein Team von Regelwächtern für alle großen olympischen Regatten etablieren. Diese müssten in Schlauchbooten aufs Wasser und gelbe Karten als Warnung sowie rote Karten als Disqualifikation für Wiederholungstäter verteilen.

Damit die Kosten nicht durch zusätzliche Helfer explodieren, schlägt Henderson vor, die internationale Protest-Jury von fünf auf drei Mitglieder zu verkleinern.

"Das Segeln auf olympischem Niveau ist außer Kontrolle", so Henderson abschließend in seinem Statement auf der ISAF-Website, "und der Weltseglerverband muss agieren bevor der Segelsport völlig seinen guten Ruf verliert."

Hendersons Artikel hat für rege Diskussion bei Regattaseglern gesorgt. So haben die beiden Madaillengewinner von Sydney, Mark Reynolds und Luca Devoti erklärt, dass sie nur gewinnen konnten, weil die Jury in Sydney militant durchgegriffen habe und strikt nach den Regeln gesegelt wurde. Andere Segler sind der Meinung, man solle Pumpen und das Tragen von Gewichtswesten völlig freistellen, das olympisches Segeln ein Spitzensport sei und jemand, der nicht die nötige Kondition für diese Kräfte zehrenden Beschleuniger mitbringe, nicht das recht auf den Sieg habe.

Wie ist Ihre Meinung?
Sollte die Einhaltung der Regeln strenger überwacht werden?
Sollten Vortriebsmittel wie Pumpen, Treiben oder Schaukeln und das tragen von Gewichtswesten generell freigestellt werden?

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