Philipp Buhl hat im olympischen Segelsport fast alles erreicht, was er sich vorgenommen hat. Sein 2020 im Heimatrevier des zweimaligen australischen Olympiasiegers Matt Wearn gewonnenes WM-Gold war der Höhepunkt der bisherigen Karriere, in der er vier WM- und drei EM-Medaillen gewinnen konnte – mehr als es je einem deutschen Segler in dieser größten olympischen Disziplin gelang. Nur die ersehnte Olympia-Medaille fehlt dem Allgäuer nach schmerzhaften Niederlagen im Zeichen der fünf Ringe immer noch. Die will er jetzt ein letztes Mal jagen gehen.
Sein Motto dafür hatte Buhl im vergangenen Sommer beim Wiedereinstieg so beschrieben: „Ich will es nicht nochmal machen. Ich will es anders machen. Ich will es besser machen.“ Davor hatte er sich nach dem unglücklichen 13. Platz bei der Olympia-Regatta 2024 in Marseille eine längere Aus- und Bedenkzeit genommen, seine Karriere und sein Leben insgesamt auf den Prüfstand gestellt. Auch brauchte er die Zeit “zur Heilung meiner mentalen Verletzung“. Die wurde ihm vom Verband im Kaderstatus gewährt.
Schon während dieser Phase wurde Buhl klar, dass er noch nicht fertig ist mit den Spielen seines Lebens. Am Ende der Neufokussierung stand fest: Er will es noch ein letztes Mal wissen, will noch einmal um die Olympia-Medaille ringen, die immer eines seiner beiden großen Ziele war. Das andere ist mit WM-Gold längst erreicht. Nun aber wird Buhls vierte Kampagne in den kommenden Monaten deutlich schwerer als erhofft, denn der Deutsche Segler-Verband (DSV) segelt vorerst ohne den Leistungsträger im Kader in die Zukunft.
Die Chronologie der Ereignisse: Nach Buhls vorab angekündigtem und mit dem Verband abgesprochenen Verzicht auf den Start bei der Weltmeisterschaft der olympischen Ilca-7-Disziplin in China früh im Jahr 2025, war als „Ersatzkriterium“ für seine Erfüllung der Kaderkaderkriterien die Europameisterschaft vereinbart worden. Diese EM hatte Buhl im schwedischen Marstrand nach seinem Wiedereinstieg als 14. beendet und damit die Kaderbestätigung verpasst.
Bei den Entscheidungen über die Kaderberufungen der Segler und Seglerinnen für 2026 half es Buhl zum Jahresende auch nicht, dass er trotz seiner langen Pause bei allen vier von ihm 2025 bestrittenen Regatten immer klar der beste deutsche Akteur war. Eine positive „Einzelfallentscheidung“ gab es für Buhl nicht.
Während mehrere jüngere Ilca-7-Steuermänner aufgrund ihrer Leistungen in den Perspektivkader berufen wurden, verlor der 37 Jahre alte Klassenälteste und -beste seinen Kaderplatz in einem System, das weder die nach dem Comeback zurückeroberte Top-Position in Deutschland noch vergangene Erfolge oder das Potenzial berücksichtigt. Damit hadert Buhl nun laut. Er kritisiert und argumentiert, zürnt, provoziert und kämpft.
DSV-Cheftrainer Dom Tidey erklärte zu Nicht-Nominierung Buhls: „Der Prozess der Selektion ist im Rahmen des deutschen Systems altersbasiert. Jedes Jahr, das sie älter werden, wird die Leistungserwartung härter. Es gibt einige Teams, die nicht in den Kader aufgenommen wurden.“ Auch Philipp Buhls Trainingskamerad und WG-Mitbewohner Justin Barth muss den zunächst erhaltenen Kaderstatus noch bestätigen. Seine Auflage: Er muss bei der EM im Mai in die Top 20 fahren.
Buhls jüngerer Vereinskamerad Julian Hoffmann blickte auf das gemeinsame Training der Ilca-7-Gruppe und sagte: „Philipp hat einen enormen Mehrwert in unsere Trainingsgruppe eingebracht. Mit seiner Erfahrung und seinem Wissen hat er in jeder Trainingseinheit die Maßstäbe der Weltspitze verkörpert. Das ist ein echter Verlust.“ Doch der Verband sah nach den verpassten Kaderkriterien und weiteren „nicht erfüllten sportspezifischen Anforderungen“ von der Kaderberufung Buhls ab.
Head Coach Dom Tidey sagte: „Die Leistungskriterien waren klar kommuniziert. Philipp hat die Kaderziele beim Selektionsevent nicht erreicht. Wir müssen konstante Standards über das gesamte Team hinweg einhalten.” Platz vier bei der Kieler Woche direkt nach der Auszeit, der Sieg bei der IDM im Herbst und auch die zuletzt überzeugende Dezember-Leistung als Sieger einer Winterregatta vor Lanzarote reichten für Buhl nicht.
Unter dem Strich blieb für die von allen immer noch unbestrittene deutsche Nummer eins im Ilca 7 das vorläufige Kader-Aus. Begleitet wurde diese schwarze Botschaft für Buhl von der Aussicht, sich bei der Europameisterschaft vom 15. bis zum 22. Mai im kroatischen Kastela mit einem Top-Drei-Ergebnis wieder in den Kader segeln zu können.
Buhl sieht die Aufgabe mit Blick aufs voraussichtlich WM-reif besetzte EM-Feld als “klassisches Olympiakaderkriterium”, nennt es „unrealistisch“. Gefordert sei „ein Ergebnis etwa in den Top-Zwei-Prozent, das auch die Besten nicht im Laser nicht oft erreichen“. Weil die Ilca 7-Flotte olympisch die größte sei, falle die Aufgabe für ihn zusätzlich schwerer aus als für Kaderkandidaten in anderen Disziplinen.
Als Hauptverursacher seiner aktuellen Abseitsposition sieht Philipp Buhl seinen langjährigen Ilca-7-Coach Alexander Schlonski. Dessen Wirken hatte er vor den Kaderentscheidungen intern kritisiert und nach rund neun Jahren der Zusammenarbeit eine Neu- oder Umbesetzung des Ilca-7-Seniorentrainerpostens eingefordert, darauf aber aus seiner Sicht nur ausweichende oder keine Antworten erhalten.
Bei der Kaderentscheidung sah sich Buhl von Schlonski dann nicht mehr unterstützt. “Bei Justin Barth hat sich Alex in der Einzelfallentscheidung für Justin ausgesprochen. Bei mir hat er geschwiegen. Er hätte ja gerne sagen können, dass er mich nicht mag, aber die Perspektive sieht, die ich klar gezeigt habe. Alex weiß, dass ich der beste Lasersegler in Deutschland bin. Er hat aber nicht gesagt: ‘Philipp hat das größte Potenzial, den brauchen wir’, sondern mich mit rausgeschmissen”, sagt Buhl über seinen langjährigen Coach.
Die einst gut funktionierende Athleten-Trainer-Beziehung hat seit ihrem Beginn nach den Rio-Spielen 2016 Höhen und Tiefen erlebt. Vor der Olympia-Regatta in Marseille 2024 hatten sich nach Buhls Test-Kooperationen mit anderen Trainern aber beide noch einmal zum gemeinsamen olympischen Medaillen-Angriff – dem dritten Buhls – entschlossen. Platz 13 enttäuschte beide stark. Nun sagt Buhl nach seinen Analysen: “Ich will nicht mehr mit ihm arbeiten, weil er nicht mehr den Drive hat, den es braucht, um noch einmal etwas zu reißen. Dieses Thema ist der Ursprung für die Situation.“
Der Trainer sieht die Situation bei der Arbeit mit der Ilca-7-Gruppe nach seinen Analysen anders. Alex Schlonski sagt: „Philipp hat wirklich alle Unterstützung bekommen, die er brauchte. Er hatte krasses Entgegenkommen vom Verband für seine lange Auszeit und die Chance, die Kaderbedingungen zu erfüllen. Das hat er oft genug getan, nun aber zweimal hintereinander nicht. Die zentrale Frage für mich ist nicht, warum er nicht in den Kader gekommen ist, sondern warum er die Kadernorm mit seinem Können und seiner Erfahrung nicht geschafft hat. Meine Antwort darauf ist Philipp bekannt. Dann hätten wir die Diskussion jetzt nicht.“
Noch immer sieht Schlonski Buhls „herausragende Fähigkeiten“, sagt aber nach dem langen gemeinsamen Weg auch: „Ich bin nicht sein Punching Ball.“ Auf seine Nicht-Berufung in den Kader hatte Philipp Buhl dann bei der letzten, von ihm gewonnenen internationalen Regatta des Jahres im Dezember drastisch reagiert, weil er sich und seine Kritik „über Monate“ als „ungehört” empfand: Auf Lanzarote streifte er sich sein Team-Bip ab und entsorgte es symbolträchtig in einem Müllcontainer. So zeigte es ein sich nach 24 Stunden selbst löschender Vier-Sekunden-Clip bei Instagram ohne weiteren Kommentar.
“Ich kann mich dafür gerne entschuldigen. Ich will nicht mit dem DSV streiten. Aber das Leibchen erschien mir als letzte Möglichkeit, dass mit mir geredet wird. Über das, was abgelaufen ist. Und warum. Ich weiß, dass der Clip provoziert hat, aber man hätte es auch schlimmer machen können. Ich habe es als letzten Ausweg gesehen und es hat ja funktioniert. Sie haben endlich mit mir gesprochen, ich konnte meine Beweggründe erklären”, erklärt Buhl.
Buhl fordert ein, “dass Spitzensportförderung am potenziellen Erfolg orientiert erfolgen sollte”. So stünde es auch in einem noch nicht in Kraft getretenen Gesetzesentwurf der Bundesregierung. Buhl weist auf eine darin enthaltene Passage hin, in der es heißt: „Die Stellung der Spitzenathletinnen und Spitzenathleten wird gestärkt und ihre Bedürfnisse werden im Rahmen der potenzial- und erfolgsorientierten Förderung stärker in den Blick genommen.“
Man kann nicht diskutieren, dass ich der leistungsstärkste Ilca-Segler im Team bin.” Philipp Buhl
Diskutiert und geahndet aber wurde der veröffentlichte Clip. Dom Tidey erklärte: „Der Post war besorgniserregend, denn wir waren übereingekommen, Philipp trotz seiner Nicht-Nominierung finanziell und logistisch zu unterstützen, inklusive bezahltem Training und Zugang zu den Einrichtungen. Der Post hat Respektlosigkeit gegenüber dem Team gezeigt, das immer noch in seinen Weg zurück investiert. Das hat die Situation verändert. Wir mussten das Unterstützungspaket neu bewerten.“
Die Folgen hat Buhl nun zu tragen: Hatte er auch ohne Kaderstatus die Erlaubnis, sein Boot in der DSV-Halle in Kiel zu lagern und die Einrichtungen im Bundesstützpunkt des Deutschen Segler-Verbandes und technische Unterstützung zu nutzen, sind diese Privilegien vorerst erloschen.
Der Clip hat den Verband, Cheftrainer Dom Tidey, Sportdirektorin Nadine Stegenwalner und auch DSV-Präsidentin Mona Küppers empört. Buhl hat sich zwar das erhoffte Gehör verschafft, doch das hat ihn auch Kredit bei den Verbandsentscheidern und Unterstützung gekostet. “Das hat die Landschaft für uns verändert, wir mussten handeln”, sagt Dom Tidey. Das Kader-Comeback-Ziel für Buhl, die Top-Drei bei der EM zu erreichen, bleibe jedoch gültig.
Dazu ergänzte DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner: “Wir würden gerne sehen, dass Philipp sich aufs Segeln konzentriert. Wenn es wild wird – nicht auf dem Wasser, sondern an Land und in den Medien – dann müssen wir die Chance möglicherweise nehmen. Um eine gute Kooperation zu erreichen, muss es gute Kommunikation und Vertrauen auf beiden Seiten geben.”
Ich denke, ich weiß, wie er sich fühlt, aber aktuell kann ich nur für uns sprechen. Das Vertrauen muss wieder aufgebaut werden.” Nadine Stegenwalner
Philipp Buhl prüft nun seine Optionen. Die Streichung der Unterstützung auch außerhalb der Kaderzugehörigkeit könnte ihn nach eigener Schätzung bis zu 30.000 Euro kosten. An seiner Olympia-Kampagne aber hält er unbeirrt fest. Dafür braucht er Partner und Wegbegleiter, die seinem Können, seinem Potenzial und seiner Willenskraft vertrauen.
Will Buhl seine Chance zum Kader-Comeback schon im Mai ergreifen, “müsste alles perfekt laufen”. Wichtigster Zielwettkampf des Jahres ist für ihn daher die der EM folgende Weltmeisterschaft in der letzten Augustwoche im irischen Revier von Dun Laoghaire. Spätestens dort will er in die Top-Acht und sich in den Kader zurücksegeln.
Bis dahin segelt er am Abgrund. „Mit abgespecktem Programm” will er bis August „klarkommen“. “Dann lege ich meinen Essensbeutel eben aufs Startschiff. Aber ich brauche Menschen, die an mich glauben. Dann geht es weiter. Ich muss eine Grundfinanzierung mobilisieren, um wieder zu der kompromisslosen Kampagne zu kommen, die es dieses Mal nur sein kann.” Dafür hat Buhl auch ein SailGP-Angebot ausgeschlagen. Er will sich noch ein letztes Mal auf das große Ziel Olympia fokussieren.