Tatjana Pokorny
· 12.05.2024
Am Finaltag der 470er-Mixed-Europameisterschaft flossen viele Tränen in Cannes. Es waren Tränen der Erleichterung, der überschäumenden Freude, aber auch Tränen tiefer Enttäuschung. Freud und Leid lagen an diesem letzten Tag der nationalen Olympia-Ausscheidung nach drei Regatten und insgesamt 31 bestrittenen Rennen im Lager des German Sailing Teams ganz nah beieinander. Während sich der Traum von der Olympia-Teilnahme für die Ausscheidungssieger Simon Diesch und Anna Markfort erfüllte, platzte er für Malte und Anastasiya Winkel auf der Zielgeraden.
Die Dramaturgie der Entscheidung hätte auch ein Krimiautor kaum spannender erfinden können. Steuermann Simon Diesch vom Württembergischen Yacht-Club und Anna Markfort vom Verein Seglerhaus am Wannsee waren mit 34 Punkten nach zwei von drei Ausscheidungsregatten in die alles entscheidende EM vor Cannes gestartet. Ihr Punktepolster auf die schärfsten Rivalen Malte und Anastasiya Winkel (29 Punkte) betrug vor dem ersten EM-Startschuss fünf Zähler.
In den zur EM fast durchweg sehr flauen Mittelmeer-Winden aber hatten Diesch/Markfort nach zwei vierten Plätzen in den Ausscheidungsregatten eins und zwei erstmals zu kämpfen. Sie waren bis zur neunten der zehn Wettfahrten in der Hauptrunde sogar bis auf Rang 19 abgestürzt. In einem letzten Konzentrations- und Kraftakt erkämpften sie sich im letzten Rennen der Goldflotte noch einen fünften Rang und rückten im Gesamtklassement auf EM-Platz 13 vor. Weiteres konnten sie nicht dann nicht mehr tun.
“Die letzten 24 Stunden waren die schlimmsten und längsten für uns beide” (Anna Markfort”
Malte und Anastasiya Winkel dagegen qualifizierten sich als Zehnte und einzige deutsche Crew knapp fürs Medaillenrennen. Dadurch hatten sie es selbst es in der Hand, mit einem guten Finallauf in der Ausscheidung noch an Diesch/Markfort vorbeizuziehen. EM-Platz acht oder besser – das wussten alle – hätte den Winkels zur Marseille-Fahrkarte gereicht. Die mehr als eineinhalbstündige Startverschiebung machte es an diesem Tag zwischen Hoffen und Bangen an Land und auf dem Wasser weder für die Beobachter noch die Segler besser. “Die letzten 24 Stunden waren die längsten und schlimmsten für uns beide”, brachte Anna Markfort kurz nach dem Finale die für ihren Steuermann und sich selbst herrschende Anspannung auf den Punkt.
Wir haben uns mit allem, was wir haben, da reingeworfen” (Malte Winkel)
Alle Winkel-Hoffnungen platzten mit Rang neun im Medaillenrennen, in dem der Wind sich erneut nicht zu mehr als vier bis sechs Knoten aufraffen konnte. Damit blieben der Steuermann vom Schweriner Yacht-Club und seine Vorschoterin vom Norddeutschen Regatta Verein EM-Zehnte. Das reichte nicht, um Simon Diesch und Anna Markfort noch das Olympia-Ticket zu entreißen. Malte Winkel sagte: “Der Druck ist in den letzten Tagen immer weiter gestiegen. Wir haben uns mit allem, was wir haben, da reingeworfen. Aber bei den leichten Winden, da gehen Rennen so oder so aus. Es sollte wohl nicht sein.”
Wir hatten uns am Ende der Ausscheidung selbst mit dem Rücken an die Wand gestellt” (Simon Diesch)
In der Addition aller Ergebnisse bei den drei Ausscheidungsregatten konnten sich Diesch/Markfort in der 470er-Mixed-Olympia-Ausscheidung mit 42:40 Punkten gegen Winkel/Winkel durchsetzen. “Da habe ich auch bei Simon Tränen gesehen”, sagte Anna Markfort. Ihr Steuermann nickte: „Auch, wenn ich manchmal vielleicht so tue: Ich bin nicht aus Stahl. Wir hatten uns am Ende der Ausscheidung selbst mit dem Rücken an die Wand gestellt. Natürlich sind auch bei mir dann etliche Tränen gekommen. Es ist eine Riesenerleichterung.”
Weiter sagte der 29-Jährige, dessen Onkel und Vater Jörg und Eckart Diesch 1976 auf ihrem Flying Dutchman namens “Fetz 3” zum Olympia-Sieg gesegelt waren: „Ich habe vor drei, vier Monaten auf Lanzarote gesagt, dass eine unserer größten Stärken unsere Konstanz ist. Das war nun hier bei der EM nicht ganz so, aber mit zwei vierten Plätzen bei den ersten beiden Ausscheidungsregatten schon. Malte und Anastasiya haben zwar in Palma eine Medaille geholt, hatten aber in der Ausscheidung zwei Ausrutscher. Wir hatten einen. Das hat am Ende den Unterschied gemacht.“
In den Stunden nach der gelungenen Olympia-Qualifikation waren die Gedanken von Simon Diesch und Anna Markfort auch bei den geschlagenen Teamkameraden vom German Sailing Team. Simon Diesch sagte: „Auf der einen Seite sind Träume geplatzt, das ist hart. Unsere Träume haben sich gleichzeitig realisiert.“ Anna Markfort dachte auch an ihre vor drei Jahren selbst mit ihrer damaligen Steuerfrau Frederike Loewe erlittene Ausscheidunsgniederlage zurück: “Ich erinnerte mich, wie ich vor drei Jahren zugeschaut habe, als sich Nastja qualifiziert hat. Dieses Mal habe ich zugeschaut, aber mich qualifiziert. Alle in unserem Team haben alles geopfert für die Qualität, die wir in den letzten Jahren erreicht haben. Da ist der Anspruch jetzt natürlich hoch.”
Ihren Trainingskameraden sind Simon Diesch und Anna Markfort dankbar. Zu den Weggefährten in der führenden deutschen Trainingsgruppe zählten auf Kurs Olympia 2024 neben Malte und Anastasiya Winkel mit Luise Wanser und Philipp Autenrieth auch die 470er-Mixed-Weltmeister von 2022, die in der Ausscheidung nie ganz zu ihrer Top-Form fanden. Auch Theresa Löffler/Christopher Hoerr (Deutscher Touring Yacht-Club/Segel-Club Breitbrunn Chiemsee), die bei der EM Zwölfte wurden, und Theres Dahnke/Matti Cipra (Plauer Wassersportverein, EM-18.) trugen zur Teamleistung bei.
Wir sind zuletzt oft genug Vierte gewesen” (Simon Diesch)
In Cannes nach den olympischen Medaillenchancen für sein Team gefragt, sagte Simon Diesch lächelnd: „Wir sind zuletzt oft genug Vierte gewesen. Wenn wir uns nicht zu den Medaillenkandidaten zählen würden, müssten wir uns jetzt zurückziehen. Das haben wir nicht vor.“
Trainer Steve Lovegrove scherzte: “Wenn Simon lächelt, dann weiß man, dass er gefährlich ist.” Zur Entscheidung der so spannend verlaufenen Ausscheidung sagte Lovegrove: “Wir wussten, dass es – wer immer sich qualifiziert – ein starkes Team sein wird. Es ist eine so starke Gruppe.” Als besondere Stärke von Simon Diesch und Anna Markfort bezeichnet Steve Lovegrove ihre “herausragende Zusammenarbeit”, die auch hohem Stress standhalte.
Wir hatten mit einer spannenden Ausscheidung gerechnet. Wow, die hatten wir!” (Nadine Stegenwalner)
DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner sagte: „Wir hatten mit einer spannenden Ausscheidung gerechnet. Wow, die hatten wir! Der Ursprung dafür ist die Weltklasse-Trainingsgruppe, die in Regie der Trainer Steve Lovegrove und Marek Chochian in den vergangenen drei Jahren enorm hart und erfolgreich gearbeitet hat. Wir freuen uns sehr für Simon Diesch und Anna Markfort. Und es tut uns leid für die, die sich nicht durchsetzen konnten. Leider kann sich nur ein Team qualifizieren. Ich bin überzeugt, dass wir nun aufgrund der Leistungen aller eine sehr starke Crew für Olympia haben.“
Gewonnen haben die EM die spanischen Weltmeister und Olympia-Favoriten Jordi Xammar und Nora Brugman vor den Portugiesen Diago Costa und Carolina João und den Franzosen Camille Lecointre und Jérémie Mion. Alle drei wollen Simon Diesch und Anna Markfort bei ihrem olympischen Gipfelsturm in diesem Sommer – dann ohne nationalen Ausscheidungsdruck und wieder auf Augenhöhe – im Kampf um die Medaillen herausfordern.

Freie Reporterin Sport