OlympiaKite-Premiere mit Deutschlands Besten – Maus und Meyer lösen Olympia-Tickets

Tatjana Pokorny

 · 19.05.2024

Feiern im Sommer ihre olympische Premiere: die Formula-Kiter
Die Segel-Equipe für Team D nimmt immer deutlichere Konturen an: Jannis Maus und Leonie Meyer haben sich mit dem Ende ihrer nationalen Ausscheidung bei der Formula-Kite-Weltmeisterschaft für die Olympischen Spiele qualifiziert. Vor Hyères verpasste Jannis Maus bei weiter steigender Formkurve nur knapp das Finale

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Deutschlands beste Kiter sind dabei, wenn ihr Sport in diesem Sommer in der Bucht von Marseille unter dem Dach des Segelsports seine olympische Premiere feiert: Der Oldenburger Jannis Maus und die Kielerin Leonie Meyer haben mit der beendeten WM im französischen Hyères alle Bedingungen für ihre Nominierung erfüllt, die offiziell voraussichtlich im Juni auf Vorschlag des Deutschen Segler-Verbandes (DSV) durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erfolgen wird.

Bei der dritten und letzten Ausscheidungsregatta im Rahmen der Formula-Kite-Weltmeisterschaft vor Hyères präsentierte sich Jannis Maus erneut in Top-Form, raste nur knapp an einer Medaille vorbei. Nach seinem Sturz im Halbfinale beendete der Top-Athlet vom Verein Cuxkiters die Welttitelkämpfe als starker Fünfter. Im dreiteiligen Duell mit seinem langjährigen Wegbegleiter Florian Gruber aus Garmisch-Partenkirchen konnte sich Maus im Ringen um nur eine Olympia-Fahrkarte mit 44:17 Punkten durchsetzen.

Maus immer mächtiger, Gruber im Verletzungspech

Während die Formkurve bei Jannis Maus im Verlauf der dreiteiligen Ausscheidung mit den Plätzen 8 (EM), 6 (Trofeo Princesa Sofía) und 5 (WM) immer weiter anstieg, litt Florian Gruber (Norddeutscher Regatta Verein) bei zwei von drei Regatten unter unglücklichem Verletzungspech. Er konnte mit seinen Plätzen 17, 10 und 19 nicht für das erwartete spannende Duell mit Jannis Maus sorgen.

Bei der am Pfingstsonntag zu Ende gegangenen Weltmeisterschaft in Frankreich traf es Gruber sogar doppelt hart: An WM-Tag eins hatte er sich bei einem Crash mit einem Holzstück eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. An WM-Tag zwei war ihm ein Konkurrent in die Ferse gefahren. Die weitere WM bestritt der 30-jährige Flo Gruber mit einer tiefen und durch fünf Stiche genähten Schnittwunde unter Schmerzen und Schmerzmitteln. “Ich habe es wirklich versucht, aber in diesem Seuchenjahr war das Glück nicht auf meiner Seite”, sagte Gruber. Und auch dies: “Wenn ich fit gewesen wäre und gute Events gehabt hätte, wäre es sicher eng geworden. Ich bin überzeugt, dass ich ihn hätte schlagen können. Aber da muss dann auch alles stimmen.”

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Es ist ein gutes Gefühl, dass ich nach so viel Schweiß, Blut und Tränen jetzt vorn reinfahren kann” (Jannis Maus)

Auch Jannis Maus weiß: “Flo hatte viel Pech dieses Jahr. Er hat mir sehr fair gratuliert.” Maus aber hat die Ausscheidung nicht nur gewonnen, weil der achtmalige Weltmeister Gruber ein besonders schmerzhaftes Jahr erlebte. Der Cuxhavener konnte sich im Verlauf der Ausscheidung konstant steigern und in den erweiterten Kreis der olympischen Medaillenkandidaten katapultieren. In Hyères sagte Jannis Maus: “Es ist absolut phänomenal zu wissen, dass man Teil der größten Sportveranstaltung der Welt sein wird. Am meisten freue ich mich über meine persönliche Entwicklung. Es ist ein gutes Gefühl, dass ich nach so viel Schweiß, Blut und Tränen jetzt vorn reinfahren kann.”

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Der ewige Kampf um die Kilos

Flo Gruber bescheinigt seinem nationalen Bezwinger “Top-Drei-Leistungsvermögen im Bereich Downwind-Speed” und sagte: “Jannis ist eine super solide Ausscheidung gefahren, gut und ohne Crashes durchgekommen. Wenn er upwind noch eine Schippe drauflegen kann, dann kann es auch bei Olympia für die Top-Fünf reichen.” Sieben Kilogramm hat Jannis Maus seit Herbst 2023 in Zusammenarbeit mit dem Sportwissenschaftler und Athletik-Trainer Philipp Pukowski im ewigen Kampf um das benötigte Mehr an Körpergewicht bereits zugelegt, das die Kiter in Speed verwandeln.

Es ist super, mit einem Sportler wie Jannis auf dem hohen Level arbeiten zu können” (Jan-Hauke Erichsen)

“Ich bin mega, mega zufrieden, dass ich meine Güte in der Spitzengruppe hier in Hyères zur Normalität machen konnte”, zog Jannis Maus WM-Bilanz. Das hänge zu einem guten Teil an den Trainingspartnern, mit denen er über den Winter hart gearbeitet habe. Das habe Früchte getragen. So wie auch die Zusammenarbeit mit dem Athletik-Trainer und DSV-Coach Jan-Hauke Erichsen, der nun als Trainer wie sein Schützling dem ersten Olympia-Einsatz entgegenblickt.

Jan-Hauke Erichsen sagte in Hyères: “Ich war noch nicht bei Olympischen Spielen, aber beim Testevent, wo wir viel lernen konnten. Es ist super, mit einem Sportler wie Jannis auf dem hohen Level arbeiten zu können. Mein großes Ziel ist es, ihm die bestmöglichen Voraussetzungen zu geben, dass er bei den Olympischen Spielen seine Leistungen abrufen kann.” Maus und Erichsen schätzen als kommendes Olympia-Gespann, dass sie sportlich und menschlich auf Augenhöhe miteinander arbeiten können. Sein Athlet, so Erichsen, “wird im Gesamtbild immer kompletter”.

Dominator Max Maeder ist das Vorbild

Vor dem Duo liegt auf Kurs Marseille noch einige Arbeit im Materialbereich, wo intensive Tests mit neuen Kites anstehen, bevor die Entscheidungen über das olympische Equipment getroffen werden. “Da können wir gegenüber den anderen vielleicht noch ein, zwei Prozent rausholen. Die könnten am Ende den Unterschied machen, ob man ein Finale erreicht oder nicht”, sagt Jan-Hauke Erichsen. Jannis Maus will in Richtung von Max Maeders Fähigkeiten arbeiten.

Max Maeder ist der alte und neue Weltmeister aus Singapur. Erst 17 Jahre alt, höchst intelligent und Top-Favorit im Kampf um die erste olympische Goldmedaille für die Kiter, dominiert Maeder die Formula-Kite-Felder fast nach Belieben. “Wenn wir anderen den Kitesport schon leicht aussehen lassen, dann sieht es bei ihm aus wie ein Spaziergang. Er kontrolliert die Rennen aus jeder Position, kann jeden jederzeit überholen. An dieser Kontrolle arbeite ich”, sagt der ebenfalls kluge Physiker Jannis Maus.

Maus meint damit die Kontrolle “nicht nur über mich, meine Fahrweise, mein Rennen, sondern auch über die Konkurrenz”. WM-Silber sicherte sich bei der Formula-Kite-WM in Hyères der junge Italiener Riccardo Pianosi vor Valentin Bontus vom Yachtclub Podersdorf. Der Österreicher war als Vierter ins Finale gestartet und konnte sich noch um einen Platz aufs WM-Podest vorarbeiten.

Bis vor fünf Jahren war Olympia für mich: Es geht nicht krasser, es geht nicht besser, da werde ich nie hinkommen” (Jannis Maus)

Wie Bontus so kann auch Jannis Maus jetzt seinen olympischen Traum leben. Maus sagt: “Man wächst mit 12, 13, 14 Jahren damit auf, dass Olympia der Wettkampf aller Wettkämpfe ist. Bis vor fünf Jahren war Olympia für mich: Es geht nicht krasser, es geht nicht besser, da werde ich niemals hinkommen. Jetzt zwei Monate vor den Spielen hier zu stehen und Olympia in Sicht zu haben, das ist unglaublich, unfassbar, der Traum jedes Sportlers.”

Leonie Meyer auf Kurs Marseille

Mit Jannis Maus löste auch Leonie Meyer vom Norddeutschen Regatta Verein ihre Olympia-Fahrkarte. Die 31-jährige Mutter eines kleinen Sohns, Medizinerin und Sportsoldatin sagte: “Damit wird ein großer Traum wahr.” Als national unangefochtene Nummer eins hatte Leonie Meyer auch schon vor der WM eine Hand am Olympia-Ticket. Dennoch musste sie die letzte Hürde nehmen und hat es trotz Sturz zum WM-Auftakt und dem unglücklichen Auffahren einer britischen Konkurrentin mit Platz 15 geschafft. “Damit ist ein großer Traum wahrgeworden, aber das muss erst noch sacken.”

Lächelnd fügte die frühere 49er-FX-Steuerfrau Leonie Meyer hinzu: “Ich glaube, es ist bei meinen Eltern, die so stark an meiner Seite sind, schon mehr angekommen als bei mir. Ich freue mich einfach riesig, dass es jetzt klappt. Das ist etwas, das ich meinem Umfeld und allen Unterstützern für ihren Rückhalt zurückgeben kann”, sagte sie in Hyères. Gleichzeitig war die Kiterin nicht zufrieden mit WM-Platz 15 und sagte: “Wir haben einige Baustellen aufgedeckt, an denen wir jetzt arbeiten werden.”

WM-Gold holte bei den Frauen die Französin Lauriane Nolot. Nur die Britin Eleanor Aldridge konnte das starke französische Trio als Zweite davon abhalten, das Podium im Heimatrevier allein zu besetzen. Bronze sicherte sich die Französin Jessie Kampman vor ihrer Landsfrau Poema Newland.

Das WM-Finale im Replay – hier geht es zu den Kite-Assen von Hyères:

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

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