Tatjana Pokorny
· 11.05.2024
30 Wettfahrten haben Deutschlands beste 470er-Mixed-Crews bislang in ihrer nationalen Olympia-Ausscheidung bestritten. Die Weltmeisterschaft Ende Februar und Anfang März in der Bucht von Palma, den Spanien-Klassiker Trofeo Princesa Sofía im selben Revier im April und die Europameisterschaft vor Cannes, bei der jetzt nur noch ein Rennen aussteht, sind gemeistert. Die Entscheidung fällt am Sonntag beim finalen Showdown in Cannes.
Das Medaillenrennen und sein Verlauf werden darüber entscheiden, ob das Segel- und Ehepaar Malte und Anastasiya Winkel (Schweriner Yacht-Club/Norddeutscher Regatta Verein) oder Simon Diesch und Anna Markfort (Württembergischer Yacht-Club/Verein Seglerhaus am Wannsee) die Olympia-Fahrkarte nach Marseille lösen. Dabei müssen Simon Diesch und Anna Markfort zuschauen, denn sie haben den Einzug ins EM-Finale als 13. nach zehn Wettfahrten in einer extrem flauen Segelwoche verpasst. Ihre Hoffnung auf den Traum von Olympia ist damit aber noch nicht geplatzt.
Diesch/Markfort hatten die nationale Ausscheidung nach zwei der drei dafür vorab festgelegten Regatten mit 34 Punkten vor ihren Trainingspartnern Malte und Anastasiya Winkel (29 Punkte) angeführt. Ihrem Ausscheidungskonto haben Diesch/Markfort nach zwei starken vierten Plätzen bei der WM und der Trofeo Princesa Sofía nun bei der EM in ihrem 470er “Sunny” weitere acht Punkte für Platz 13 hinzufügen können. Macht 42 Punkte.
Malte und Anastasiya Winkel dagegen haben das EM-Medaillenrennen als Zehnte mit einem Punkt Vorsprung vor den Japanern Tetsuya Isozaki/Fuyuka Morita als einzige GER-Crew knapp erreicht. Damit hat sich die “Wilde 13”, wie die Winkels im German Sailing Team genannt werden, im Gegensatz zu Diesch/Markfort die Chance geschaffen, im doppelt gewerteten Finale noch weiter vorzurücken, ihren Rückstand in der Ausscheidung aufzuholen und das Duell ums Olympia-Ticket doch noch zu ihren Gunsten zu entscheiden.
Gelingen kann das, wenn Malte und Anastasiya Winkel mit ihrem 470er “Victoria” so gut segeln, dass sie mit ihrer Leistung im Medaillenrennen im EM-Abschlussklassement mindestens auf Platz acht vorrücken. Der würde den Winkels entsprechend dem DSV-internen Punktsystem 13 Punkte bringen. Zuzüglich der bereits erkämpften 29 Zähler aus den ersten beiden Ausscheidungsregatten kämen Malte und Anastasiya Winkel dann – genau wie Diesch/Markfort – auf 42 Punkte. Aufgelöst würde die mögliche Punktgleichheit zugunsten von Winkel/Winkel. So wollen es die Regeln der internen DSV-Qualifikation.
Dort heißt es zu einer möglichen Punktgleichheit von zwei oder mehr Crews nach Addition der Ergebnisse der drei Ausscheidungsregatten unter Punkt 1 der Tiebreaker-Liste, dass zunächst aufgelöst wird “nach der höchsten Punktzahl der DSV-Wertung in einem der oben genannten Events”, womit WM, Trofeo und EM gemeint sind. Diese “höchste Punktzahl” haben Malte und Anastasiya Winkel bei der Trofeo Princesa Sofía als Dritte mit 20 Zählern erzielt. Dass sowohl dort als auch zuvor bei der WM jeweils die Medaillenrennen aufgrund widriger Winde entfielen, schmerzt unter diesen Umständen besonders die zweimal viertplatzierten Simon Diesch und Anna Markfort.
Wem die ganze Rechnerei zu kompliziert ist, der kann sich für das Sonntagsfinale die folgende Daumenregel merken: Können Malte und Anastasiya Winkel die EM nach dem Medaillenrennen als Achte oder besser abschließen, dürfen die Silbermedaillengewinner der olympischen Testregatta 2023 in diesem Sommer in der Bucht von Marseille um Olympia-Medaillen kämpfen.
Bleiben die Winkels auch nach dem Medaillenrennen Zehnte oder können nur um einen Rang auf Platz neun vorrücken, dann haben Simon Diesch und Anna Markfort beide Hände an der Olympia-Fahrkarte nach Marseille. Das dritte, nach windarmer Woche nicht auszuschließendes Szenario: Das Medaillenrennen entfällt wie schon bei der WM und der Trofeo. Davon würden Diesch/Markfort profitieren.
Es hat auch in der Vergangenheit hoch spannende und brutal harte nationale Olympia-Ausscheidungen gegeben, bei denen Leid und Freud eng beieinander lagen. Anna Markfort hat es im letzten Olympia-Zyklus schmerzhaft erlebt. Da galten sie und ihre Steuerfrau Frederike Loewe nach herausragenden Leistungen als Favoritinnen im Kampf um das Olympia-Ticket in der olympischen 470er-Jolle für Frauen. Doch das Duo wurde am Ende der Ausscheidung noch von den stark aufgekommenen Spätstarterinnen Luise Wanser und Anastasiya Winkel abgefangen, die bei den Olympischen Spielen in Enoshima auf Platz sechs segelten.
Während Anna Markfort eine solche Niederlage “nie wieder erleben” wollte, hat auch Anastasiya Winkel eine zusätzliche Motivation, sich zum zweiten Mal in Folge – dieses Mal in der olympisch neuen 470er-Mixed-Disziplin an der Seite ihres Ehe- und Steuermanns Malte Winkel – für Olympia zu qualifizieren. Ihre Crew wurde bei ihrer Olympia-Premiere 2021 in Japan mit Luise Wanser bei starken Leistungen von einer überharten Doppel-Disqualifikation getroffen, weil ihre Trapezweste 200 Gramm zu schwer war.
Ohne diese ungewöhnlich drastische Bestrafung, die ähnlich auch gegen weitere Crews im Frauen- und im Männerfeld verhängt worden war, hätten Luise Wanser und Anastasiya Winkel in Japan bei ihren ersten Olympischen Spielen eine Medaille holen können. Die Chance dazu würde sich Anastasiya Winkel gern noch einmal erarbeiten.
Last, but noch least sind am EM-Showdown an diesem Sonntag (12. Mai) auch zwei deutsche 470er-Steuermänner beteiligt, deren beiden Crews vor drei Jahren an der Olympia-Qualifikation vorbeisegelten. Um die Medaillen wurde 2021 im 470er-Männerfeld vor Enoshima ohne deutsche Beteiligung gerungen. Die damals verpasste Qualifikation würden sowohl Malte Winkel als auch Simon Diesch in ihren neuen Mixed-Konstellationen jetzt gern nachholen.
Ein Happy End aber kann es zum Bedauern vieler Beobachter der gemeinsam in Regie von Trainer Steve Lovegrove intensiv für den olympischen Erfolg trainierenden Top-Akteure nur für eine der beiden deutschen Weltklasse-Crews geben, weil im Segelsport – anders als in anderen Sportarten – nur ein Boot oder Board pro qualifizierter Nation zugelassen ist. Das Luxusproblem fürs German Sailing Team: Zu Hause bleiben muss eine Crew mit olympischem Medaillenpotenzial.
Wir wissen ja aus der Vergangenheit, dass Medaillenrennen auch mal nicht stattfinden können …” (Malte Winkel)
Nicht alle auf der olympischen Zielgeraden unter Hochdruck stehenden Beteiligten mochten ihre schwierige Lage kurz vor dem EM-Medaillenrennen kommentieren. Malte Winkel tat es und sagte: “Erst einmal hoffen wir, dass wir genug Wind haben, um überhaupt ein Medaillenrennen segeln zu können. Wir wissen ja aus der Vergangenheit, dass Medaillenrennen auch mal nicht stattfinden können … Aber das liegt nicht in unserer Hand. Wir bereiten uns natürlich darauf vor.” So sehr sich Simon Diesch und Anna Markfort über die entfallenen Medaillenrennen bei WM und Trofeo geärgert hatten, so sehr werden sie sich am Sonntagnachmittag wünschen, dass sich die Geschichte wiederholt.
Die Winkels dagegen hoffen auf ein Finale nach Plan. Die Ankündigung dafür darf nicht später als 16.30 Uhr erfolgen. Malte Winkels Traumszenario in der vorolympischen Alles-oder-nichts-Lage: “Um die anderen zu überholen, müssen wir ein gutes Medaillenrennen segeln. Unser bestes. Am liebsten möchten wir natürlich vorn mitfahren. Und wir müssen hoffen, dass es dann auch mit den anderen Crews im Finale so passt, dass wir möglichst die zwei Plätze gutmachen können. Es ist eigentlich wie bei jedem Medaillenrennen, in das du als Zehnter startest: Flucht nach vorn! Dann noch mal richtig genießen und am liebsten nach der Ziellinie darüber freuen, dass man im Medal Race abliefern konnte.”

Freie Reporterin Sport