Tatjana Pokorny
· 25.02.2024
Für das German Sailing Team ist die starke Leistungsspitze in der neuolympischen Segeldisziplin 470er-Mixed ein Segen, für die eine oder andere Crew könnte sie auch zum Fluch werden. Mindestens drei deutsche Crews agieren im 470er-Mixed auf Weltklasseniveau. Jede dieser drei Crews hat sich in den vergangenen zwei Jahren bei internationalen Top-Events hervorgetan. Nur eine kann den bereits gesicherten 470er-Startplatz bei der Olympia-Regatta in Marseille im kommenden Sommer besetzen.
Alle drei Spitzencrews haben sich bereits für die Spiele ihres Lebens empfohlen: Luise Wanser und Philipp Autenrieth (Norddeutscher Regatta Verein/Bayerischer Yacht-Club) segelten 2022 in Israel zu WM-Gold. Wansers ehemalige Olympia-Vorschoterin Anastasiya Winkel und ihr Ehe- und Steuermann Malte Winkel (Norddeutscher Regatta Verein/Schweriner Yacht-Club) setzten sich im vergangenen Jahr in der deutschen Ausscheidung für die olympische Testregatta in Marseille durch. Dort zeigten sie mit Silber, dass sie bei Olympia Großes leisten könnten. Und last, but not least drehten auch Simon Diesch und Anna Markfort (Württembergischer Yacht-Club/Verein Seglerhaus am Wannsee) im vergangenen Jahr stark auf, gewannen 2023 EM-Silber und die Kieler Woche.
Zusammen bilden diese drei GER-Crews in Regie von DSV-Trainer Steve Lovegrove die weltstärkste Trainingsgruppe im 470er-Mixed. Sie haben sich auf ihrer “Road to Paris 2024” von der internationalen Konkurrenz kaum in die Karten schauen lassen, nur ein Minimum an Coach-Regatten mit den führenden Teams anderer Nationen bestritten. Ab 26. Februar wird sich bei der frühen WM im Olympiajahr in der Bucht von Palma zeigen, was der intensive deutsche Weg wert ist.
Bei der WM starten ab Dienstag neben den deutschen Top-Drei-Crews auch Theres Dahnke/Matti Cipra (Plauer Wassersportverein), Theresa Löffler/Christopher Herr (Deutscher Touring Yacht-Club/Segelclub Breitbrunn Chiemsee) und Laura Pukropski/Thorben Schlüter (Fürstenberger Yachtclub/Seglervereinigung 1903 Berlin) für das German Sailing Team. Ob eine dieser drei aufstrebenden Crews die Medaillen-Könner im eigenen Team in der beginnenden nationalen Ausscheidung noch ernsthaft fordern kann, wird die WM-Serie bis zum Medaillenfinale am 3. März zeigen.
Wir wissen, was wir gemeinsam erreichen wollen: eine Medaille für den deutschen Segelsport” (Steve Lovegrove)
Trainer Steve Lovegrove zog vor WM-Beginn eine positive Bilanz der Vorbereitungen. Er traut seinen Schützlingen im WM-Kampf von 64 Crews aus 26 Nationen viel zu, sagte in Palma de Mallorca: “Wir wissen, was wir gemeinsam erreichen wollen: eine Medaille für den deutschen Segelsport. Alle unsere Crews können selbstbewusst sein. Sie haben das Rüstzeug dafür.“
Über die sportliche und technische Zusammenarbeit hinaus hatte die deutsche 470er-Mixed-Gruppe schon zu Beginn der gemeinsamen Olympia-Vorbereitung einen Pakt geschmiedet, der bis zur Entscheidung über die Vergabe der olympischen 470er-Mixed-Fahrkarte halten soll: maximale Fairness und gegenseitiger Respekt bis zum Ausscheidungsfinale.
Mit sechs Crews stellt das German Sailing Team neben Großbritannien eines der beiden größten Teams bei der 470er-Mixed-WM – auch das ein Zeichen für die Wiedererstarkung der einstigen deutschen Paradedisziplin, in der deutsche Akteure seit 1982 zehnmal WM-Gold holten. Dabei segelte Wolfgang Hunger 1990 und 1991 mit Rolf “Rocky” Schmidt zweimal zum WM-Titel.
Der Doppel-Coup gelang auch der damals noch unter ihrem Mädchennamen startenden Susanne Meyer mit Katrin Adlkofer 1987 und 1989 sowie Ines Bohn und Sabine Rohatzsch 1993 und 1994. Es folgte eine Durststrecke von 27 Jahren, bevor mit Luise Wanser und Philipp Autenrieth 2022 wieder ein deutsches Team Weltmeister wurde und die neue Ära der seit 1976 (Männer) und 1988 (Frauen) olympisch aktiven Zwei-Personen-Jolle als Mixed-Disziplin maximal erfolgreich für den deutschen Segelsport eröffneten.
Wer nun wird bei der WM ab 27. Februar vor Mallorca am besten punkten und die Führung in der nationalen Ausscheidung im Kampf um die Olympia-Fahrkarte übernehmen können? Wanser/Autenrieth (Segelnummer 10), Diesch/Markfort (Segelnummer 11), Winkel/Winkel (Segelnummer 13) oder gar eine der Verfolger-Crews aus dem eigenen Lager? Von Trainer Steve Lovegrove kann es zu dieser Frage naturgemäß keine Antwort geben, denn sie alle sind seine Schützlinge.
Die Seglerinnen und Segler selbst sagen übereinstimmend, dass sie nach dem intensiven Wintertraining auf Lanzarote im Leistungsvermögen noch dichter aneinandergerückt sind. Auch das ist logisch, denn alle haben intensiv an ihren unterschiedlichen Schwächen gearbeitet. Erfahrenste Seglerin im deutschen Aufgebot ist nach 15 Jahren Leistungssport die 30-jährige Anastasiya Winkel. In Altschewsk in der Ostukraine aufgewachsen, war sie in jungen Jahren Leistungsschwimmerin, bevor sie als Zwölfjährige im Segelsport durchstartete.
„Ich habe das Segeln sofort geliebt“, weiß sie noch genau. Der Finaltag der Junioren-WM 2014 war es, der ihr Leben krass verändern sollte. Bei der Siegerfeier verliebte sich die damals 19-jährige Sportwissenschaftsstudentin, die unter ihrem Mädchennamen Krasko mit Steuerfrau Anna Kyselova Neunte wurde, in den deutschen Bronzemedaillengewinner des Männer-Wettbewerbs. Inzwischen ist die 30-Jährige seit 2017 mit Ehe- und Steuermann Malte Winkel verheiratet und seit dem 18. März 2021 deutsche Staatsbürgerin.
Seit zweieinhalb Jahren sitzen die Winkels in einem Boot. Sportlich gelten sie als nervenstarke Allrounder. Mit Silber haben sie bei der Olympia-Generalprobe im vergangenen Sommer ihre Ambitionen mit einem dicken Ausrufezeichen versehen. Dabei soll ihnen die Segelnummer 13 Glück bringen. Anastasiya sagt: „Malte hat am 13. November 1993 Geburtstag. Wir sind beide mit der Hausnummer 13 aufgewachsen. Malte hier und ich in der Ukraine.“
„Wir nennen die beiden immer die Wilde 13“, sagt Luise Wanser und lacht. Die 26-Jährige kämpft für ihre Olympia-Chance in umgekehrter Konstellation: Sie steuert, Philipp Autenrieth ist Vorschoter. Die zierlich-zähe Juristin ist in Paris aufgewachsen, bevor die Familie nach Hamburg kam und Luise als Zehnjährige beim Norddeutschen Regatta Verein auf der Alster im Optimisten durchstartete. 16 Jahre später ist Luise Wansers Olympia-Traum lebendiger denn je. „Mich begleitet seit meiner Kindheit das Bild von mir mit einer Goldmedaille um den Hals unter dem Arc de Triomphe, wo immer die Tour-de-France-Sieger gekürt wurden.“
Wir sind noch einmal näher aneinandergerückt” (Anna Markfort)
„Wir fühlen uns sehr gut vorbereitet und glauben, dass wir im intensiven Wintertraining auf Lanzarote innerhalb unserer Gruppe noch dichter aneinandergerückt sind“, sagt Luise Wanser mit Blick auf den Start der harten Ausscheidung. “Ja, wir sind noch einmal näher aneinandergerückt”, sagt auch Vorschoterin Anna Markfort. Nach der knappen Niederlage in der Olympia-Ausscheidung zu den Spielen in Japan 2021, wo sie sich mit Steuerfrau Frederike Loewe den späteren Olympia-Sechsten Luise Wanser und Anastasiya Winkel beugen musste, will es die 30-Jährige an der Seite von Simon Diesch, 29, noch einmal wissen.
Der Sohn von Flying-Dutchman-Olympiasieger Eckart Diesch, der 1976 mit seinem Bruder Jörg Diesch im kanadischen Revier von Kingston zu Gold segelte, hatte zuvor mit Philipp Autenrieth ein Team gebildet. Die 470er-Mixed-Disziplin löst erst mit ihrer Premiere bei den Sommerspielen in diesem Jahr die zuvor in Männer und Frauen unterteilten Felder ab.
Simon Diesch und Anna Markfort bilden ein interessantes Team, das mit auffälligen Starkwind-Vorzügen durchgestartet war, inzwischen aber die gesamt Bandbreite des 470er-Segelns gut im Griff hat. Mit Blick auf die nationale Konkurrenz und nach dem Wintertraining sagt Anna Markfort lächelnd: “Die Abstände, die es bei bestimmten Windbedingungen vor einem Jahr vielleicht noch gab, sind deutlich kleiner geworden. Alle sind besser geworden in Winden, die ihnen zuvor vielleicht schwerer fielen. Anders herum formuliert: Niemand kann sich mehr auf seine Schokoladenbedingungen verlassen.”
Dem 470er-Segelsport habe die Einführung der olympischen Mixed-Variante gutgetan, so Markfort: “Das Leistungsniveau ist international deutlich gestiegen. Ich bin noch nie in so starken Feldern gefahren wie jetzt.” Das hat positive Folgen, wie Markfort erklärt: “Wir beide, Simon und ich, haben gerade sehr viel Spaß am Segeln. Es macht enorme Freude. Ich glaube, dass uns das tragen wird.”
Die Luxussituation der drei Top-Teams auf Weltniveau mündet nun auf der Olympia-Zielgeraden in einen Drei- oder sogar Mehrkampf, der nur einen Sieger haben darf, obwohl mehrere Crews eine Olympiamedaille holen könnten. Die Ausscheidungsserie wird nach der WM beim Spanienklassiker Trofeo Princesa Sofía Anfang April im selben Revier fortgesetzt und endet am 12. Mai mit dem EM-Finale in Cannes. Dort haben dann gerade die Filmfestspiele begonnen. Die deutschen 470er-Crews könnten an der französischen Riviera auf großer Bühne für ihren ganz eigenen vorolympischen Thriller sorgen.

Freie Reporterin Sport