Olympia 2012"Sie sind zu stark und wir zu schwach"

Tatjana Pokorny

 · 02.08.2012

Olympia 2012: "Sie sind zu stark und wir zu schwach"Foto: tati
49er-Steuermann Tobias Schadewaldt vor dem Olympischen Dorf in Weymouth

Der olympisch gestolperte 49er-Steuermann Tobias Schadewaldt zeigt Größe in der Niederlage: "Es ist viel härter, als ich dachte"

  Nichts wie hinterher: 49er-Crew Schadewaldt/Baumann bei der AufholjagdFoto: onEdition
Nichts wie hinterher: 49er-Crew Schadewaldt/Baumann bei der Aufholjagd

Tobias Schadewaldt hatte sich seine olympische Premiere ganz anders vorgestellt. Ins Medaillenfinale wollte er mit Vorschoter Hannes Baumann mindestens segeln. Irgendwo im Hinterkopf war da auch der Gedanke an mehr, der Traum von einer olympischen Medaille. Doch dann schlug das Kieler Duo hart auf dem Grund der olympischen Realität auf: Nach einem zu spät erkannten Frühstart in der Auftakt-Wettfahrt und zwei Kenterungen am zweiten Tag segelte die Gleitjolle mit der schwarz-rot-goldenen Flagge im Segel dem Feld der 20 49er nur hinterher. Mit Platz 17 nach acht Rennen hätten nicht einmal Pessimisten gerechnet. Schadewaldt/Baumann schon gar nicht.

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  Tobias Schadewaldt im Internationalen Pressezentrum auf PortlandFoto: tati
Tobias Schadewaldt im Internationalen Pressezentrum auf Portland

Doch statt sich zu verstecken und den Schmerz über das gründlich verpatzte Olympia-Debüt mit sich selbst auszumachen, zeigt der 27-jährige gebürtige Wilhelmshavener Größe und die Fähigkeit, die besseren Leistungen seiner Gegner anzuerkennen: "Sie sind zu gut, und wir sind zu schlecht."

Im deutschen Team hapert es – das ist nicht neu – an Zweikampf- und Nervenstärke. Die Kommunikation an Bord, die Abläufe während der Manöver – überall hakt es ein kleines bisschen. Doch auch ein bisschen ist zu viel, wenn man es mit der konzentrierten Weltelite der 49er-Profis aufnehmen will.

  Die 49er-Segler Tobias Schadewaldt und Hannes Baumann nach den ersten beiden WettfahrtenFoto: tati
Die 49er-Segler Tobias Schadewaldt und Hannes Baumann nach den ersten beiden Wettfahrten

Der Kampf um Medaillen bei einer olympischen Regatta kommt einer Enttarnung gleich. Nur die wirklich Besten in allen Bereichen – dazu zählt neben der körperlichen Fitness, dem Bootshandling, den taktischen Fähigkeiten und den technologischen Voraussetzungen auch die mentale Stärke – können sich beim Höhepunkt durchsetzen. "Es ist viel härter, als ich mir vorgestellt habe, sie sind alle viel besser, als ich dachte", räumt Tobi Schadewaldt freimütig ein. Der Management-Student wollte mit Vorschoter Hannes Baumann "eine richtig gute Regatta segeln" und blieb davon bislang so weit entfernt wie schon lange nicht mehr. "Kraftwerk", so heißt der deutsche 49, macht seinem Namen keine Ehre.

Dass Schadewaldt zum Auftakt der Serie mit den Folgen einer Lebensmittelallergie zu kämpfen hatte und an den ersten beiden Tagen eher neben sich als auf dem 49er stand, kam für die Olympia-Novizen erschwerend hinzu. "Ich war weniger agil als sonst, gar nicht richtig auf dem Wasser. Ich hatte zu wenig Freude im Einsatz. Es fehlte einfach die Leichtigkeit des Seins", sinniert der Kieler-Woche-Sieger von 2011, dessen Freundin Moana Delle im Olympiarevier genau das Gegenteil gelingt: Die 23-Jährige rast auf ihrem RS:X-Board mit großen Glücksgefühlen von einer gelungenen Wettfahrt zu nächsten. Schadewaldt hat längst erkannt: "Ich habe unsere Problemsituation nicht gut gemanagt."

Ihn schmerzt die Erkenntnis, dass "Hannes und ich hier sehr wohl Sechste oder Siebte sein könnten, aber einfach nicht abrufen, was wir drauf haben". Sie schmerzt sogar doppelt, denn vor Weymouth herrschen mit den konstant frischen Winden seit Regattabeginn die Lieblingsbedingungen der deutschen 49er-Crew. Gleichzeitig zollt Schadewaldt den führenden Mannschaften höchsten Respekt. Insbesondere den Spitzenreitern Nathan Outteridge und Iain Jensen aus Australien. "Die segeln in einer eigenen Welt, weit entfernt von allen anderen", so der nachdenkliche Kieler Steuermann, "es ist, als würden Nathan und Iain America's Cup segeln und der Rest der Flotte 49er."

  49er-Steuermann Tobias Schadewaldt vor dem Olympischen Dorf in WeymouthFoto: tati
49er-Steuermann Tobias Schadewaldt vor dem Olympischen Dorf in Weymouth

Inklusive der heutigen drei Wettfahrten bleiben den Kielern aber noch sieben Wettfahrten, um sich aus dem Tal der Tränen wieder in einen für sie akzeptablen Bereich vorzukämpfen. Aufgeben werden sie nicht. "Wir können nicht mehr ganz nach vorne segeln", weiß Schadewaldt, "aber wir wollen kämpfen und wieder genießen können. Ich will die olympische Flamme sehen und es geil finden, dass ich bei Olympischen Spielen antreten kann. Das ist mir wichtig, und das werden wir schaffen."

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