Olympia 2012"Es war eine lange Reise"

Tatjana Pokorny

 · 04.08.2012

Olympia 2012: "Es war eine lange Reise"Foto: onEdition

Ben Ainslie ist in seinem Segelhimmel angekommen. Auf dem Karrieregipfel sagt der erfolgreichste Olympiasegler aller Zeiten goodbye

Großbritanniens Segelidol Ben Ainslie ist am Ziel seiner Träume: Mit dem vierten Olympiasieg in Folge und der 1996 gewonnenen Silbermedaille hat der 35-Jährige aus Lymington den 52 Jahre alten Olympia-Rekord des legendären Paul Elvström geknackt. Der Däne hatte zwischen 1948 und 1960 vier Goldmedaillen gewonnen.

  Ben Ainslie und der Union JackFoto: onEdition
Ben Ainslie und der Union Jack

Den wehenden Union Jack in der Hand, die andere Faust immer wieder vor Glück geballt und endlich ein zufriedenes Lächeln im zuletzt so grimmig-entschlossenen Gesicht: Großbritanniens "King Ben" Ainslie hat sein persönliches Ziel erreicht – und dankt auf dem Höhepunkt ab.

"Es war eine lange Reise. Der Druck war enorm. Es waren die härtesten Wochen meines Lebens", sagte der 35-jährige Finn-Dinghi-Segler, der im Alter von acht Jahren zu Weihnachten seinen ersten gebrauchten Optimisten bekam und seitdem unwiderstehlich zum besten Olympiasegler der Geschichte aufgestiegen ist.

  Ben AinslieFoto: onEdition
Ben Ainslie

Diese Ausnahmeleistung kann Deutschlands erfolgreichster Olympiasegler Jochen Schümann aus Berlin gut beurteilen. Schümann hat seine erste Goldmedaille 1976 im Finn Dinghi gewonnen. Später gewann er zwei weitere Goldmedaillen in der Soling und beendete seine Karriere mit Silber in Sydney 2000. Gemeinsam mit dem Russen Valentin Mankin durch Ainslies Triumph auf Platz drei der ewigen Bestenliste zurückgerutscht, sagte Schümann YACHT online: "Glückwünsche an Ben. Er hat erreicht, was viele und er selbst erwartet haben, musste aber mehr kämpfen als erwartet. Er hat einen neuen Superlativ für den Segelsport geschaffen."

Rund Zehntausend Fans erlebten Ainslies Abschiedsgala live in der Segelarena im Olympiarevier. Alleine auf den Grüns der Festung "The Nothe" feuerten 4500 Fans die Segler an, darunter auch viele dänische Zuschauer. "Es war fantastisch, einmalig, unwiederbringlich", sagte Ainslie. Begleitet vom frenetischen Jubel der Menge war "King Ben" mit zwei Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Jonas Hogh-Christensen in das Medaillenfinale gestartet. Zuvor hatte er noch entsetzt mit ansehen müssen, wie sein Jugendfreund Iain Percy und Andrew "Bart" Simpson die erste schon sicher geglaubte Goldmedaille im Starboot für Großbritannien doch noch an die Schweden Freddy Loof und Max Salminen verloren. Für Doppel-Olympiasieger Robert Scheidt und Bruno Prada blieb Bronze.

Doch weder die Niederlage der Teamkameraden noch der eigene Rückstand konnten den Nervenstarken bei seiner Triumphfahrt zum Gipfel aufhalten. Jonas Hogh-Christensen, der vor dem Rennen noch Duellsegel-Nachhilfe von Schümann-Bezwinger Jesper Bank aus Dänemark erhalten hatte, konnte dem durchdacht agierenden Briten trotz gelungener Flucht in der Vorstartphase und perfektem Start nicht Paroli bieten. Der Däne wählte in den erstmals leichten Winden einmal mehr die zuvor oft bevorteilte linke Seite und – lag falsch. Ainslie dagegen, vom Dänen im Split-Start auf die rechte Seite "gebeten", fand dort sein Glück und lavierte sich fortan gekonnt durch die Dreher. Jonas Hogh-Christensen zeigte sich aber auch im Angesicht seiner Niederlage als fairer Gegner: "Ben Ainslie ist der beste Segler der Moderne." Zwist und Ärger hatten beide Segler am Ende dieses Giganten-Duells abgehakt und reichten sich die Hand.

Ainslie profitierte am britischen "Super Sunday" allerdings auch von einer Strafe gegen den Holländer Pieter-Jan Postma, der im Finale zeitweise sogar auf Goldkurs segelte, aber durch den Strafkringel seine Medaillenchancen einbüßte. Für Jonas Hogh-Christensen blieb Silber, der Franzose Jonathan Lobert erkämpfte sich Bronze und sorgte am Abend bei der Pressekonferenz für viele Lacher. Ein Journalist wollte nach einer Viertelstunde von ihm wissen, wie es sich anfühlt, wenn einem niemand eine Frage stellt. Lobert lachte und sagte: "Das kennen wir Finnsegler schon lange. Das ist immer so, wenn Ben dabei ist."

Als Ben Ainslie die Ziellinie des Medaillenrennens überquerte, raste das Publikum auf den Hängen. Der Held jubelte, entzündete zwei rote Leuchtfackeln und nahm das Bad in der Menge mit Genuss. Im Internationalen Pressezentrum in Weymouth liefen einigen britischen Fotografen und Journalisten sogar Freudentränen über das Gesicht. "He is the Greatest of all times" war immer wieder zu hören. In England wird erwartet, dass die Königin Ben Ainslie noch in diesem Jahr zum Ritter schlägt. IOC-Präsident Jacques Rogge, selbst einst Olympiateilnehmer im Finn Dinghi, hatte den Briten schon vor seinem Finale mit Schwimmer Michael Phelps und Sprinter Usain Bolt verglichen: «Für mich sind seine Leistungen so überzeugend wie die von Phelps oder Bolt.»

Für seine Segelerfolge hat Ben Ainslie seit Teenagerzeiten hart gearbeitet, in den letzten Jahren immer mit Erfolgstrainer David Howlett an seiner Seite, aber es auch mit vielen Schmerzen bezahlt: "Jede Woche bricht ein anderer Teil meines Körpers zusammen." Auf dem Höhepunkt seiner Karriere erklärte er nun seinen olympischen Abschied: "Das ist der beste Moment zu gehen. Es wäre eine Riesenüberraschung, wenn man mich bei den Olympischen Spielen in Rio aufkreuzen sähe." Dem Segeln aber bleibt Ainslie als Profi und neuer zweiter Steuermann für das Oracle Team USA und Sparring-Partner von James Spithill im America’s Cup treu, dessen 34. Auflage 2013 vor San Francisco ausgetragen wird.

  Ben Ainslie im roten Lichtschein seiner LeistungFoto: Marina Könitzer
Ben Ainslie im roten Lichtschein seiner Leistung
  Ben Ainslie mit JournalistenFoto: Marina Könitzer
Ben Ainslie mit Journalisten

Einen seiner drei großen Wünsche hat sich der Mann aus Cornwall an diesem Sonntag erfüllt. An den anderen beiden wird er in Zukunft arbeiten: "Ich möchte immer noch mit einem britischen Team den America's Cup gewinnen, und ich hätte gern eine eigene Familie."

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