„Girls for Paris“Nadine Böhm und Lena Weißkichel im 49erFX: Mit Schlachtruf, Gold-Ziel und viel Arbeit auf Kurs Olympia

Tatjana Pokorny

 · 15.03.2022

„Girls for Paris“: Nadine Böhm und Lena Weißkichel im 49erFX: Mit Schlachtruf, Gold-Ziel und viel Arbeit auf Kurs OlympiaFoto: Felix Diemer
Neues Team, harter Weg, hochgestecktes Ziel: Nadine Böhm und Lena Weißkichel – stark in Szene gesetzt von Fotograf Felix Diemer

Die DSV-Flotte steigt Anfang April vor Mallorca mit einem Großaufgebot in die Saison ein. Wir stellen in loser Folge Crews mit viel olympischem Feuer vor

Sie sind die Neuen im Frauen-Skiff: Nadine Böhm und Lena Weißkichel haben ein 49erFX-Team formiert und trainieren intensiv für ihren olympischen Aufstieg. Dafür haben sie sich "Girls for Paris" zum Teamnamen gemacht. "Das ist wie eine Art Schlachtruf", erklärt Lena. Auch haben sie sich ganz bewusst das höchstmögliche Ziel gesteckt: "Wir packen es an. Wir gehen nach Paris. Wir wollen Gold.“ Damit treiben sie vor allem sich selbst an. Denn beide wissen: Der Weg aufs olympische Podium ist weit und dornenreich. Es winken knapp zweieinhalb Jahre harte Arbeit, die in der aktuellen Zeit nicht leichter gewordene Sponsorensuche, Regatta-Herausforderungen, Fortschritte und Rückschläge sowie hohe Qualifikationshürden, die das ungleiche und doch so harmonisch miteinander segelnde Duo auf seinem Weg meistern will.

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  Nadine Böhm und Lena Weißkichel im 49erFXFoto: Felix Diemer
Nadine Böhm und Lena Weißkichel im 49erFX

Noch agieren die 29-jährige ehemalige 470er-Steuerfrau Nadine Böhm und ihre erst 22 Jahre alte Vorschoterin Lena Weißkichel ohne Kaderanspruch weitgehend außerhalb der Verbandsstrukturen. Das bedeutet zwar einigen Freiraum für die erst im vergangenen Jahr aufgebrochenen 49erFX-Newcomerinnen, vor allem aber hohe finanzielle Eigenbelastungen. Weshalb das Saisonziel klar definiert ist: Schon bei der Skiff-Weltmeisterschaft Anfang September im kanadischen Revier vor Halifax muss ein Platz in den Top Acht her, um den Sprung ins DSV-Team und in die Verbandsförderung zu schaffen. Ein wenig erinnern Nadine Boehm und Lena Weißkichel bei ihrem Vorhaben in dieser Phase an Luise Wanser und Anastasiya Winkel. Die beiden 470er-Seglerinnen hatten vor den Olympischen Spielen in Japan 2021 auf eigene Kosten eine Last-Minute-Kampagne gestartet und sich in der nationalen Olympia-Qualifikation nervenstark durchgesetzt. Vor Enoshima hätte es ohne die umstrittenen harten Disqualifikationen infolge einer 200 Gramm zu schweren Trapezhose für Wanser/Winkel dann sogar zum olympischen Medaillen-Coup reichen können.

  Verstehen sich an Land so gut wie auf dem Boot: Nadine Böhm und Lena WeißkichelFoto: Felix Diemer
Verstehen sich an Land so gut wie auf dem Boot: Nadine Böhm und Lena Weißkichel

Nadine Böhm und Lena Weißkichel sind ehrgeizig, unerschrocken und mit breitem Horizont als Neuformation im 49erFX durchgestartet. Ihre neue Disziplin war in Deutschland rund ein Jahrzehnt vom Dauer-Duell zwischen Vicky Jurczok/Anika Lorenz und Tina Lutz/Susann Beucke geprägt. Letztere versilberten ihre Olympia-Karriere im vergangenen Jahr in Japan. Jetzt ist die nächste Generation deutscher Skiffseglerinnen im Aufbruch gefordert. Dazu zählen unter anderen die noch jungen Perspektivkaderseglerinnen Marla Bergmann, 20/Hanna Wille, 21, vom Mühlenberger Segel-Club am Hamburger Elbufer und die Kieler-Yacht-Club-Crew Maru Scheel, 22/Freya Feilcke, 21.

  Die 49erFX-Newcomerinnen kommen nach intensivem Wintertraining immer besser in FahrtFoto: Felix Diemer
Die 49erFX-Newcomerinnen kommen nach intensivem Wintertraining immer besser in Fahrt

Lena Weißkichel weiß: „Die jungen Teams haben uns aktuell noch mehr Wasserstunden im FX und entsprechend gutes Bootshandling voraus. Wir sind die Neuen, bringen aber einige Erfahrung mit: Nadi hat das Rüstzeug und die strukturierte Arbeitsweise aus zwei Olympia-Kampagnen im 470er. Das ist ein Vorteil gegenüber den jüngeren Teams im German Sailing Team. Ich war in drei Olympiaklassen aktiv (Red.: Laser, Nacra 17, 49erFX), bringe vor allem Erfahrungen aus dem Big-Boat- und Offshore-Bereich ein.“

Mit "Magenta-Mentor" aus dem America's Cup

Lena Weißkichel, leidenschaftlich gern Botschafterin für ihren Sport und eine erfrischende Vorreiterin bei Seesegelevents wie der Solo-Rund-Fünen-Regatta Silverrudder, hatte olympisch vor ihrem aktuellen Engagement eine Kampagne mit dem Hamburger Max Gurgel in der neuen Disziplin Mixed-Offshore angestrebt. Der Vorschlag des Weltsegler-Verbandes, das Kielbootsegeln mit gemischten Zweier-Teams ins olympische Programm aufzunehmen, hatte im internationalen Segelsport viel Zuspruch erhalten, war aber vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) abgeschmettert worden. Lenas mehrjähriger Intensiv-Einsatz auf See, darunter die Arbeit als Jung-Navigatorin an Bord von Sönke Meier-Sawatzkis ClubSwan „Niramo“, habe ihr aber, so sagt sie, „viel wertvolles Wissen und ein starkes internationales Netzwerk“ beschert. Als Mitglied im Team der Initiative The Magenta Project kann Lena Weißkichel als eine von mehr als 100 jungen Seglerinnen auf den Rat ihres persönlichen und prominenten Paten Tom Burnham zurückgreifen, der als Head Coach für das America’s-Cup-Team American Magic im Einsatz war. „Wenn wir mal nicht weiterkommen“, sagt Lena, „dann sind da außerdem noch einige Weltklassetrimmer, die ich bei Big-Boat-Engagements kennengelernt habe und die ich jederzeit fragen kann. Da hat sich ein Netzwerk entwickelt, das ich nie mehr missen möchte.“

  Koordinationsübungen an Land: Nadine Böhm und Lena Weißkichel werfen sich die Bälle zuFoto: Felix Diemer
Koordinationsübungen an Land: Nadine Böhm und Lena Weißkichel werfen sich die Bälle zu

In den vergangenen Monaten haben Nadine Böhm und Lena Weißkichel intensiv auch mit Coach Jorge Lima gearbeitet. Der 49er segelnde Bruder von Laser-Ass Gustavo Lima kann bei Bedarf auch selbst zu den Seglerinnen an Bord steigen und direkt agieren. Der Portugiese war mit seinem Steuermann Jose Costa bei der Olympia-Regatta vor Enoshima auf Platz sechs gesegelt, zählt zu den besten 49er-Vorschotern weltweit. Mit Lima konnten die deutschen Skiffseglerinnen auch die Amerikanerinnen Lucy Wilmot und Erika Reinke als Top-Sparrings-Partnerinnen gewinnen. In Vorbereitung auf den Saison-Auftakt bei der Trofeo Princesa Sofía arbeiten Böhm und Weißkichel aktuell auf Mallorca ohne Segel-Coach, aber mit ihren Mental-Coaches Marko Bauchrowitz aus Hamburg und Nina Spiel aus Bingen daran, Herangehensweisen und Tools für ihre Wettkämpfe zu entwickeln und zu verfeinern. Wie sich das und die Winterarbeit auszahlen werden, darüber soll die erste große Regatta des Jahres ab 4. April den „Girls for Paris“ Aufschluss geben.

  Nadine Böhm und Lena mit Mentalcoach Markus BauchrowitzFoto: Felix Diemer
Nadine Böhm und Lena mit Mentalcoach Markus Bauchrowitz

Die "Girls for Paris" verstehen sich an Bord wie an Land bestens. „Wir sind ehrlich im Umgang miteinander. Nadi ist sehr analytisch, will immer alles bis ins kleinste Detail verstehen, ist eine starke Taktikerin, eher angriffslustig und ein fröhlicher Mensch", sagt Lena. Es vergeht kein Tag, an dem die Crew nicht Bilanz zieht und jede noch so kleine „Altlast“ anspricht, um sie gar nicht erst zu einem Problem werden zu lassen. Unterstützung genießen sie vom Deutschen Touring Yacht-Club (DTYC), wo sich Steuerfrau Böhm nach Abschluss ihres Volkswirtschaftsstudiums um die Koordination der Jugendarbeit kümmert und die B-Jugend trainiert. Darüber hinaus ist sie auch selbst als Privat-Coach tätig. Lena Weißkichel, ursprünglich vom Steinhuder Meer, hat im Württembergischen Yacht-Club (WYC) eine neue Vereinsheimat gefunden. Im namhaften Verein am Bodensee sorgte nicht nur die Diesch-Segeldynastie über Jahrzehnte immer wieder für medaillenreife Leistungen.

  Gefragt im olympischen 49erFX-Segeln: Kondition und KoordinationFoto: Felix Diemer
Gefragt im olympischen 49erFX-Segeln: Kondition und Koordination

„Wir glauben an unser Potenzial, haben aber vor allem im Bereich Bootshandling noch viel zu lernen“, weiß Lena Weißkichel nach der ersten gemeinsamen Wintersaison. Ein erster Wettfahrtsieg bei einer Trainingsregatta vor Mallorca hat gezeigt, dass ihr Team auf vielversprechendem Kurs segelt. Der 3. Juni 2021 markierte den ersten gemeinsamen 49erFX-Einsatz der Seglerinnen. Drei Jahre später wollen sie am 26. Juli 2024 dabei sein, wenn bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele die Athleten zu einer Bootsparade auf der Seine in Paris den Auftakt zu den Spielen feiern, bevor die olympische Regatta beginnt. Es bleibt nicht viel Zeit für den ehrgeizigen Gipfelsturm, aber die wollen Nadine Böhm und Lena Weißkichel optimal nutzen.

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