La Boulangère Mini Transat 2023Geht’s vor Galicien jetzt ab?

Jochen Rieker

 · 27.09.2023

Leo Bothorol hielt sich bisher stets an der Spitze, Mittwochfrüh lag er auf P4
Foto: La Boulangère Mini-Transat/V. Olivaud
Update Tag 3 beim La Boulangère Mini-Transat
Zweistellige Werte gab es bisher nicht. Jetzt aber haben die Spitzenreiter endlich Wind gefunden. Die Protos im La Boulangère Mini Transat runden in diesen Stunden den zweiten Wegpunkt, danach wird’s wieder kompliziert. Und was war gestern Abend eigentlich an Bord von Lisa Bergers “Dimension Polyant” los?

Heute, an Tag 3 des Rennens, offenbart sich den 90 Solistinnen und Solisten die ganze Härte, aber auch die volle Schönheit des Mini-Transats: Die schnellsten Protos loggten in der Früh erstmals 10, 12 Knoten – nicht nur kurzfristig, sondern über mehrere Minuten, im Fall von Federico Waksman, der den wohl besten David-Raison-Mini segelt, sogar über vier Stunden.

Wenn man sich diese Regatta antut, sind es solche Passagen, auf die man hofft: 15 bis 18 Knoten Wind aus Ostsüdost, Spi, Fock, Groß – und ab dafür! Man darf davon ausgehen, dass Federico unabhängig vom Grad seiner Erschöpfung ein Lächeln auf dem Gesicht hatte, zumal er heute Früh die Führung übernahm und nicht den Eindruck macht, als ob er sie leichtfertig hergeben werde.

Tatsächlich ist sein Proto für die nach dem Wegpunkt zu erwartenden tiefen Kurse mit einem wahren Windeinfallswinkel von rund 150 Grad auch von den Foilern kaum zu schlagen. Allein: Die Schlittenfahrt wird nicht lange währen.

Denn schon bald kommen die führenden Boote in einen Übergang, der von vielen Drehern und einiger Ungewissheit bestimmt werden wird, bis sie näher am Kap Finisterre die volle Macht vom Rand eines Sturmtiefs erwischt.

Bis dahin sind es noch rund 180 Seemeilen, wegen der anstehenden Kreuz, der dadurch bedingten Abdrift und am Kap auch Strom gegenan wohl eher 230 bis 250. Es ist eine Schlüsselpassage dieser ersten Etappe.

Schon in der Nacht war klar, dass sich die am weitesten südlich positionierten Boote, die als erstes Wind bekamen, etwas werden absetzen können – ein typisches “The-rich-get-richer”-Szenario. Deshalb lohnt heute ein häufiger Blick auf den Tracker.

Auch in anderer Hinsicht wird es spannend: Kann Caroline Boule auf ihrem Voll-Foiler “Nicomatic” heute in vier, fünf Stunden Flugphase den Abstand zur Spitze der Protos egalisieren?

Gestern Abend sah es noch so aus, dann aber segelte sie einen Luv-Bogen, der sie heute Früh entweder auf eine angespitzte Vorwind-Kreuz auf Foils zwingt, was mehr Weg bedeutet, oder sie versucht es auf direktem Weg, was ihren theoretischen Speed-Vorteil egalisiert. Mit etwas Glück aber kann sie ihren Sam-Manuard-Mini relativ weit unter Land, bei flacher See und etwa 8 bis 10 Knoten Wind doch auf die Flügel bringen. Dann wäre sie unschlagbar. Derzeit segelt die Startnummer 1057 auf Position 9.

Drei Frauen sind vor Caroline Boule platziert: Gaby Bucau (Startnummer 865), Marie Gendron (1050) und Laure Galley (1048). Eine solche Leistungsdichte bei den Mini-Transat-Skipperinnen gab es wohl noch nie.

Bei den Serienbooten ist derzeit nur eine Frau in den Top Ten: die Belgierin Djemila Tassin (992) auf P7. Dort wollte sich eigentlich auch die erste Österreicherin in der Geschichte des Mini-Transats positionieren. Doch Lisa Berger ist weit zurückgefallen.

Gestern am frühen Abend trieb sie eine Zeit lang mit 1,2 Knoten vorm Wind, was auf ein mögliches technisches Problem oder eine Reparatur schließen lässt. Da die Ministen keine moderne Kommunikationstechnik an Bord haben dürfen, werden wir den genauen Grund wohl erst nach dem Zieldurchgang erfahren.

Heute Früh war Lisa auf P49 abgerutscht, mit 8,4 Knoten allerdings wieder recht flott unterwegs. Und sie kann beißen. Mal sehen, ob sie sich heute nach vorn arbeiten wird. Drehende Wind kennt sie von ihrem Heimatrevier ja.

Zum Mini-Transat-Tracker bitte hier klicken!

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Jochen Rieker

Jochen Rieker

Herausgeber YACHT

Aufgewachsen in Süddeutschland, hat Jochen Rieker das Segeln auf Bodensee, Ammersee und Starnberger See gelernt. Zunächst war er auf Pirat, H-Jolle und Tempest unterwegs, später auf Hobie Cat, A Cat und Dart 16. Aber wie das so ist: Je weiter entfernt das Meer, desto größer die Leidenschaft danach. Inspiriert durch die Bücher von Bobby Schenk und Wilfried Erdmann, folgte in den 90ern der erste Dickschifftörn im Ionischen Meer auf einer Carter 30, damals noch ohne Segelschein. Danach war’s um ihn geschehen. Als YACHT-Kaleu und Jury-Vorsitzender des European Yacht of the Year Award hat Rieker in den vergangenen mehr als 25 Jahren gut 500 Boote getestet. Sein eigenes, ein 36-Fuß-Racer/Cruiser, lag zuletzt in der Adria. Diesen Sommer verholt er es an die Schlei, wo er inzwischen lebt.

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