Kieler WocheStarparade und Abschiede

YACHT-Redaktion

 · 08.06.2022

Kieler Woche: Starparade und AbschiedeFoto: ChristianBeeck.de

Mit rekordverdächtigen Meldezahlen sind die olympischen 49er und 49er FX zurück in Kiel. Top-Feld im Nacra 17, 470er erstmals für gemischte Crews

Die Kieler Woche lebt von Wind, Wasser und Wellen. Wer sonst verkörpert den weltoffenen Sportsgeist besser als die Vielfalt der Aktiven aus weit mehr als 40 Nationen auf neun Regattabahnen vor Schilksee. 14 internationale Bootsklassen, gespickt mit dem Gold Cup der Folkeboote im ersten Teil und anschließend der 11. ACO Musto Skiff-WM, sowie acht olympische Disziplinen garantieren Spitzensport der Extraklasse. Zwar stehen die Wettfahrten für mehr als 4.000 Seglerinnen und Segler im Vordergrund, und doch sind es auch für sie die Begegnungen, zufällige und geplante, die in diesem Jahr eine große Bedeutung einnehmen.

Denn nach den beiden September-Ausgaben von 2020 und 2021 fühlt sich der angestammte Termin Ende Juni wieder richtig an. Organisationsleiter Dirk Ramhorst: "Wir leben von der Nähe zu den vielen Gästen und wollen mit ihnen die neue, alte Freiheit genießen." Dazu gehöre auch das Sommerfestival in der Innenstadtu, das zweimal schmerzlich vermisst wurde.

Nie war der Zeitraum zwischen zwei Kieler Wochen kürzer als von 2021 auf 2022 – eine Herausforderung für das gesamte Orga-Team. Die Teilnehmerzahlen bewiesen einmal mehr, dass Kiel auf der Wunschliste vieler Crews aus dem In- und Ausland stehe, egal ob mit oder ohne Weltcup-Status in den olympischen Disziplinen. Einige Klassen verzeichnen einen Run. "Das ist ein Höchstmaß an Anerkennung für Leistung und Engagement der Ehrenamtlichen", so Ramhorst, der auch als DSV-Vizepräsident Leistungssport spürt: "Kiel bleibt ein Meilenstein auf dem Weg zu den Olympischen Spielen."

Wenn im Meldesystem Manage2Sail eine rote Linie auftaucht, ist die Kapazitätsgrenze erreicht. Für die 49er wurde die maximale Teilnehmerzahl in beiden Klassen deutlich angehoben, so groß war der Andrang bei den olympischen Skiffs. Fast 100 Männercrews begehren eine Zulassung zur Kieler Woche. "Wir haben zudem auf drei Regattabahnen für die Gleitjollen aufgestockt", erklärt der oberste Wettfahrtleiter Fabian Bach, "denn auch bei den Frauen im 49er FX standen schnell 75 auf der Liste." Genau wie bei den Nacra-17-Katamaranen, die auf 40 aufgestockt wurden, üben die anschließenden Europameisterschaften im dänischen Aarhus eine Sogwirkung aus.

  Der erste und letzte Auftritt im 49er FX nach Olympia-Silber erfolgt für Tina Lutz und Susann Beucke bei ihrer Lieblingsregatta, der Kieler Woche.Foto: Sascha Klahn
Der erste und letzte Auftritt im 49er FX nach Olympia-Silber erfolgt für Tina Lutz und Susann Beucke bei ihrer Lieblingsregatta, der Kieler Woche.

Für die deutschen Silbermedaillengewinnerinnen von Japan voriges Jahr wird der erste Auftritt nach der Triumphfahrt von Enoshima auch emotional ein ganz besonderer. "Ja, es wird unsere letzte gemeinsame Regatta im 49er FX", verriet Vorschoterin Susann Beucke aus Strande bei der Vorab-Pressekonferenz im Komodoresaal des Kieler Yacht-Clubs. Nach reiflicher Überlegung mit Steuerfrau Tina Lutz sei die Entscheidung gegen eine weitere Olympiakampagne gefallen. Beucke widmet sich fortan dem Hochseesegeln. Lutz hat beruflich im Personalmanagement eines Schweizer Großkonzerns in Österreich Fuß gefasst.

"Wir hatten eine wunderbare gemeinsame Zeit mit vielen Höhen und lassen die Tiefen achteraus", sagte Susann Beucke vier Tage vor ihrem 31. Geburtstag, "wenn es am schönsten ist, sollst du zu neuen Ufern aufbrechen." Wer sie kennt, traut ihr eines Tages ein Weltrennen zu. Aber zuvor wollen beide "unsere Lieblingsregatta in vollen Zügen genießen". Auf der Kieler Woche treten Lutz/Beucke noch einmal mit ihrem Olympiaboot an. Sie werden an durchsichtigen Segeln zu erkennen sein, denn den Wechsel zum neuen FX-Rigg mit schwarzen Segeln macht die Süd-Nord-Kombination schon nicht mehr mit. Beucke: "Deshalb haben wir auch sportlich keine Erwartungen, wollen einfach nur Spaß haben." Bei der Klassen-Premiere 2013 siegten Tina Lutz und Susann Beucke, die sich einst auf einer Pressekonferenz der Kieler Woche kennengelernt hatten, genauso wie 2016 sowie zuletzt vor zwei Jahren, kehren also gleichwohl als Titelverteidigerinnen zurück.

Die 49er-Vizeweltmeister Tim Fischer und Fabian Graf gehen für die Kieler-Woche-Mitveranstalter Norddeutscher Regatta Verein und Verein Seglerhaus am Wannsee an den Start. Das Kieler Duo dominierte bei der WM im November im Sultanat Oman die Weltelite, ehe es sich mit einem Frühstart im Finale die Goldmedaille selbst raubte. Auf ihrem Hausrevier kommt es zur Revanche mit den Weltmeistern Bart Lambriex und Floris van de Werken aus den Niederlanden. "Ob Jäger oder Gejagte ist uns völlig egal", sagt der Steuermann, "wir setzen uns überhaupt nicht unter Druck."

Lockerheit mit intelligentem Segelstil heißt das Erfolgsrezept, nur nicht verkrampfen. Im siebten Jahr zusammen im Boot haben Fischer/Graf aus Fehlern der Vergangenheit gelernt, als sie schon mal etwas überzogen. Diese Saison gilt das Augenmerk von Tim Fischer genauso der Masterarbeit in Betriebswirtschaft an der Uni Kiel, während der Vorschoter inzwischen Sportsoldat ist. Zusammen mit Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger vom Bayerischen Yacht-Club sowie Max Stingele und Linov Scheel vom Kieler Yacht-Club bilden sie eine starke Trainingsgemeinschaft unter Coach Max Groy.

Und wo bleiben die zweimaligen Bronzemedaillengewinner von Olympia 2016 und 2021? "Wir greifen erst im Herbst zur WM wieder ein", erklärt Thomas Plößel. Er arbeitet nach abgeschlossenem Studium als Maschinenbauer bei der Firma Reckmann an Rollreffanlagen für Großyachten. Steuermann Erik Heil setzt sein Medizinstudium fort. Nach dem ersten Edelmetall in Rio de Janeiro/Brasilien hatten die beiden bereits eindrucksvoll bewiesen, dass eine längere Trainings- und Wettkampfpause keine Unterbrechung der Erfolgsgeschichte bedeuten muss.

Vor der eigenen Haustür haben sich auch Kohlhoff/Stuhlemmer auf dem foilenden Zweirumpfboot einiges vorgenommen. Für die Nordlichter war schon unmittelbar nach Olympia-Bronze klar: "Wir geben weiter Vollgas bis 2024." WM-Bronze ebenfalls im Oman war das erste starke Zeichen. Indes gibt es beim ehrgeizigen Steuermann auch einen neuen Fokus. Im Mai wurde Paul Kohlhoff zum ersten Mal Vater und genießt jetzt auch "jede freie Minute, die wir nicht auf dem Wasser sind".

Am Finaltag der Medal Races (26. Juni) feiert er seinen 27. Geburtstag, und mit seiner aktuellen Vorschoterin nach 2015 und 2016 (damals mit Carolina Werner) vielleicht sogar den dritten Gesamtsieg. Allerdings wird die Konkurrenz hart. Die italienischen Dauerrivalen Ruggero Tita und Caterina Banti sind genauso mit von der Partie wie John Gimson und Anna Burnet aus Großbritannien sowie Argentiniens Segellegende Santiago Lange mit Victoria Travascio.

  Heimspiel für Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer auf dem fliegenden Nacra 17Foto: ChristianBeeck.de
Heimspiel für Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer auf dem fliegenden Nacra 17

Eine Premiere bei der Rückkehr sieht die Kieler Woche in der 470er-Jolle. Sie bietet nach den Nacras bei den olympischen Segelwettbewerben die zweite Mixed-Disziplin. Anastasiya Winkel, Olympia-Sechste an der Vorschot von Luise Wanser, trimmt jetzt an Bord ihres Ehemanns Malte. Die geborene Ukrainerin trotzt seit Kriegsbeginn einer Doppelbelastung, denn sie engagiert sich stark in der Flüchtlingshilfe. "Darunter sind einige Seglerinnen und Segler, die teils mit ihren Familien gekommen sind", berichtet die 28-Jährige. Der Kieler Yacht-Club und der Norddeutsche Regatta Verein helfen auch mit Trainingsmöglichkeiten.

Außerdem hält Anastasiya Winkel täglich Kontakt zur Mutter und 90-jährigen Oma, die Altschewsk aufgrund des hohen Alters nicht mehr verlassen kann. Die Industriestadt liegt in der Region Luhansk nur rund 50 Kilometer von der umkämpften Metropole Sjewjerodonezk entfernt. Von vormals mehr als 100.000 Einwohnern ist nur noch etwa ein Drittel dort. Winkel: "Bisher ist meine Heimat zumindest nicht bombardiert worden. Ich hoffe inständig, dass das so bleibt."

  Zum Saisonauftakt der neuen olympischen Mixed-Disziplin im 470er überzeugten Luise Wanser und Philipp Autenrieth als Vierte beim Weltcup in Palma de MallorcaFoto: SAILING ENERGY
Zum Saisonauftakt der neuen olympischen Mixed-Disziplin im 470er überzeugten Luise Wanser und Philipp Autenrieth als Vierte beim Weltcup in Palma de Mallorca

Angesichts dieser Umstände fällt es schwer, sich auf den Leistungssport zu konzentrieren. Ein 20-tägiges Trainingslager in Marseille bot vor der Kieler Woche willkommene Abwechslung. Dabei war auch Anastasiya Winkels Olympia-Steuerfrau Luise Wanser (Hamburg), die als eine der wenigen Frauen in der neuen Disziplin an der Pinne blieb, nun mit Philipp Autenrieth im Trapez. "Austausch und Vergleich innerhalb des Nationalteams und mit anderen Ländern sind der einzige Weg, sich in der Weltspitze festzusetzen", meint Malte Winkel, "deshalb spielen wir, solange es geht, mit offenen Karten." Eine der Trainingsregatten in Südfrankreich gewannen die Winkels und tankten Selbstvertrauen auf dem Weg zu ihrem Traum, die deutschen Farben übernächstes Jahr in Paris zu vertreten.

"Durch Tokio 2021 sind wir im Grunde gerade erst am Anfang der ein Jahr verkürzten Olympiade, aber schon intensiv in den Vorbereitungen", so DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner, die gern alle zehn Segeldisziplinen besetzen möchte und "überall das Potenzial dazu" sieht. Allerdings werde bereits die Nationenqualifikation eine höhere Hürde als bisher, weil die Gesamtanzahl der Aktiven beim Segeln vom IOC weiter reduziert worden sei.

Bei den internationalen Bootsklassen ragen dieses Jahr die 11. ACO Musto Skiff-Weltmeisterschaft und der Gold Cup der Nordischen Folkeboote mit jeweils rund 50 Startern heraus. Von den Einhandseglern hat Iver Ahlmann ein doppeltes Heimspiel. Der Vizeeuropameister von 2011 kommt als Kieler- Woche-Sieger 2020 und geschäftsführender Gesellschafter der Büdelsdorfer ACO-Gruppe, ein international führendes Unternehmen für Entwässerungstechnik und Abwasserreinigung. Nach zehn Jahren ACO Musto Skiff-WM ist die Firma auch Sponsor der Kieler Woche. "Unser Claim lautet seit Neustem 'we care for water', was sehr gut zum Segeln passt", erklärt Iver Ahlmann, "und die Nachhaltigkeit, die auch von der Kieler Woche großgeschrieben wird, passt schon immer ideal zu unseren Werten."

  Iver Ahlmann gewann die Kieler Woche vor zwei Jahren und kehrt als Sponsor und deutscher Top-Segler mit der 11. ACO Musto Skiff-Weltmeisterschaft zurückFoto: Sascha Klahn
Iver Ahlmann gewann die Kieler Woche vor zwei Jahren und kehrt als Sponsor und deutscher Top-Segler mit der 11. ACO Musto Skiff-Weltmeisterschaft zurück

Sportlich werde er vermutlich kleinere Brötchen backen müssen, fürchtet der KiWo-Titelverteidiger. "Meine Vorbereitung glich eher einer Schadensbegrenzung", so der 39-Jährige; Hausbau und das vierte Kind haben andere Prioritäten verlangt. Ahlmann nennt die Briten Jamie Hilton, Dan Vincent und Robbie Wilson neben Segelprofi Peter Greenhalgh sowie den Südafrikaner Andy Tarboton, internationaler Klassenpräsident, als WM-Favoriten. Bei Leichtwind könnte er selbst, nur 68 Kilogramm schwer, vielleicht einzelne Ausrufezeichen setzen.

Außerdem rufen die 29er erneut zum Euro Cup nach Kiel. Mit rund 150 Jugend-Skiffs stellen sie das größte Teilnehmerfeld der Kieler Woche. Nach dem Sensationsgewinn 2021 kommt die Nachwuchsmannschaft des Jahres aus dem ostholsteinischen Dorf Zarnekau. Steuermann Anton Sach mit seinem Bruder Johann ist als 14-Jähriger einer der jüngsten Vorjahressieger aller Zeiten. Auch die YES-Regatta (Young Europeans Sailing) des KYC zu Pfingsten als Generalprobe gewannen die Top-Talente überlegen und dürfen damit den einzigen deutschen Startplatz bei den Youth Worlds, der Jugend-WM in den Niederlanden (8. bis 15. Juli), beanspruchen.

  Überraschungssieger auf ihrer ersten Kieler Woche überhaupt und aktuell beste deutsche 29er-Crew: Anton und Johann SachFoto: Sascha Klahn
Überraschungssieger auf ihrer ersten Kieler Woche überhaupt und aktuell beste deutsche 29er-Crew: Anton und Johann Sach

Mit bereits mehr als 160 Meldungen verzeichnet auch das Seesegeln einen stattlichen Zuspruch. Der Auftakt am Sonnabendmorgen (18. Juni) nach Eckernförde, der ab sofort wie einst nur noch traditionell Aalregatta heißt, erfreut sich der größten Beliebtheit. Beim Kiel Cup (Montag bis Mittwoch) geht die Organisation neue Wege und öffnet die klassischen Kurzrennen auch für Yachten der Yardstick-Wertung; eine Vergleichsrechnung mit ORC inklusive. Außerdem sollen zu den täglichen Up-and-Downs auch Mittelstrecken rund um feste Seezeichen ausgetragen werden. Der Senatspreis am Donnerstag und Freitag wurde wiederum ausdrücklich auf Zwei-Personen-Crews (double-handed) zugeschnitten, während das Silberne Band einen Tag später über Nacht um die Nordspitze Langelands herumführt.

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