Wenn Paul Kohlhoff morgens in Richtung Strander Bucht zu seinem Nacra 17 fährt, legt er gern noch eine kurze Kaffeepause bei Mama Thea oder Papa Peter ein. Beide wohnen vis-à-vis vom Olympiazentrum Schilksee im benachbarten Strande, sind dem Zentrum des deutschen Segelsports ganz nah.
Paul Kohlhoff selbst lebt mit Partnerin Jana und Sohn Bruno in der Kieler Innenstadt, unweit vom Blücherplatz und dem Markt. Dort, wo das Festherz der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt zur Kieler Woche ganz laut schlägt. Mit 3,8 Millionen Besuchern gab es im vergangenen Jahr einen neuen Kieler-Woche-Wonnerekord. Der in Bremen geborene Paul Kohlhoff ist in dieser „Sailing City“ groß geworden, fühlt sich als Kieler durch und durch.
Das Segeln hat der 28-Jährige im Kieler Yacht-Club erlernt, dessen aktuell erfolgreichste Olympia-Crew er mit der 24-jährigen Kielerin Alica Stuhlemmer formiert. Nach ihrem unvergesslichen Bronze-Erfolg von Enoshima sind der Steuermann und seine Vorschoterin zusammen zum zweiten Mal in Folge für Olympia qualifiziert. Für Kohlhoff sind es nach der Premiere mit Carolina Werner 2016 sogar die dritten Spiele. Weil die olympische Regatta schon am 28. Juli beginnt (für die Nacra-17-Flotte am 3. August), müssen einige dafür qualifizierte Nationalsegler wie auch die internationalen Top-Akteure in diesem Jahr an der Kieler Woche vorbeisegeln. Sie bereiten sich bereits in Marseille auf die olympische Medaillenjagd vor.
„Die Top-Leute haben zu der Zeit in diesem Jahr leider in Kiel nichts verloren, weil jeder Trainingstag im nicht immer geöffneten Olympia-Revier zählt“, erklärt Kohlhoff die Abwesenheit der olympischen Elite bei der 130. Kieler Woche. Die Bucht von Marseille unterscheidet sich mit ihrer Topografie und ihren abwechslungsreichen Segelbedingungen so deutlich vom Revier der Kieler Woche, dass sich der deutsche Segelgipfel dieses Mal nicht als Vorbereitungsevent eignet.
Was Paul Kohlhoff zu seinem Kieler Heimatrevier und den Segelbedingungen spontan einfällt? „Westwind und flaches Wasser. Das bedeutet kaum Welle und aufregendes Racing durch viele Dreher und Böen“, sagt er und lächelt. Und weiter: „Das Revier der Kieler Woche ist schon cool für allerlei schnelle Boote, also alles, was foilt und gleitet. Was ich gern segle, das macht Spaß in Kiel. Bei allem außer bei Ostwind, der aber für viele andere ebenso herrlich ist wie für uns Westwind.“
Wenn Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer zu Trainingseinsätzen oder auch Regatten aufs Wasser gehen, tun sie das am liebsten von Strande aus. „Ich bin hier aufgewachsen und fühle mich mit Kiel und dem Revier stark verbunden. Segeln ist bei uns seit meiner Kindheit ein familiäres Thema“, sagt der Steuermann, der in seiner Jugend auch ein sehr guter Fußballspieler war, bis er sich für einen Weg entscheiden musste. Er wählte den Sport, für den Kiel weltberühmt ist: das Segeln.
Gerade, weil Paul Kohlhoff als Olympia-Segler viel auf Reisen ist, bietet Kiel ihm einen Heimathafen mit hohem Wohlfühlfaktor. Er sagt: „Die Kieler Woche rückt die manchmal unterbewertete Stadt Kiel ins Scheinwerferlicht, bietet viele Chancen zur Präsentation. Ich finde, das gelingt den Veranstaltern in den letzten Jahren gut.“
Die Familienyacht von Vater Peter Kohlhoff liegt in Strande, das Bilderbuchrevier direkt vor der Tür. „Das Wasser ist hier gut, seine Qualität fast sensationell“, sagt Paul Kohlhoff. „Nur, wenn es zu warm wird und schwierige Wetterlagen herrschen, kann es Probleme mit Seegras geben.“ Diese Art der unsichtbaren Unterwasserhürden können in einigen Bereichen für foilende Boote und Boards zum Problem werden. Das für viele Bootsklassen problemlose Seegras kann beispielsweise Kiter, die in besten Bedingungen mit bis zu 70, 80 Stundenkilometern auf ihren schmalen Foils übers Wasser rasen, das Risiko plötzlicher Aufstopper bergen.
Paul Kohlhoff hat seine erste Kieler Woche 2008 als 13-jähriger 29er-Steuermann bestritten, segelte nach dem gerade erst erfolgten Umstieg mit Tim-Kilian Krämer auf Platz 50. 14-mal startete er insgesamt bei seiner Heimatwoche im Jugend-Skiff und ab 2014 im foilenden Olympia-Katamaran Nacra 17. 2015 und 2016 gewann er in Kiel mit Carolina Werner, im vergangenen Jahr wurde er Zweiter mit Alica Stuhlemmer. Gemeinsam nehmen die beiden Kieler nun Kurs auf Marseille. Ziel ist die zweite Olympia-Medaille nach 2021. „Einfacher ist es aber trotz hilfreicher Erfahrung nicht geworden, denn das Niveau ist noch weiter gestiegen“, sagt Paul Kohlhoff, der sein Zimmer in Marseille wieder mit dem 2020er Ilca-7-Weltmeister Philipp Buhl teilen wird, der ebenfalls seinen dritten olympischen Gipfelsturm ansteuert. „Wir sind gut befreundet“, sagt Kohlhoff zur olympischen Männer-WG, „wir haben großen Respekt voreinander und beide Bock, für Deutschland zu performen. Das eint uns. Gleichzeitig inspiriert Philipp mich. Er lässt sich von Höhen und Tiefen nicht so beeindrucken, zieht sein Ding durch.“
Mit Alica Stuhlemmer will Paul Kohlhoff in Marseille auch durchziehen und um die zweite olympische Medaille kämpfen. Aber nicht, ohne zuvor noch einmal Kieler-Woche-Emotionen zu tanken. Kohlhoff sagt: „Wir waren hier oft erfolgreich, entsprechend gut ist das Gefühl. Ich finde die Kieler Woche als Event cool. Die DSV-Lounge mitten in Schilksee hat sich gut entwickelt. Da fühlen wir uns wohl.“
Das „Wohnzimmer“ der Olympia-Segler befindet sich im Olympiazentrum Schilksee. Hier werden sich die deutschen Marseille-Starter ein letztes Mal versammeln, bevor sie direkt wieder nach Frankreich reisen. Paul Kohlhoff blickt dem Kieler Abschied auf Kurs Olympia mit viel Vorfreude entgegen: „Ich freue mich sehr auf die Teampräsentation. Ich empfinde es als große Ehre, dabei sein zu dürfen. Es ist ein schönes Gefühl, den Kieler-Woche-Besuchern als Teil des Olympia-Teams vorgestellt zu werden.“
Das GER-Segelteam für die XXXIII. Olympischen Sommerspiele wird sich am Finaltag der ersten olympischen Hälfte der Kieler Woche am Bundesstützpunkt des Deutschen Segler-Verbandes präsentieren. Der 26. Juni ist gleichzeitig Paul Kohlhoffs 29. Geburtstag. Was er sich wünschen wird, lässt sich – dann 37 Tage vor dem ersten Startschuss in der Bucht von Marseille – erahnen.