Neben den deutschen Aktiven, die mit gut 800 mehr als die Hälfte der Meldungen ausmachen, schicken Dänemark (63), Schweden (55) und Italien (51) die stärksten Vertretungen. Es werden Flaggen aus allen Kontinenten zu sehen sein, von Argentinien, Aruba und Australien über Hongkong, Indien, Marokko und Südafrika bis zur Ukraine, den USA und Zypern.
Ilca-7-Steuermann Nik Aaron Willim hat ehrgeizige Pläne. Gerade erst ist der 26-Jährige aus dem Schatten von Laser-Weltmeister Philipp Buhl getreten, hat den zweimaligen Olympiateilnehmer im Kampf um das Ticket zu den Pre-Olympics besiegt. Jetzt will Willim es auch auf der Förde krachen lassen. Bestes Ergebnis des Kieler Schützlings von DSV-Coach Alex Schlonski war bislang ein vierter Platz. Nun ist das Podium Ziel: „Es ist ein Happening vor meiner Haustür. Einfach mal zu Hause Gold holen – das wäre cool!“
Dem 18-jährigen Ole Schweckendiek gehört die Zukunft. Nachdem der Kieler bereits im Ilca 6 Jugend-Europameister wurde und die Kieler Woche 2022 gewann, gelang der Umstieg in den olympischen Ilca 7 mit Bestnote. Auf Anhieb wurde das Top-Talent U21-Weltmeister. „Das ist erst mal schwer zu übertreffen, aber in der offenen Altersklasse hängen die Trauben schon deutlich höher.“ Um sich auch dort durchzusetzen, wo der zweimalige Olympiateilnehmer und Weltmeister 2020, Philipp Buhl, national seit Jahren das Maß aller Dinge ist, will Ole Schweckendiek „weiter so viel wie möglich trainieren“. Das heißt vor allem im Kraftraum, wo er von 80 auf 85 Kilogramm an Muskeln zulegen muss.
In Schilksee wird der Umsteiger einen Tag nach seiner letzten mündlichen Prüfung in Sport zum Thema Trainingslehre als frischgebackener Abiturient an die Startlinie gehen. Wegen des Abistresses hat er zuletzt oft nur zwei Tage die Woche gesegelt. Ziel sei ein Notendurchschnitt mit einer 1 vor dem Komma; im Wintersemester beginnt das Wirtschaftsinformatikstudium. „Es muss ein Standbein neben dem Segelsport geben“, spricht der erfolgsverwöhnte Realist. Die Kieler Woche diene als eine „gute Orientierung im international starken Feld“. Anfang August geht es zur U21-EM nach Stavanger/Norwegen, Mitte Oktober zur Junioren-WM nach Marokko, wo Ole Schweckendiek sich erneut in der Spitze behaupten will.
Als überragender Akteur in der neu olympischen Segeldisziplin iQFoil ist Sebastian Kördel der Windsurfriese im German Sailing Team. Der amtierende Weltmeister und olympische Hoffnungsträger freut sich auf seinen Start bei der Kieler Woche, bevor er in den Pre-Olympics in Marseille olympische Testluft schnuppern will. Der in Radolfzell geborene Brettkönig startet für den Norddeutschen Regatta Verein und arbeitet hart für sein erklärtes Medaillenziel bei Olympia 2024.
29 Jahre nach dem letzten deutschen 470er-WM-Gold durch Ines Bohn/Sabine Rohatzsch waren es Luise Wanser und Philipp Autenrieth (NRV/BYC), die der einstigen deutschen Paradedisziplin mit ihrem WM-Sieg wieder Glanz verliehen. Die 26-jährige Hamburger Steuerfrau und ihr 33-jähriger bayerischer Vorschoter sind neben Malte und Anastasiya Winkel und Simon Diesch/Anna Markfort Teil des deutschen 470er-Trios, das 2024 mit- und gegeneinander eine Olympia-Medaille anstrebt.
„Die ganze Familie und alle Freunde dicht am Geschehen einer hochwertigen Regatta zu haben und danach mit ihnen auch feiern zu gehen, das macht die Kieler Woche besonders einzigartig“, ist sich Marla Bergmann sicher. Zusammen mit Hanna Wille will sie in die Top Ten der 49erFX-Klasse fahren, nachdem die beiden Kieler Studentinnen das Medal Race im Vorjahr denkbar knapp verpasst hatten. Die Kieler Woche soll als Heimspiel genossen werden, bevor es zum olympischen Testevent nach Marseille/Frankreich geht.
Die Qualifikation dafür macht die 21-jährige Steuerfrau und ihre ein Jahr ältere Vorschoterin auch zu den Favoritinnen für die Olympiatickets 2024. „Dabei sein wäre alles, um 2028 die Medaillen anzugreifen“, sagt Marla Bergmann. Nach dem Gewinn der Juniorenweltmeisterschaft 2021 stellte das Duo seine sportlichen Ziele in den Vordergrund. Bei der WM im August in Den Haag soll der Nationenstartplatz für Marseille gesichert werden. An die nationale Ausscheidung denken sie vorerst nicht. „Wir arbeiten solange es geht zusammen in einer gemeinsamen Trainingsgruppe“, so Hanna Wille, „Einzelinteressen müssen zurückstehen.“
Ob sie ihre neue „Perle“ in Kiel an den Start bringen, ist noch offen. „Magali“, so ein französischer Mädchenname mit gleicher Bedeutung, heißt ihr neues Boot, das sie erst am vorigen Freitag bei ihrem Heimatverein Mühlenberger Segel-Club in Hamburg getauft haben. Bergmann: „Wahrscheinlich werden wir es erst für die WM optimal tunen.“ Aber ab sofort stehen zwei 49er FX für die doppelte Olympiakampagne bereit, um mittelfristig in die Fußstapfen der Silbermedaillengewinnerinnen von Japan, Tina Lutz und Susann Beucke, zu treten.
Unter 77 Startern aus 27 Ländern im 49er ist für Jakob Meggendorfer und Andreas Spranger vor ihrer Haustür der Einzug ins Medal Race der Top Ten das Minimalziel. Als einzige Crew im Olympia-Kader des Deutschen Segler-Verbands sind die WM-Sechsten von Halifax/Kanada 2022 ebenfalls für den Olympic Test Event Anfang Juli gesetzt. Zum DSV-Team dort gehört auch die Berlinerin Julia Büsselberg im Ilca 6, wo die internationale Konkurrenz von Vorjahressiegerin Mara Stransky aus Australien angeführt wird. Im Nacra 17 zählen die einheimischen Bronzemedaillengewinner von Enoshima/Japan, Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer, zu den Topfavoriten.
Mehrfach weltmeisterlich geht es in den elf internationalen Bootsklassen zu. Dafür sorgen Severin Gericke und Xaver Schwarz im 420er, Kai-Uwe Lüdtke und Kai Schäfers im Flying Dutchman sowie der Däne Jesper Armbrust im Contender. Auch zahlreiche Titelverteidiger der Kieler Woche 2022 gehen wieder an den Start. Heiko Kröger strebt im 2.4mR bereits nach dem 14. Gesamtsieg. Für die Ungarn Szabolcs Majthényi/Andras Domoskos im FD wäre es der achte. Und Sören Dulong Andreasen gewann im Contender seit 2019 in Serie.
Mit einem Weltmeistertitel dekoriert ist der Hamburger Michael Berghorn. Der Eigner und Steuermann der „Halbtrocken 4.5“ vom Kieler Yacht-Club siegte 2021 bei der ORC-WM der Seesegler. Die Kieler Woche betrachtet der ebenfalls amtierende Europameister als Generalprobe für die Weltmeisterschaft im August an gleicher Stelle. Die Mills 45 erhält neue Segel, erstmals von North Sails, die sollen getestet und der Trimm optimiert werden. „Wir wollen Selbstvertrauen aufbauen und dabei natürlich nicht hinterhersegeln“, lautet die Zielvorgabe von Berghorn, der kurzfristig zusätzlich zum Kiel Cup auch noch die Aalregatta auf den Kalender geschrieben hat. „Das ist quasi ein Küstenrennen, wie es bei der WM auch ansteht, ein gutes Training.“
Damit wird Michael Berghorn als einer der ganz wenigen Teilnehmer an allen neun Tagen der Kieler Woche aktiv sein. Denn ab Donnerstag geht er mit der „Halbtrocken light“ bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft der J/70 an den Start. Dafür gründete der Geschäftsmann eigens einen Verein und rekrutiert aus den Crews Nachwuchs für das ORC-Segeln. Jüngst wurde ein neuer Grinder für die Mills 45 entdeckt. Darüber hinaus zählen für den Steuermann so viele Wassertage wie möglich, um Gefühl für die Boote zu bekommen und die Praxis zur Routine werden zu lassen.