128. Kieler WocheSegel-Sommermärchen mit goldenem Finale: Simon Diesch: "Das war eine traumhaft schöne Kieler Woche!"

Tatjana Pokorny

 · 26.06.2022

128. Kieler Woche: Segel-Sommermärchen mit goldenem Finale: Simon Diesch: "Das war eine traumhaft schöne Kieler Woche!"Foto: ChristianBeeck.de/Kieler Woche
Der Siegerkuss nach dem Finale in der neuen Olympia-Disziplin 470er-Mixed: Malte und Anastasiya Winkel gewannen zum Auftakt ihrer gemeinsamen Olympia-Kampagne ihren jeweils ersten Kieler-Woche-Titel gemeinsam

Ein Ehepaar-Sieg im 470er, ein Siegerkuss, ein stolzer Kalle Dehler und viel ansteckende Euphorie im Olympiahafen: Die Kieler Woche ging in Hochstimmung zu Ende

War das ein Fest! Die 128. Kieler Woche hat die in den vergangenen zwei Corona-Jahren heruntergeschraubten Erwartungen nicht nur weit übertroffen, sondern vielen Akteuren ganz neue Blickwinkel erschlossen. Die neuntägige weltgrößte Segelserie ging am Sonntag in mitreißender Hochstimmung zu Ende. Dazu trugen viele herausragende Leistungen, Persönlichkeiten, gute Verlierer und auch das Bilderbuchwetter bei. Dabei wären die Medaillenfinals der Olympiasegler beinahe ausgefallen. Last minute aber konnten sie – bis auf den Showdown der iQFoil-Windsurferinnen – mit wieder kooperierendem Wind doch über die Bahn gehen und boten zum Abschied noch einmal spannenden Segelsport.

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  Zum Finale der Nacras frischte der Wind plötzlich auf und forderte die foilenden Katamaran-OlympiaseglerFoto: Sascha Klahn/Kieler Woche
Zum Finale der Nacras frischte der Wind plötzlich auf und forderte die foilenden Katamaran-Olympiasegler

Diese Kieler Woche wird den meisten der rund 4.000 Aktiven als Segel-Sommermärchen in Erinnerung bleiben. Die von Sonne und Wind oft verwöhnte Regattaserie ging am Sonntag mit drei deutschen Siegen in den olympischen Bootsklassen zu Ende. Zwei deutsche Boote und iQFoil-Windsurferin Lena Erdil gewannen in den acht olympischen Kieler-Woche-Disziplinen. Im 470er-Mixed setzte sich das Ehepaar Malte und Anastasiya Winkel aus Kiel vor den gerade erst durchgestarteten Simon Diesch/Anna Markfort (Württembergischer Yacht-Club/Verein Seglerhaus am Wannsee) durch. Die mehrtägigen Spitzenreiter Luise Wanser/Philipp Autenrieth (Hamburg/Augsburg) fielen mit Rang zehn im Medaillenrennen noch punktgleich mit den drittplatzierten Schweden Dahlberg/Karlosson vom Podium und wurden Vierte.

  Simon Diesch und Anna Markfort sind bei der Kieler Woche in ihre erste gemeinsame große Regatta gestartet. Der zweite Platz könnte die Entscheidung zum Einstieg in eine Olympia-Kampagne leichter gemacht habenFoto: ChristianBeeck.de/Kieler Woche
Simon Diesch und Anna Markfort sind bei der Kieler Woche in ihre erste gemeinsame große Regatta gestartet. Der zweite Platz könnte die Entscheidung zum Einstieg in eine Olympia-Kampagne leichter gemacht haben

Sowohl für Malte Winkel als auch für seine in der Ukraine geborene Ehefrau und Vorschoterin Anastasiya Winkel war es der erste Kieler-Woche-Sieg in der Karriere. "Es ist wunderschön, dass wir ihn gemeinsam gewinnen konnten", freute sich Anastasiya Winkel herzlich. Der Kuss, den sie ihrem (Steuer-)Mann nach dem Zieldurchgang gab, bezeugte die große Freude. Auch die zweitplatzierten Simon Diesch und Anna Markfort strahlten. Sie haben erst durch einen Anruf von Markfort bei Diesch im April zusammengefunden und loten aktuell aus, ob sie gemeinsam in eine Olympia-Kampagne starten wollen. "Besser geht's ja kaum", kommentierte Markfort die Leistung ihrer Crew nach dem Kieler Finale, "von mir aus kann es losgehen." Auch Steuermann Diesch, Sohn und Neffe der FD-Olympiasieger Eckart und Jörg Diesch (1976), zog begeistert Bilanz: "Das war eine wunderbare, traumhaft schöne Kieler Woche." Das Comeback der einstigen deutschen Paradedisziplin 470er, in der große Erfolge in den letzten Jahren selten geworden waren, scheint in der ab 2024 olympischen Mixed-Konstellation zu beginnen. Bei der Kieler Woche segelten die gemischten 470er-Doppel in attraktiver Weise ins Rampenlicht. Luise Wanser räumte zwar ein, dass der vierte Platz für sie und Vorschoter Philipp Autenrieth für den Moment etwas schmerzhaft sei, erwies sich aber als gute "Verliererin" und Botschafterin der aufstrebenden 470er-Mixed-Gruppe des German Sailing Teams. Sie sagte: "Vielleicht ist es neu für Segeldeutschland, dass wir uns alle trotz der Konkurrenzsituation so gut verstehen. Aber wir sind gemeinsam daran interessiert, dass Segeldeutschland bei Olympia Gold im 470er gewinnt. Das ist das Ziel."

  Luise Wanser und Philipp Autenrieth im 470er-MixedFoto: Christian Beeck.de/Kieler Woche
Luise Wanser und Philipp Autenrieth im 470er-Mixed

Bei überwiegend schönen Segelbedingungen taten die wenigen Gewitter- und Flauten-Ausfälle den Seglern und Seglerinnen aus 49 Nationen nicht sehr weh. 326 Rennen konnten die Veranstalter und ihre rund 400 Helfer in der internationalen ersten Halbzeit, auf den Seebahnen und im olympischen Endspurt ins Ziel bringen. Kieler-Woche-Organisationsleiter Dirk Ramhorst sagte: "Wir haben von vielen internationalen Teilnehmern gehört, dass die Kieler Woche für sie großes Kino war. Beispielsweise vom argentinischen Olympiasieger Santi Lange. Ich bin zufrieden. Wir wollten die Besucher aus der Stadt zu den Seglern und das Segeln an Land zu den Menschen bringen. Das ist mit der Mischung aus Segelsport und Volksfest gut gelungen."

  Wie in dieser Szene mit Kieler-Woche-Dirigent Dirk Ramhorst, Sanni Beucke und Tina Lutz ging es bei der 128. Kieler Woche oft mit viel Herz und Herzlichkeit zuFoto: Sascha Klahn/Kieler Woche
Wie in dieser Szene mit Kieler-Woche-Dirigent Dirk Ramhorst, Sanni Beucke und Tina Lutz ging es bei der 128. Kieler Woche oft mit viel Herz und Herzlichkeit zu

Zu den Top-Akteuren der Segelnationalmannschaft zählte beim zweiten Kieler-Woche-Auftritt der iQFoil-Asse Windsurfer Sebastian Kördel vom Norddeutschen Regatta Verein. Er dominierte das noch überschaubare Feld mit neun Siegen in neun Rennen bis zum Finale makellos, wurde dafür mit dem begehrten Kaiserpokal der Kieler Woche für die meisten Tagessiege geehrt. Dass er mit dieser Ausnahmeleistung trotzdem nicht die Kieler Woche gewann, ist dem auf Spannung bis zum Schluss ausgerichteten Rennformat der iQFoiler geschuldet, nach dem im Gegensatz zum klassischen olympischen Segelsport nicht auch die Vorleistungen in Vor- und Hauptrunden, sondern allein das Finale über die Endergebnisse entscheidet. Ausgerechnet im Finale musste sich Kördel den zuvor über Tage souverän in Schach gehaltenem Ethan Westera aus Aruba einmal beugen. Kördel nahm es mit Humor, auch wenn er sich als Titelverteidiger heimlich über die verpasste Chance geärgert haben dürfte: "Für die Zuschauer ist das Format gut und spannend. Der Athlet bleibt dabei halt manchmal auf der Strecke."

  Happy End für Deutschlands besten iQFoiler: Der neuolympische iQFoiler Sebastian Kördel mit dem Kaiserpokal der Kieler Woche für den Teilnehmer mit den meisten TagessiegenFoto: Sascha Klahn/Kieler Woche
Happy End für Deutschlands besten iQFoiler: Der neuolympische iQFoiler Sebastian Kördel mit dem Kaiserpokal der Kieler Woche für den Teilnehmer mit den meisten Tagessiegen

In den olympischen Einhanddisziplinen erkämpfte der Schleswiger Nik Aaron Willim in Abwesenheit von Weltmeister Philipp Buhl im Ilca 7 Platz vier. Julia Büsselberg vom Verein Seglerhaus am Wannsee wurde im Ilca 6 Fünfte. Den dritten deutschen Kieler-Woche-Sieg in der olympischen Hälfte holten Sophie Steinlein und Thomas Plößel vom Norddeutschen Regatta Verein. Weil die Vorschoterin der 49er-FX-Nachwuchssteuerfrau erkrankt war, hatte sie spontan den zweimaligen olympischen 49er-Bronzemedaillengewinner Thomas Plößel gefragt, ob er mit ihr segeln würde. Und der sagte zu und nutzte die Chance, sich in studienbedingter Abwesenheit seines Steuermanns Erik Heil für die 49er-Weltmeisterschaft im Spätsommer in Halifax fit zu halten. Das ungleiche Duo setzte sich überraschend in der offen ausgeschriebenen olympischen Frauen-Disziplin 49er FX durch. Mit dem Coup übertrafen Steinlein und Plößel auch die eigenen Erwartungen. Plößel sagte: "Ich hatte ein gutes Coaching für Sophie im Kopf und hätte einen Platz in den Top Ten cool gefunden. Mit dem Sieg haben wir nicht gerechnet. Das hat Spaß gemacht."

  Sophie Steinlein und Thomas Plößel gelang bei der Kieler Woche als "Last-Minute-Crew" ein echter Coup: Die junge Steuerfrau und der zweimalige olympische 49er-Bronzemedaillengewinner siegten in der offen ausgeschriebenen Frauen-Skiffklasse 49er FXFoto: Sascha Klahn/Kieler Woche
Sophie Steinlein und Thomas Plößel gelang bei der Kieler Woche als "Last-Minute-Crew" ein echter Coup: Die junge Steuerfrau und der zweimalige olympische 49er-Bronzemedaillengewinner siegten in der offen ausgeschriebenen Frauen-Skiffklasse 49er FX

Die Olympia-Zweiten Tina Lutz und Susann Beucke verabschiedeten sich nach 15 Jahren in einem Boot mit Platz sieben im 49er FX von ihrer Lieblingsregatta und ihrem Lieblingsrevier. Hier, wo alles begann, zogen sie den Schlussstrich unter die gemeinsame olympische Karriere. Arm in Arm ließen sie sich nach dem Zieldurchgang von Familie und Fans auf dem Wasser mit Plakaten und lautem Jubel feiern. Lutz sagte: "Kiel hat sich von seiner besten Seite präsentiert. Das war einfach der Hammer."

  Abschiedskuss: Susann Beucke gibt ihn ihrer Steuerfrau Tina Lutz nach der letzten gemeinsamen Regatta im olympischen Skiff 49er FX vor KielFoto: Sascha Klahn/Kieler Woche
Abschiedskuss: Susann Beucke gibt ihn ihrer Steuerfrau Tina Lutz nach der letzten gemeinsamen Regatta im olympischen Skiff 49er FX vor Kiel

Die olympischen Nacra-17-Bronzemedaillengewinner Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer zollten bei ihrem Kieler-Woche-Einsatz noch der sechswöchigen Babypause des Steuermanns Tribut. Paul Kohlhoff, der am Finaltag seinen 27. Geburtstag auf dem Kieler Heimatrevier feierte, war im Mai erstmals Vater geworden. Mit einem furiosen Rennen, Rang drei im Medaillenfinale und Platz acht in der Gesamtwertung bescherte er sich zum Ehrentag einen versöhnlichen Abschluss beim Heimspiel vor Kiel. Den Sieg im Nacra 17 sicherten sich die italienischen Olympiasieger Ruggero Tita und Caterina Banti. Die weiteren vier internationalen Siege in den olympischen Klassen teilten sich Finnland im Ilca 7, Australien im Ilca 6, Großbritannien im 49er und Aruba im iQFoil der Männer.

Parallel zum olympischen Segelsport feierten weitere Klassen und die Seesegler ihre letzten Sieger. Die Aco-Musto-Skiff-Weltmeisterschaft gewann der Brite Rick Peacock vor dem Südafrikaner Andy Tarboton und Peter Greenhalgh aus England.

Silbernes Band: Segel-Action auch ohne viel Wind

Die Yacht-Crews erlebten bei der Langstrecken-Wettfahrt um das Silberne Band zur Kieler Woche eine Nacht voller Nervenanspannung mit dem bangen Blick auf die Instrumente, ob wohl noch Geschwindigkeit im Boot ist. Es folgte ein Tag mit der beständigen Suche nach dem gewinnbringenden Windstrich. Insgesamt war es ein Rennen um Langeland und rund um die Uhr mit zahllosen Manövern und Segelwechseln, aber wenig Schlaf. Der knapp 120 Seemeilen lange Kurs von Kiel in die Dänische Südsee und zurück entwickelte sich zum Marathon, den nicht alle durchhielten: Von den ehemals 30 gemeldeten Yachten gingen 22 über die Startlinie und 16 ins Ziel. Die größte Gruppe im Ziel, die ORC II, entschied die Eckernförder "Surprise" von Marie-Ivonne Otisi-Schaarschmidt für sich – vor der "Edelweiss" von Thomas Reinecke (Hamburg), die es trotz zahlreicher Krankheitsausfälle mit viel Ersatz und nicht eingespielter Crew auf Platz zwei schaffte. Glücklich erschöpft präsentierte sich "Surprise"-Skipper Leon Kirchberg an Land: "Der leichte Wind hat allen Crews zu schaffen gemacht. Uns kam zugute, dass wir ein junges Team sind, in dem alle beißen wollten. Keiner war zu scheu, immer wieder die Segel zu wechseln und alles rauszuholen. Wir haben die ganze Klaviatur der Segelgarderobe rauf- und runtergesetzt. Insgesamt hatten wir im Durchschnitt vielleicht eineinhalb Stunden Schlaf – vom Bootsmann bis zur Eignerin."

  Die ORC-I-Besten beim Silbernen BandFoto: ChristianBeeck.de/Kieler Woche
Die ORC-I-Besten beim Silbernen Band

Natürlich gehört auch Glück dazu. Während es die "Surprise" durch den Svendborg Sund unter Gennaker schaffte, mussten andere hier gegen den Wind an. Der Lohn war ein langer, enger Kampf mit der "X-Day" (Walter Watermann/Dortmund) aus der Gruppe der schnellen Yachten, die sich am Ende noch absetzen konnte und die Gruppe ORC I gewann. In ORC III + IV machte die vierköpfige Crew auf Dirk Tschierschkes Dehler 30 od "Play Harder" ihrem Bootsnamen alle Ehre, kam als einzige ihrer Gruppe ins Ziel. Darüber freute sich auch Kalle Dehler als prominentes Crew-Mitglied: "Eine Dehler kann eben auch bei leichten Winden", sagte er und strahlte. Die weiteren Sieger im Silbernen Band: In der Division ORC-Doublehand gewann Jens Dwingers "Dwinger 2.0" aus Strande. In der Yardstick-Flotte war Rüdiger Fuchs' Hanse 400e "Carlotta" die schnellste. Die Yardstick-Doublehand-Wertung gewann die Dehler 38 "Colombine" von Jens Peter Weissmann. Zu allen Kieler-Woche-Ergebnissen geht es hier (bitte anklicken!).

  Schöner Kontrast zu den modernen Booten des sportlichen Kerns der Kieler Woche: die Windjammer auf der FördeFoto: Lh Kiel / Alexandra Brecht
Schöner Kontrast zu den modernen Booten des sportlichen Kerns der Kieler Woche: die Windjammer auf der Förde

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