Regatta-News"Ich genieße die Zusammenarbeit"

Carsten Kemmling

 · 20.11.2002

Regatta-News: "Ich genieße die Zusammenarbeit"Foto: Th. Martinez Alinghi Challenge

Jochen Schümann im Interview über die Halbfinale-Vorbereitung von Alinghi

YACHT online: Ist Alinghi so souverän, wie das 4:0 gegen Prada glauben macht? Schümann: Wir sind sehr zufrieden mit unserer Leistung. Aber die Siege gegen Prada waren doch sehr knapp.

Da entscheiden die kleinsten Fehler. Wir haben auch welche gemacht. Einmal ist Prada dadurch sogar vorbeigefahren. Aber eine große Stärke ist unsere Moral. Wir haben uns wieder vorbeigekämpft. Generel gilt, dass die ersten vier sehr eng zusammen liegen. Da kann jeder jeden schlagen.

YACHT online: Hatte Alinghi vor dem Wind Nachteile gegenüber Prada? Die Italiener kamen immer deutlich auf.

Schümann: Das lag besonders an den Windbedingungen. Es wehte ablandig aus der Stadt. Der Wind war sehr böig und unregelmäßig. Dadurch wird das Verfolgerboot generell bevorteilt, wenn es mit frischem Wind aufschließen kann. Wir machen uns darüber keine Sorgen.

YACHT online: Was war die größte Überraschung im Viertelfinale?

Schümann: Ich hätte nicht gedacht, dass Oracle so klar gegen OneWorld gewinnt. Das zeigt, wie viel Potenzial noch in den Teams steckt. Jetzt kommt es darauf an, wer das am besten weiterentwickelt.

YACHT online: Was hat Alinghi noch zusetzen? Wird das neue Boot im Halbfinale gegen Oracle BMW eingesetzt?

Schümann: Das soll noch ein Geheimnis bleiben. Wir trainieren jedenfalls sehr intensiv mit beiden Schiffen. Heute morgen waren wir um sechs Uhr auf dem Wasser und sind um 17 Uhr wieder drin gewesen. Es gibt noch viele Sachen auszuprobieren.

YACHT online: Haben Sie noch Asse im Ärmel?

Schümann: Manchmal reicht es doch, wenn man genügend Könige auf der Hand hat. Die Summe aller Kleinigkeiten macht am Ende das beste Paket aus.
YACHT online: Was ist Ihre genaue Aufgabe als Stratege? Wie läuft die Kommunikation in der Afterguard, im Entscheidungszentrum von Alinghi?

Schümann: Ich sammle vor dem Start die Wetterdaten von unserem Wetterteam ein und entscheide, welche Segel an Bord kommen. Während des Rennens kommuniziere ich permanent mit Taktiker Brad Butterworth. Die Grenzen zwischen unseren Jobs sind fließend. Wir entscheiden zusammen darüber, wann gewendet wird. Dabei läuft viel über Blickkontakt und Körpersprache. Navigator Ernesto Bertarelli versorgt uns permanent mit den Daten aus seinem Computer. Zum Beispiel wie lange es noch bis zu den Anliegelinien dauert.

YACHT online: Bei den letzten Rennen gab es einige laute Töne an Bord der "Alinghi" nach verpatzten Manövern. Sind danach Leute von Bord geflogen?

Schümann: Im Gegenteil. Die waren am nächsten Tag auf jeden Fall wieder dabei, damit sie ihren Fehler gutmachen konnten. Wir haben das analysiert und versucht auszumerzen. Meistens ist ja nicht nur ein einziger Mann verantwortlich. Wir alle machen Fehler, und die Kunst ist, sie zu erkennen und abzustellen.

YACHT online: Ist es nicht schwierig, die Stimmung im Team aufrecht zu halten, wenn immer die Hälfte der Crew auf der Ersatzbank sitzt?

Schümann: Das ist ein generelles Problem. Wir haben das aber, glaube ich, ganz gut im Griff, indem wir rotieren. In der Vorrunde sind alle 32 Segler zum Einsatz gekommen. Allerdings kristallisiert sich immer mehr ein A-Team heraus. Ich hoffe dennoch, dass wir alle bei Laune halten. Denn wir brauchen unbedingt zwei Top-Teams für die Inhouse Matches beim Training und die Testarbeiten.

YACHT online: Wie erleben Sie persönlich den Cup? Es muss deutlich anders sein als beim letzen Mal, als Sie mit einem chancenlosen Boot antraten.

Schümann: Ich genieße die Zusammenarbeit mit meinem Team. Besonders, weil ich meine Kompetenz sehr gut einbringen kann. Und wenn wir jetzt die Früchte unserer langen, harten Arbeit ernten können, macht es umso mehr Spaß.

YACHT online: Wie sehr beeinflusst Sie die Kampagne des neuseeländischen Blackheart-Vereins, der öffentlich gegen den Weggang von Russell Coutts und Brad Butterworth hetzt?

Schümann: Da sind einige sehr unsportliche Dinge abgelaufen. So wurden deren Kinder in der Schule angefeindet. Aber von dem Großteil der Neuseeländer wird das nicht mitgetragen. Sie sind sehr sportlich eingestellt. Russell und Brad trifft das allerdings schon. Es wäre schade, wenn es eskalieren würde.

Das Halbfinal-Duell zwischen Alinghi und Oracle BMW beginnt am 20. 12. 2002.

Meistgelesene Artikel