America's Cup"So schlimm wie noch nie"

Tatjana Pokorny

 · 03.06.2014

America's Cup: "So schlimm wie noch nie"Foto: YACT/N. Krauss

America's-Cup-Sieger Jochen Schümann weiß nicht, ob er mit Blick auf das neue Protokoll für die 35. Cup-Auflage weinen oder lachen soll

Jochen Schümanns Urteil fällt vernichtend aus: "So schlimm wie die Amerikaner jetzt hat es im Cup noch nie einer getrieben!" Der zweimalige America's-Cup-Sieger weiß nicht, ob er mit Blick auf das am 3. Juni veröffentlichte Protokoll für den 35. America's Cup lachen oder weinen soll.

  Kritisiert das neue Protokoll für den 35. America's Cup: Jochen SchümannFoto: YACHT / N. Krauss
Kritisiert das neue Protokoll für den 35. America's Cup: Jochen Schümann

Das 78-seitige Werk, auf das die Segelwelt mehr als ein halbes Jahr gewartet hat, sorgt für reichlich Diskussionsstoff. So beispielsweise eine Bestimmung, die den amerikanischen Verteidigern den Bau von zwei der neuen AC-62-Katamaranen erlaubt, während die Herausforderer nur ein Boot bauen dürfen. Im Gespräch darüber lacht Jochen Schümann laut auf: "Ganz offensichtlich wollen sie am liebsten alleine segeln – und siegen."

Schümann kritisiert auch die Teilnahme der Verteidiger an der Herausforderer-Runde – früher als Louis Vuitton Cup bekannt. Dieser Schachzug galt in der 163-jährigen Cup-Geschichte immer als tabu. Doch Larry Ellisons Rennstall schreckt das nicht ab. Die Amerikaner haben sich munter die Möglichkeit eingeräumt, im Ringen der Herausforderer um die Qualifikation für die Playoffs der besten vier Herausforderer-Teams selbst mitzumischen – und damit auch die Möglichkeit zur Beeinflussung der Ergebnisse. "Die könnten in der Herausforderer-Runde Gegner ausscheiden lassen oder andere durchwinken, also direkten Einfluss auf die Ergebnisse nehmen. Darüber kann man doch nur mit dem Kopf schütteln."

Schümann beklagt auch die vielen noch unbeantworteten Fragen: "Wie kann man den Meldeschluss für Herausforderer auf August 2014 festlegen und sich gleichzeitig herausnehmen, den Austragungsort erst bis spätestens Ende Dezember bekannt zu geben?" Rund 1,23 Millionen Euro Meldegelder müssen die Herausforderer für das zweifelhafte Vergnügen der Cup-Teilnahme entrichten. Unklar bleibt, wie die Regatten der vorgeschalteten America's-Cup-Weltserie gewertet werden und wo sie stattfinden sollen.

Larry Ellisons Oracle Team USA hat sich mit dem neuen Regelwerk alle Entscheidungsfreiheiten bewahrt und gleichzeitig selbst die perfekte Pole-Position für die erneute Verteidigung des America's Cup beschert. Der Beifall dafür aus der Segelwelt hält sich in Grenzen. Skipper Jimmy Spithill kündigte an, was das Protokoll in weiten Teilen ohnehin verrät: "Es ist der America's Cup. Und den gewinnt man nun einmal nicht so leicht. Aber wir wollen den Hattrick."

  Fast alles für den dritten Cup-Sieg in Folge angerichtet: Oracle Team USAs Skipper Jimmy Spithill freut sich schon ...Foto: Abner Kingman/ACEA
Fast alles für den dritten Cup-Sieg in Folge angerichtet: Oracle Team USAs Skipper Jimmy Spithill freut sich schon ...

Das neue Basisregelwerk beinhaltet zwar innovative Ideen, ist aber insgesamt zu einseitig zugunsten der Verteidiger geregelt. "Da werden alle Vorurteile bestätigt. Da ist es fast unmöglich, als neuer Herausforderer zumindest mit einer gewissen Grundsicherheit in den America's Cup zu ziehen", sagt Schümann.

Ganz anders beurteilt Mat Belcher die Ausgangslage. Der Skipper des australischen Challenger of Record (Verhandlungspartner der Verteidiger bei der Formulierung des Protokolls) sagt: "Wir sind sicher, dass der 35. America's Cup vorherige Auflagen in fast allen Bereichen übertreffen wird: mehr Herausforderer, aufregende neue Boote und eine Wettkampfstruktur, die Leute über einen Zeitraum von drei Jahren einbinden und begeistern wird." Es wäre schön, wenn Belcher Recht behielte.

Es ist auch nicht außerordentlich schwer, die nur drei Herausforderer von der letzten Auflage numerisch zu überbieten. Ob die Wettkampfstruktur für die erhofften Teilnehmer funktioniert, wird sich 2015 erweisen. Dann sollen die Teams schon in die Weltserie starten. Bis dahin bleibt wenig Zeit bei immer noch fehlenden relevanten Rahmendaten, die notwendigen Budgets einzuwerben. Spannend dürften die Rennen mit Blick auf die erprobten AC-45-Katamarane und die neuen 62-Füßer wohl werden. Letztere werden jedoch wie beim letzten Mal wieder Prototypen sein, für deren Bau die Herausforderer im Gegensatz zu den Verteidigern nur einen Versuch haben. Wer falsch liegt oder schwerwiegenden Bruch zu verzeichnen hat, der ist raus aus dem Spiel.

  Karol Jablonski hält das neue Protokoll für einseitigFoto: tati
Karol Jablonski hält das neue Protokoll für einseitig

Die Verteidiger fragen selbst ganz offiziell mit der Veröffentlichung des Protokolls: "Wer ist bereit für die Herausforderung?" Darauf ist auch die Segelwelt unter den gegebenen Umständen sehr gespannt. Karol Jablonski, Louis-Vuitton-Cup-Halbfinalist 2007 und in dieser Woche im Match Race Germany am Bodensee im Einsatz, sagte: "Es war schon immer schwer, den Verteidigern den America's Cup zu entreißen und ihn zu gewinnen, doch nun ist es so gut wie unmöglich."


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