America's CupSalomonisches Urteil

Carsten Kemmling

 · 08.12.2002

America's Cup: Salomonisches Urteil

OneWorld darf weitersegeln, bekommt aber erneut in jeder folgenden Runde einen Sieg aberkannt

Die fünf Richter der America’s-Cup-Schlichtungskommission haben im Fall Conner und Prada gegen OneWorld ein salomonisches Urteil gefällt. Keine der beteiligten Parteien kann sich als Sieger oder Verlierer fühlen. Das US-Team wird neuerlich bestraft, darf aber weitersegeln.

Das Urteil: In jeder folgenden Runde, für die sich OneWorld qualifizieren sollte, bekommt es einen Sieg aberkannt. Das heißt, die Mannen von Skipper Peter Gilmour müssen bei den Best-of-seven-Duellen im Louis Vuitton Cup fünf statt vier Siege einfahren, um weiterzukommen. Und in einem möglichen Finale gegen Team New Zealand müssten sie sechs statt fünf Mal gewinnen, um den America’s Cup zu holen. Außerdem wurde eine Geldstrafe von 65.000 US-Dollar gegen das Team verhängt.

Die Richter erkannten einen zusätzlichen Bruch des America’s-Cup-Protokolls, weil OneWorld-Designer Ian Mitchell zugegeben hatte, eine Zip-Diskette mit Design-Informationen seines ehemaligen Arbeitgebers Team New Zealand zu besitzen. Des weiteren berichtete er über einen alten Computer, auf dem sich noch Daten von der neuseeländischen 95er-Kampagne befänden. Alle anderen Anklagepunkte wurden von der Kommission zurückgewiesen.

Deshalb sieht sich OneWorld ungerecht behandelt. "Unsere Ehrlichkeit wurde bestraft“, sagt Sprecher Bob Ratcliff. Denn Designer Mitchell habe freiwillig von der — seiner Aussage nach unbenutzten — Backup-Diskette berichtet. Die Vorwürfe von Conner und Prada hätten sich in keiner Weise erhärten lassen. Dennis Conner äußerte sein Verständnis über die Entscheidung. Aber er sei enttäuscht, dass die Beweise, die sein Team gegen OneWorld zusammengetragen habe, nicht genügend berücksichtigt worden seien. Seiner Meinung nach liege ein klarer Bruch des Protokolls und der Regeln vor. "Wenn ein Team mit Design-Informationen startet, die es nicht haben sollte, so ist das ein Vorteil gegenüber den Gegnern, die diese Informationen nicht haben. Ich weiß nicht, ob OneWorld wirklich all das getan hat, was Sean Reeves erzählt. Wie sollte ich auch? Aber wenn doch, dann wäre das ein riesiger Vorteil.“

Für Dennis Conner macht dieser Fall deutlich, dass die Regeln des Cups inzwischen viel zu komplex und schwierig geworden sind. "Es gibt einfach zu viele Regeln. Vielleicht bin ich einfach nur ein Oldtimer, aber wir waren nicht gewohnt, diese Regeln zu haben. Das Protokoll und besonderes die Nationalitäten-Regel ist lächerlich. Vielleicht ist es Zeit für mich zu gehen. Ich lebe offenbar immer noch in den alten Tagen.“

Darüber hinaus machte er seine Absicht deutlich, den Protest wegen des Fair-Segeln-Paragraphen gegen OneWorld zurückziehen zu wollen. Die Jury muss entscheiden, ob das zulässig ist. Allerdings erwartet niemand einen anderen Ausgang als die Entscheidung des Schlichtungskomitees. Dieser Fall soll am Dienstag entschieden werden.

OneWorld mag sich über die Härte der Strafe beschweren. Aber tatsächlich ist das Team vergleichsweise glimpflich davongekommen. Die bisherigen Duelle haben gezeigt, dass schon leichte Überlegenheit zu klaren Zu-Null-Siegen führte. Da macht es dann auch keinen Unterschied, ob OneWorld fünf oder vier Siege einfahren muss. Besonders nicht im möglichen Finale gegen Team New Zealand. Es ist lange her, dass ein Finale knapp entschieden wurde. Wenn OneWorld ein überlegenes Design haben sollte, wird es den Cup nach Hause fahren, ob mit oder ohne Strafpunkt. Allerdings sind die psychologischen Nachteile der Strafe nicht zu unterschätzen.

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