America's CupPostkarte aus „Bagdad an der Bucht”

Dieter Loibner

 · 28.02.2012

America's Cup: Postkarte aus „Bagdad an der Bucht”Foto: Gilles Martin-Raget/ACEA

Es wird weiter gemauschelt in San Francisco. Der Zeitplan für den Cup bleibt, doch die Stützpunkte der Teams wandern ins Industriegetto

In Anspielung auf die eigenartigen und oft obskuren politischen Zustände San Franciscos prägte der Kolumnist Herb Caen einmal den Ausdruck „Baghdad by the Bay”. Und fast so chaotisch wie die Verhältnisse im irakischen Bagdad stellt sich die Situation dar, die sich rund um die Standortfrage der Teams beim nächsten America's Cup entwickelt hat. Es geht natürlich wieder ums liebe Geld, in diesem Falle jenes von Oracle-Boss Larry Ellison, der den Cup nach San Francisco brachte, und um die Stützpunkte, die den alten, sehr renovierungsbedürftigen Piers 30 bis 32 an der Ostseite des Stadtzentrums, entlang der Embarcadero-Uferpromenade, errichtet werden sollten.

  Industrielle Betonwüste: Pier 80, im Süden der Stadt, wo Oracle den riesigen Trimaran parkt und den Stützpunkt hat, wird auch die anderen Teams beherbergenFoto: Gilles Martin-Raget/ACEA
Industrielle Betonwüste: Pier 80, im Süden der Stadt, wo Oracle den riesigen Trimaran parkt und den Stützpunkt hat, wird auch die anderen Teams beherbergen

Kurz und gut, dies ist nun nicht der Fall. Wie Bürgermeister Ed Lee nach dem Abschluss der Verhandlungen mit der America’s Cup Event Authority bekanntgab, wurde der Plan, die Teams in der Nähe der Bay Bridge, auf den Piers 30 bis 32 anzusiedeln, fallengelassen. Stattdessen werden alle ein paar Meilen weiter südlich am Pier 80 einquartiert, dort, wo Oracle bereits eine Basis hat. Das Regattadorf ist von dieser Entscheidung nicht betroffen. Das wird laut Plan auf den Piers 27 bis 29 angesiedelt, entlang der Touristenmeile, in der Nähe des berühmten Fisherman’s Wharf.

  Verdreckt und vergessen: Hunter's-Point-WerftgeländeFoto: Troy Paiva/Lost America
Verdreckt und vergessen: Hunter's-Point-Werftgelände

Pier 80 liegt im sogenannten Dogpatch- und Bayview-Distrikt, dem Industriegebiet der Stadt und nicht weit von Hunters Point, einem kontaminierten und deshalb auch verlassenen ehemaligen Werftarbeiter-Viertel. Die Umgebung galt lange als Getto für Gangs und Drogendealer. Hier also werden die teuren Segelfahrzeuge wohlhabender Unternehmer abgestellt, in einer Gegend, die in keinem Reiseprospekt angepriesen wird. Es ist ein interessanter, aber ein von der Politik nicht ungewollter Kontrast, denn die exorbitanten Grundstückspreise San Franciscos und die Knappheit von Bauland veranlassen die Verwaltung zur Gentrifizierung armer und verwahrloster Stadtteile, um Raum für neue und steuerlich profitable Büros und Stadtwohnungen zu schaffen, ungeachtet der Tatsache, dass damit Einkommensschwache und vor allem Schwarze zur Aussiedlung gezwungen sind.

  Abgeriegelt, eingezäunt und verdrahtet. Die Hafenanlagen im Bayview-Distrikt haben den gewissen Gefängnis-CharmeFoto: Gilles Martin-Raget/ACEA
Abgeriegelt, eingezäunt und verdrahtet. Die Hafenanlagen im Bayview-Distrikt haben den gewissen Gefängnis-Charme

„Der weitere Ausbau von Pier 80 ... bedeutet Erschließung und Erneuerung in Millionenhöhe und Arbeitsplatzschaffung in einem der ärmsten Stadtteile”, verlautete die offizielle Pressemitteilung. Deshalb, so hieß es weiter, sei der Ausbau der Piers 30 bis 32 nicht länger notwendig. Aber jetzt der Clou: „Für die Regatten von 2012 und 2013.” Klingt eher nach aufgeschoben, nicht nach aufgehoben.

  Schaurig-schön: die verlassene Hunters-Point-WerftFoto: Troy Paiva/Lost America
Schaurig-schön: die verlassene Hunters-Point-Werft

Die Spekulation, dass eine Klage gegen den Ausbau der Piers 30 bis 32 wegen angeblicher Verstöße gegen das Umweltgutachten mit dieser Entscheidung zu tun habe, wurde weder von der Stadt noch von der ACEA bestätigt. Vielmehr scheint es eine Frage der Ungewissheit zu sein, wie viele Teams tatsächlich genug Geld haben, um am Cup mit den riesigen und teuren AC72-Kats teilzunehmen. Drei Monate vor Meldeschluss stehen nur drei Herausforderer fest, und man hofft, dass zumindest das spanische GreenComm-Team seine Ankündigung wahr machen wird, einen AC72 zu bauen, womit neben Oracle, das ja zwei dieser Boote haben wird, vier zusätzliche Syndikate einquartiert werden müssten.

Pressekonferenz von Bürgermeister Lee

Neben dem bereits bekannten Live-Stream über YouTube wird der Sender Sky Sports in England die America’s-Cup-World-Series-Regatten von Neapel und Venedig live übertragen. Aus Neapel sollen vom 11. bis 15. April 13 Stunden Live-Programm gesendet werden, das jeweils um 13 Uhr GMT beginnt. Inhaber eines Sky-TV-Abos können via Sky Go auch auf mobilen Endgeräten dabei sein.

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