America’s CupMission impossible? Wie Les Bleus wieder angreifen

Tatjana Pokorny

 · 15.07.2026

Das Comeback für die französische AC75 nach umfangreichem Refit.
Foto: Nicolas Touze/La Roche-Posay Racing Team
Bei der Fußball-WM war im Halbfinale Schluss für Frankreich, das sich Spanien mit 0:2 beugen musste. Im America’s Cup haben sich die Franzosen spanische Verstärkung ins Boot geholt. Les Bleus glauben in Regie von Stephan Kandler und Bruno Dubois fest daran, dass sie im 38. America’s Cup eine stärkere Rolle spielen können.

Themen in diesem Artikel

Frankreich und den America’s Cup verbindet eine mehr als ein halbes Jahrhundert lange Lovestory. Gewappnet mit den im 37. America’s Cup in Barcelona erfahrenen harten Lehrstunden, ist das La Roche-Posay Racing Team in Regie des Deutsch-Franzosen Stephan Kandler und Co-CEO Bruno Dubois in die nächste Mission gestartet. Das Motto dafür: “Wir sind stärker als beim letzten Mal!”

Frankreichs Cup-Comeback unter neuen Vorzeichen

Vor zwei Wochen haben die Franzosen in ihrem Hauptquartier in Lorient das Comeback ihrer überarbeiteten AC75 auf dem Wasser gefeiert. Mit dem Stapellauf am 29. Juni begann für die Dirigenten Stephan Kandler und Bruno Dubois sowie ihre Equipe nach intensivem Training auf den kleineren AC40ern ein neues Kapitel. Zuvor hatten sie bei der ersten Vorregatta in Cagliari im Mai mit Platz vier unter acht Teams schon zeigen können, dass ihre Neuordnung Früchte zeigt.

Nach der Rückkehr der AC75 hatte La Roche-Posay Racings Technischer Direktor Antoine Carraz erklärt: “Äußerlich wird das Publikum das Boot von 2024 wiedererkennen. Aber aus technischer Sicht ist es weit mehr als nur eine Aktualisierung. Wir mussten die gesamte Innenarchitektur sowie die Art und Weise, wie die Crew mit dem Boot interagiert, neu überdenken. Die Herausforderung bestand darin, das Boot grundlegend zu verändern und dabei die ursprüngliche Plattform beizubehalten.”

​Dieser neue Ansatz spiegele sich nun in der Entwicklung wider. Während bei der letzten Ausgabe ein Großteil der Leistung vom Design eines neuen Bootes abhing, konzentriert sich die Arbeit aller Teams im Hinblick auf den 38. America’s Cup bei Beibehaltung der bereits gebauten Boote viel stärker auf die Integration der Systeme, die Zuverlässigkeit, die Energieeffizienz, die Flugsteuerung und später auch die Entwicklung der Foils.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Kenterung als Härtetest für Frankreichs America’s-Cup-Team

Einen Rückschlag hatte das Team in der vergangenen Woche wegstecken müssen, als die AC75 in Folge von System-Problemen vor Lorient kenterte. Das höchst unfreiwillige Ereignis trug sich einen Tag nach dem 90-Grad-Krängungstest von Boris Herrmanns neuer “Malizia 4” im gleichen Revier zu. An Land besänftigte Bruno Dubois die Gemüter eilig: „Allen geht es gut. Ich würde sagen, wer nicht gekentert ist, ist ehrlich gesagt nicht viel gesegelt.”

Weiter erklärte Dubois: “Es gab ein paar technische Probleme am Boot, und das Boot kippte langsam auf die Seite, aber allen geht es gut. Es hat etwas gedauert, das Boot wieder flott zu machen. Aber ja, alles in Ordnung.“ Am Tag nach der Kenterung erklärte das Team: “Das war das erste, aber sicher nicht das letzte Mal. Wenn man Boote dieses Kalibers entwickelt und segelt, ist es unerlässlich, die Grenzen zu erweitern. Und manchmal sind es gerade diese Situationen, in denen man lernen und Fortschritte machen kann.”

​Eine der sichtbarsten Veränderungen im Bemühen um Fortschritte ist im La Roche-Posay Racing Team für den 38. America’s Cup im kommenden Jahr die Crew. In Barcelona segelte die AC75 mit acht Seglern an Bord. In Neapel werden es bei allen Teams nur noch fünf sein. Wobei mindestens eine Frau Teil der Crew sein muss. Für ihr Segelteam haben sich die Franzosen mit Diego Botin und Flo Trittel veritable spanische Verstärkung an Bord geholt.

Anders als bei der Fußball-WM: Franzosen und Spanier in einem Boot

Die 49er-Olympiasieger und SailGP-Meister von 2024 sind mit Les Bleus in den vergangenen Trainingswochen schon zu einer Einheit zusammengewachsen, auch wenn sie am 14. Juli für einen Abend heitere Rivalen waren, als im Halbfinale der Fußball-WM Frankreich und Spanien aufeinandertrafen. Die Spanier siegten mit 2:0.

Durch die Kenterung hatte die Mannschaft die letzten fünf Tage des ersten geplanten Trainingsblocks mit der AC75 nach ihrem Comeback verpasst. Während die gekenterte America’s-Cup-Yacht und ihre Systeme intensiv durchgeprüft und wieder fit gemacht werden, nutzen die Segler ihre Zeit an Land im Simulator und dafür, die bislang gesammelten Daten zu analysieren.

Antoine Carraz verweist im Rückblick auf die Kenterung auch darauf, dass die leichteren Foils im 38. America’s Cup das Segelverhalten der AC75-Yachten verändert hat, sagte: “Das Protokoll für den 38. America’s Cup schreibt etwa 400 Kilogramm leichtere Foils vor. Das Gewicht hilft dabei, das Boot aufrecht zu segeln, wenn es noch mit geringem Speed unterwegs ist und die Foils noch nicht genügend Lift erzeugen.”

Leichtere AC75-Foils erhöhen Kentergefahr im America’s Cup

Die Folgen daraus sind klar, wie Carraz erklärt: “Leichtere Foils bieten dem Boot weniger Schutz vor dem Rollen. Dadurch ist die AC75 anfälliger für Instabilität während der Beschleunigung, der Verlangsamung und in den Übergangsphasen. In solchen Bedingungen kann das Verhalten des Bootes mehr dem einer AC40 ähneln, die leichter und reaktionsschneller ist.”

Die Segler müssen sich daher eine neue Reihe Referenzpunkte erarbeiten. In dieser Hinsicht hat ihnen der Vorfall vom vom 7. Juli eine besonders anschauliche Lernerfahrung gebracht.“ Antoine Carraz

Die anhaltende Herausforderung für alle Technikteams im 38. America’s Cup besteht darin ein Paradoxon zu meistern: das Boot technisch immer ausgefeilter zu gestalten, ohne dass es bei Geschwindigkeiten von über 80 oder 90 km/h – inmitten von Lärm, Vibrationen und unter enormem Wettbewerbsdruck – an leicht handhabbarem und effizientem Handling einbüßt.

Die französische AC75 war unter den für den 38. America’s Cup gemeldeten Teams nach den Cup-Geschossen der Italiener und der neuseeländischen Cup-Verteidiger das dritte Boot, das wieder zu Wasser gelassen wurde. Stephan Kandler hatte dazu gesagt: “Nach unserem vielversprechenden Debüt bei der ersten offiziellen Regatta im vergangenen Mai in Cagliari ist es für das gesamte Team ein ganz besonderer Moment, unseren AC75 nun zum ersten Mal in Frankreich segeln zu sehen. Dieser Stapellauf krönt monatelange Arbeit, die unsere Segler, Ingenieure, Techniker und Partner in Lorient geleistet haben.”

Stephan Kandler führt Frankreichs America’s-Cup-Jäger im dritten Anlauf

Und auch dies sagte Kandler: “Dass wir das dritte Team sind, das seine AC75 wieder zu Wasser lässt, zeigt den Schwung, den wir gewonnen haben, und den ganzen Weg, den wir seit Barcelona zurückgelegt haben, ohne auch nur einen Moment innezuhalten. Mit seinem neuen Erscheinungsbild verkörpert das Boot voll und ganz das Projekt, das wir gemeinsam mit La Roche-Posay aufbauen: eine langfristige französische Kampagne, die auf Wissenschaft, Innovation und dem ständigen Streben nach Leistung basiert.”

“Der America’s Cup und Frankreich haben eine lange gemeinsame Geschichte.” Stephan Kander

Für Kandler selbst ist es die dritte Jagd auf den America’s Cup. Seine Leidenschaft reicht bis 1983 zurück, als “Australia II” den America’s Cup gewonnen hat. Kandler sagt: “Das war ein großer Umbruch und der Moment, in dem der America’s Cup zum globalen Event wurde. Und seitdem träume ich davon.”

Segelnation Frankreich: Offshore die Nummer eins, im America’s Cup noch Jäger

Philipp Mourniac, Segelcoach im La Roche-Posay Racing Team, sagt: “Stephans Geschichte mit dem America’s Cup ist wirklich intensiv. Er wurde geboren, um diese Art von Team zu leiten, um zu erreichen, was unmöglich zu erreichen scheint. Er widmet im Prinzip sein ganzes Leben dem America’s Cup. Er lebt einfach für den America’s Cup. Das ist wirklich beeindruckend.”

In 2007 erstmals mit einem französischen Team am Start und in Barcelona als Last-Minute-Team noch spät dran und vor dem Halbfinale ausgeschieden, haben die Franzosen unter Führung von Kandler und Dubois einen steinigen Aufstieg hinter sich. “Wir werden stärker zurückkommen”, hatte Steuermann Quentin Delapierre beim Ausscheiden der Franzosen 2024 in Barcelona gesagt. Das ist jetzt die Mission der Repräsentanten der Grande Nation als Nummer eins im Offshore-Segelsport, die auch im America’s Cup endlich weiterkommen kommen will.

Frankreichs lange America’s-Cup-Lovestory hat in den 1970er-Jahren begonnen. Hier der Clip dazu:

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Tatjana Pokorny

Tatjana Pokorny

Freie Reporterin Sport

Tatjana „tati“ Pokorny ist Autorin von neun Büchern. Sie arbeitet als Reporterin für die YACHT, berichtete unter anderem von neun Olympischen Spielen, als Korrespondentin für die Deutsche Presse-Agentur (DPA), das Hamburger Abendblatt sowie weitere nationale und internationale Medien. Kernthemen sind der America's Cup, das Ocean Race, die Vendée Globe, SailGP und weitere nationale und internationale Regatten und ihre Protagonisten. Lieblingsdisziplin: Portraits von und Interviews mit Segelsportpersönlichkeiten.

Meistgelesen in der Rubrik Regatta