America's CupKolumne von Timmy Kröger, Crewmitglied bei Le Défi Areva

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 · 25.09.2002

America's Cup: Kolumne von Timmy Kröger, Crewmitglied bei Le Défi ArevaFoto: H.-G. Kiesel

Kann David Goliath ein Bein stellen? - Fünf Tage vor dem Start des Louis Vuitton Cup

Es sind noch fünf Tage bis zum ersten Start im Louis Vuitton Cup. Da gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Ab 1. Oktober gilt es, eineinhalb Jahre Vorbereitung möglichst optimal umzusetzen. Unser Team Le Defi Areva zählt in der Herausforderer-Serie zu den
Außenseitern.

Der englische Buchmacher William Hill, üblicherweise gut in der Prognose, würde im Fall unseres Sieges im Louis Vuitton Cup 101 Euro für einen zahlen. Laut Wettgemeinde werden wir Vorletzte der insgesamt neun Herausforderer. Keine rosigen Aussichten, aber auch kein Grund zum Verzweifeln. Es ist schon richtig: Wir operieren mit demkleinsten Budget aller Teams: 24 Millionen Euro. Gegen die 95 Millionen von Prada nicht gerade viel. Doch Geld allein ist nicht der ausschlaggebende Faktor. Wichtig ist der Faktor Zeit. Zeit für eine gründliche, gut strukturierte und stramm organisierte Vorbereitung. In dieser Hinsicht beneide ich Jochen Schümann um seine Möglichkeiten beim Top-Favoriten Alinghi.

Das Schweizer Dream Team hatte alles, wovon du als Profiträumst. Das Budget war extrem früh gesichert, die besten Leute der Welt schnell verpflichtet. Der Chef, Ernesto Bertarelli, scheint ein echter Teamplayer zu sein. Die Vorbereitung von Alinghi unter Führung von Cup-Triumphator Russell Coutts scheint optimal gelaufen zu sein. So gut, dass dieses Team seiner gesammelten Mannschaft am kommenden Wochenende drei freie Tage schenkt. Das spricht für sich und grenzt schon fast an den Versuch einer Demoralisierung der Gegner.

Wir haben es bei dieser 31. Cup-Auflage und der langen Vorrunde von Oktober bis Februar 2003 mit einer neuen Konstellation zu tun. Nicht ein Syndikat — wie Prada bei der vergangenen Auflage — sondern gleich vier Projekte haben soviel Geld investiert, dass sie den Louis Vuitton Cup eigentlich gewinnen müssen. Neben Alinghi haben Prada, Oracle BMW Racing und OneWorld alle fast 100 Millionen Euro investiert.

Nicht alle werden gewinnen können. Bruno Troublé, Initiator und Organisator der Rennen um den Louis Vuitton Cup, hat es heute bei einem VIP-Lunch in der Royal New Zealand Yacht Squadron hübsch formuliert: "Alle Kampagnen hier haben sehr interessante Männer als Führungsfiguren. Und alle wollen gewinnen. Sie sind es als Geschäftsleute gewöhnt zu gewinnen. Es wird spannend sein zu sehen, wie sie mit ihren Siegen umgehen. Noch spannender aber vielleicht, wie sie Niederlagen wegstecken werden, denn am Ende kann es nur einen Sieger und damit einen Herausforderer geben.“

Es wäre unrealistisch zu behaupten, dass wir selbst uns im Finale sähen. Wir möchten natürlich soweit wie möglich kommen. Dafür arbeiten wir hart. Sieben Tage die Woche. Zwölf bis 16 Stunden am Tag. Die Shore-Crew manchmal rund um die Uhr. Wir werden unsere finanziellen und zeitlichen Defizite gegenüber den anderen Syndikaten mit äußerster Hingabe und vielleicht der einen oder anderen smarten Lösung ausgleichen müssen.

Es amüsiert mich sehr, wieweit das Cup-bekannte Versteckspiel hier seine Blüten treibt. Allein der Vergleich zwischen unserer Base und denen des reichen „Vierer-Clubs“ ist eindrucksvoll. Bei uns gibt es ein kleines Gatter vor der Einfahrt. Mit einer Kette und einem Vorhängeschloß, deren Nummer ohnehin jeder kennt. Sie stammt übrigens noch aus der Zeit unserer Vormieter, derillbruck Challenge, die hier als Cup-Syndikat eigentlich arbeiten wollte: Nr. 4014, die Segelnummer der siegreichsten aller ehemaligen Pintas. Wir sind ein offenes Projekt. Das einzige neben Dennis Conners Stars-and-Stripes-Team und dem zweiten italienischen Team Mascalzone Latino, das seinen Booten beim Rauskranen aus dem Wasser keine Schürze zum Abdecken von Kiel und Ruder verpasst. Das hat auch mit Selbstbewusstsein zu tun, denn das Versteckspiel macht aus meiner Sicht wenig Sinn. Man kann schließlich nicht mal eben ein paar Wochen vor dem Cup dem Gegner was abschauen und die eigene Yacht umbauen. Dafür sind die Konfigurationen einer Cup-Yacht viel zu kompliziert.

Und die wichtigen Dinge sieht jeder Fachmann sowieso und trotz Schürze: Die Briten haben offensichtlich eines ihrer Boote mit Tandemkiel ausgestattet. Sowas erkennt man an der äußerst vorlichen Position des Mastes und auch an der Art wie das Boot im Training auf dem Wasser gesegelt wurde. Bißchen zittrig und nicht 100-prozentig kontrolliert. Dennis Conner macht Furore mit dem schmalsten Boot der gesamten Flotte. Es ist noch viel schmaler als die Yachten von Oracle BMW Racing, die schon sehr schlank geschnitten sind.

Wir selbst zählen eher zu den etwas volleren Modellen miteigenwilligem Bug. Warum wir auf diese Variante setzen, kann ich verständlicherweise erst zu einem späteren Zeitpunkt erläutern... Klar ist, dass zu diesem Zeitpunkt — fünf Tage vor dem ersten Startschuss — noch keiner sicher sagen kann, welche Konfiguration die beste ist. Auch, weil zusätzlich Segel, Mannschaft und einige andere Parameter im Zusammenwirken eine große Rolle spielen.

Wie auch die meisten anderen Projekte werden wir auf einSegelteam von mehr als den notwendigen 16 Mann zurückgreifen. Bei uns sind es 24 Mann. Manche Positionen sind doppelt, manche gar dreifach besetzt. Meine Position als Pit Man teile ich mit meinem Kollegen Jean-Francois Rivalant. Es könnte also glatt passieren, dass am ersten Regattatag im Louis Vuitton Cup gar kein Deutscher mitsegelt, denn auch Jochen Schümann, der in seinem Team für die Mannschaftsaufstellung verantwortlich ist, wird nicht sicher jeden Renntag bestreiten. Die tägliche Zusammenstellung des Teams hängt von verschiedenenFaktoren ab: Der Gegner spielt eine Rolle, das Wetter undnatürlich auch die physische und psychische Verfassung der einzelnen Segler. Bei uns entscheiden Sportdirektor Pierre Mas und die beiden Trainer über die jeweils neue Zusammenstellung.

Fit sind wir alle. Unser Team ist seit fünf Wochen vor Ort. Wir kamen als letzte, haben davor sehr ausgiebig in unserer französischen Base in Lorient trainiert. Hier in Auckland beginnen unsere Tage um 6.15 mit dem Piepen des Weckers. Um 6.35 sitze ich auf dem Fahrrad und fahren von unserem Haus, in dem ich mit meiner Familie wohne, mit dem Fahrrad den Berg aus dem Stadtteil Ponsonby hinunter zur Halsey Street, wo alle Syndikate in einer Reihe ihre Basislager aufgeschlagen haben. Dort beginnt der Arbeitstag um 6.45 mit einer Stunde Sport. Anschließend frühstücken wir gemeinsam und gehen entweder segeln oder kümmern uns um die Boote, wenn das Wetter keinenEinsatz auf dem Wasser zulässt. Wenn wir vom Wasser kommen, geht die Arbeit an den Booten weiter. Etwas zu verbessern gibt es schließlich immer und oft geht auch was kaputt. An guten Tagen ist man zwischen 19 und 20 Uhr zuhause, an normalen eher zwischen 21 und 23 Uhr. Das ist bei Cup-Kampagnen kurz vor dem Start der Serie nicht unüblich und gehört zum Job.

Am Sonnabend — drei Tage vor dem Start — findet in Auckland eine große Parade aller Teams statt. Es werden rund 200.000 Fans auf der Straße erwartet — sicher eine eindrucksvolle Kulisse. Am Montag dann erfolgt die von uns allen mit Spannung erwartete Auslosung, wer wann und gegen wen in den ersten beiden Round Robin-Runden anzutreten hat. Rein psychologisch gesehen würde ich mir zum Auftakt die vermeintlich stärksten Teams als Gegner wünschen. Erstens, weil sie zu einem frühen Zeitpunkt womöglich noch anfälliger für Fehler sind und zweitens, weil eine etwaige Niederlage gegen Goliath für David noch kein Drama bedeutet. Jochen Schümann hat das ähnlichformuliert. Auch er würde mit der Alinghi Challenge lieber gleich auf einen der anderen Co-Favoriten treffen. Denn eine womögliche Niederlage gegen einen "Kleinen“ wäre psychologisch sicher schwerer wegzustecken. Dabei hat Alinghi in den bislang gelaufenen Trainingsduellen — das ist längst stadtbekannt - nicht ein einziges Match verloren. Weder gegen Prada noch gegen Oracle. Über unsere Ergebnisse gegen unsere Sparring-Partner darf ich hier nicht viel sagen, doch wir haben auf jeden Fall die Erkenntnis gewonnen, in bestimmten Verhältnissen sehr schnell zu sein. Ein guter Motivationsschub für unsere Mannschaft.

Wer sich für den America´s Cup interessiert, sollte dieses Mal auf jeden Fall einen Blick in dieTV-Programmzeitschriften werfen. Eurosport überträgt viel und qualitativ besser als zuletzt gesehen. Und der NDR bringt Mitte Oktober ein 45-minütiges Spezial. Es tut sich was in Sachen Segeln und Fernsehen in Deutschland und das freut uns deutsche Segler hier sehr, denn es spricht auf jeden Fall für ein steigendes Interesse an unserem Sport.

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