Es war eine Leistungsdemonstration, die Neuseelands America’s-Cup-Verteidiger vor dem Start zur ersten Vorregatta am 15. September in Vilanova i la Geltrú ablieferten. Am letzten Trainingstag vor dem ersten Kräftemessen auf den AC40-One-Designs dominierten die Kiwis das Feld der sechs Teams nach Belieben. Und wenn sie einmal nicht den Start gewonnen hatten, dann stellten sie ihre Gegner im Verlauf der Rennen in sehenswerter Weise kalt.
Im höheren Modus, mit entschlosseneren Manövern und offensichtlich hervorragend entwickelten Voreinstellungen ließ das Team um seine erfahrenen Steuerleute Peter Burling und Nathan Outteridge keinen Zweifel daran aufkommen, wer zu diesem Zeitpunkt das Vorspiel zum 37. America’s Cup als Segelmannschaft am besten beherrscht. Die Kiwis flogen einfach höher, hatten in allen drei Traingsrennen am Donnerstag die Bugspitze im Ziel vorn.
Mit seinen Kommentaren aber hielt sich “Pistol Pete” nach der Schau auf dem Wasser an Land wie gewohnt zurück: “Das Boot auf den Foils zu halten, als der Wind unter sechs Knoten fiel, war heute der Schlüssel. Die Jungs haben einen guten Job gemacht, so wie wir durch die Böen und die Manöver kamen. Diese kleinen Kontrollen, um zu sehen, dass wir nahe an der Spitze sind, sind großartig. Wir bekommen nicht viele Gelegenheiten, zu lernen und Rennen zu fahren, also machen wir das Beste daraus.”
Ich glaube daran, dass das mentale Spiel sehr wichtig ist im America’s Cup” (Tom Slingsby)
Zwei Teams haben sich im Training als führende Herausforderer der Kiwis erwiesen: Das US-Team American Magic sah mit Steuermann Tom Slingsby im ersten Rennen schnell aus und etablierte sich als veritabler Gegner. Slingsby räumte aber auch ehrlich ein: “Wir haben als Team noch nicht so viel gemeinsam gesegelt. Das hier ist also ein Chance, uns als Mannschaft zu verbessern. Wenn wir in gleichwertigen Booten gewinnen können, dann würde uns das einen mentalen Vorsprung verschaffen. Ich glaube daran, dass das mentale Spiel ist sehr wichtig ist im America’s Cup.”
Auch Luna Rossa Prada Pirelli fiel in den Trainingsrennen mit guten Starts und Beständigkeit in den Manövern auf. “Es war offensichtlich ein guter Tag”, hielt Francesco Bruni nach den Rennen in bester Azzurri-Laune fest. Ich glaube, wir hatten als Team drei gute Rennen. Wir hatten weniger Probleme als andere Teams. Aber offensichtlich ist es auch eine Tatsache, dass Team New Zealand uns einige Male überholt hat. Das war ein bisschen schmerzhaft. Wir müssen das genauer untersuchen und uns die verschiedenen Einstellungen genauer ansehen. Wir hatten das Gefühl dass sie einen Geschwindigkeitsvorteil hatten.”
Ich hoffe, dass wir mit Regattabeginn noch stärker sein können” (Francesco Bruni)
Diese Erkenntnisse bezog Bruni gegenüber der YACHT vor allem auf Rennen zwei. Seine Crew habe danach einige Änderungen vorgenommen und die Lücke kleiner machen können. “Da fühlten wir uns besser, aber da ist immer noch ein kleiner Abstand zwischen ihnen und uns. Ich hoffe, dass wir mit Regattabeginn noch stärker sein werden.”
Was diese und weitere Eindrücke aus dem Training in der Vorregatta wert sind, wird die dreitägige Regatta im Revier von Vilanova i la Geltrú am langen Wochenende zeigen. Für die Crews außerhalb der drei Top-Teams war es ein Tag mit gemischten Gefühlen, einigen Glanzlichtern, aber letztendlich auch der Erkenntnis, auf welchem Niveau die aktuellen drei Großmächte spielen.
Wir haben noch viel aufzuholen” (Sir Ben Ainslie)
Ben Ainslie, Skipper von Ineos Britannia, war realistisch und sagte: “Wir haben noch viel aufzuholen. Bei den leichten Bedingungen geht es vor allem darum, die richtigen Einstellungen zu finden. Die kurze Zeit, die wir auf dem AC40 verbracht haben, zeigt, wie weit wir von diesen anderen Teams entfernt sind. Das macht uns definitiv Sorgen. Wir haben nach dem Rennen noch eineinhalb Stunden damit verbracht, unsere Defizite zu analysieren. Die gute Nachricht ist, dass wir von den anderen Teams lernen können, die das Boot schon etwas besser beherrschen. Wir können versuchen, die Lücke zu schließen. Das ist es, was wir tun müssen.”
Ainslie hatte schon Tage vor Beginn der Vorregatta keinen Zweifel daran gelassen, dass das Kräftemessen auf den kleineren AC40-Yachten auf der Aufgabenliste seines Teams nicht an oberster Stelle stand. “Unsere höchste Priorität ist es, im August 2023 die schnellste AC75 zu Wasser zu bringen.” Diese klare Erkenntnis hat Ainslie bei den vergangenen beiden Cup-Editionen in schmerzhafter Weise gewonnen, denn beide Male war nach Vorstellung der Cup-Yachten schnell klar, dass die britischen Boote nicht schnell genug sein würden.
Um ehrlich zu sein, denke ich, dass es einige grundlegende Dinge gegeben hat, bei denen wir einen Fehler gemacht haben” (Arnaud Psarofaghis)
Für das Schweizer Team Alinghi Red Bull Racing sagte Steuermann Arnaud Psarofaghis nach dem letzten offiziellen AC40-Training in Vilanova i la Geltrú: “Es war ein schwieriger Tag. Ich habe eine Menge gelernt. Es ist immer gut, an einem Trainingstag ein paar dumme Fehler zu machen. Kleine Fehler können einen wirklich aus dem Rennen werfen. Aber wir müssen geduldig sein, denn auf einer Regattabahn mit leichten Winden kann alles passieren, wenn auch andere von den Foils fallen. Um ehrlich zu sein, denke ich, dass es einige grundlegende Dinge gab, bei denen wir einen Fehler gemacht haben.”
Die Aussagekraft von Trainingsregatten für Großereignisse im Segelsport mag bedingt sein. Die Fähigkeit der Kiwis, effektiv nach vorn zu segeln oder ihre Gegner als Jäger unerbittlich zu jagen, zu stellen und zu überrunden, hat sämtliche Teams und Beobachter vor der ersten Vorregatta zum America’s Cup tief beeindruckt. Ob sie ihr Powerplay fortsetzen können, wird sich von heute (15. September) bis zum Sonntag (17. September) zeigen.

Freie Reporterin Sport