America's CupGipfeltreffen der Giganten

Tatjana Pokorny

 · 15.09.2013

America's Cup: Gipfeltreffen der GigantenFoto: ACEA / Gilles Martin-Raget

Kopf an Kopf über den Kurs. Ein Sieg für die Verteidiger, einer für Neuseeland. Doch nun läuft Oracle im Segel-Thriller die Zeit davon

Down Under steht Kopf: Eben noch waren die Kiwis das Maß der Dinge im 34. Match um den America's Cup. Doch die Kräfteverhältnisse haben sich spürbar geändert. Als hätte Oracles Steuermann Jimmy Spithill es geahnt, als er am Samstag beim Stand von 0:6 mit einer retorischen Frage provozierte: "Stellt euch vor, diese Jungs verlieren ab jetzt. Was das wohl für eine Aufregung wäre. Sie haben es fast schon in der Tasche." Psychologisches Mätzchen oder doch das Wissen um die eigene Stärke?

Nach der dramatischen Beinahe-Kenterung der Kiwis am Samstag und dem daraus resultierenden Sieg für Oracle Team USA setzten die Verteidiger ihre noch junge Siegesserie am Sonntag fort, verkürzten ihren Rückstand nach Egalisierung der Strafe im Vorwege des Duells mit dem ersten positiven Punkt auf 1:6.

  Daumen hoch: Larry Ellison fiebert auf dem Wasser mit seinem Oracle Team USA mitFoto: ACEA / Gilles Martin-Raget
Daumen hoch: Larry Ellison fiebert auf dem Wasser mit seinem Oracle Team USA mit

Der Verlauf von Rennen neun ist schnell erzählt: ein souveräner Start von Jimmy Spithill, der das Emirates Team New Zealand vor der Linie blockt, sich dann doch überraschend schnell löst und losjagt. Die Neuseeländer kommen nicht schnell genug mit und haben an der ersten Wendemarke das Nachsehen. Noch trennen nur vier Sekunden die beiden Boote. Doch mit besserer Geschwindigkeit am Wind als in den ersten Tagen, dem besseren Riecher für die bevorteilte Kursseite, einem engagierten Taktiker Ben Ainslie an Bord, wesentlich effektiveren Wenden des Teams und konzentrierter Deckung dominieren die Amerikaner die Herausforderer souverän bis ins Ziel.

  Winken und lächeln, Teil 2: Nach dem ersten der beiden Rennen am Sonntag war die Welt für das Oracle Team USA in wunderbarer OrdnungFoto: ACEA / Balasz Gardi
Winken und lächeln, Teil 2: Nach dem ersten der beiden Rennen am Sonntag war die Welt für das Oracle Team USA in wunderbarer Ordnung

Als nun alle Welt glaubt, die Amerikaner seien nach ihren Modifikationen in neuer Crew-Konstellation und mit erstklassigen Manövern das neue Maß der Dinge, drehen die Kiwis wieder auf. Und wie: Die fabelhaften Barker-Boys sehen zwar am Start zunächst gegen den wieder einmal furios attackierenden Jimmy Spithill nicht ganz glücklich aus, schaffen es aber mit einem so unerwarteten wie unwiderstehlichen Sprint, die Überlappung zum leicht führenden US-Boot bis zum Dreilängenkreis der so wichtigen ersten Tonne zu halten und dürfen sie deshalb vor den Amerikanern runden. Kommentator Gary Jobson scherzt: "Ist doch praktisch, dass die Kiwis ihren Bugspriet nicht so verkürzt haben wie die Amerikaner." Der lange Bugspriet hat ihnen nun den hauchdünnen Vorteil im Kopf-an-Kopf-Rennen auf dem kurzen Reach-Kurs beschert. Dean Barker sagt später: "Einen hübschen Start hatten wir nicht gerade. Aber wir haben uns unseren Weg dann mit Muskelkraft gebahnt …"

In diesem Stil verläuft das ganze zehnte Rennen mit mehreren Führungswechseln. Die TV-Kommentatoren schnappen beinahe über vor Begeisterung. Das Publikum an Land kreischt. Wer am heimischen Bildschirm mitfiebert, hat mit Müdigkeit keine Probleme mehr. Schließlich sind es die Kiwis, die das gerade erst entstandene Momentum der Verteidiger zerstören und sich diesen Rennsieg sichern. Zwei Punkte noch fehlen der Mannschaft um Dean Barker und Taktiker Ray Davies zum Triumph. Der zweimalige America's-Cup-Sieger Emirates Team New Zealand hat es in der Hand, die verschnörkelte Silberkanne zum dritten Mal nach 1995 und 2000 zu gewinnen. David treibt Goliath in die Enge. Und Goliath läuft die Zeit davon.

  Trotz der Leistungssteigerung seines Teams: Jimmy Spithill weiß, dass es jetzt eng wirdFoto: ACEA / Balasz Gardi
Trotz der Leistungssteigerung seines Teams: Jimmy Spithill weiß, dass es jetzt eng wird

Doch nach diesem Sonntagskrimi und der ausgeglichenen Muskelschau können auch die Verteidiger noch nicht abgeschrieben werden. Die hatten sich im zehnten Rennen bei einem "Crossing" einen vielleicht teuren Patzer geleistet, halsten nicht mit, sondern drosselten ihre Geschwidigkeit, gingen am Heck der Kiwis vorbei und verloren dadurch wertvollen Boden.

  Der erfolgreichste Olympiasegler der Geschichte erschien nachdenklich zur Pressekonferenz: Nach grandioser taktischer Leistung im ersten Rennen war er für den "Crossing"-Fehler im zweiten Rennen mindestens mitverantwortlichFoto: ACEA / Balasz Gardi
Der erfolgreichste Olympiasegler der Geschichte erschien nachdenklich zur Pressekonferenz: Nach grandioser taktischer Leistung im ersten Rennen war er für den "Crossing"-Fehler im zweiten Rennen mindestens mitverantwortlich

Mit dem psychologischen Plus des letzten Sieges an diesem Renntag gehen die Neuseleänder in die Pause. Beide Mannschaften und die Fans haben an diesem Tag aber gelernt: Alles ist möglich.

  Not amused über seine schwachen Starts, aber in Sachen Comeback stark: Emirates-Team-New-Zealand-Skipper Dean BarkerFoto: ACEA / Balasz Gardi
Not amused über seine schwachen Starts, aber in Sachen Comeback stark: Emirates-Team-New-Zealand-Skipper Dean Barker

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