America’s CupDeshalb blieb Neuseelands neuer AC75 an Land

"Taihoro" wurde aus der Halle gerollt.
Foto: Sam Thom / America's Cup
​Emirates Team New Zealand ist das erste Team, das seinen AC75 für den neuen America’s Cup aus der Halle rollt. Doch der erste Flug von „Taihoro“ fällt aus, weil die Kiwis bei zu viel Wind kein Risiko eingehen wollen. Dahinter steckt mehr als Vorsicht: Das vermeintlich neue Boot ist in Wahrheit ein aufwendig umgebauter Vorgänger und könnte trotzdem einen entscheidenden Entwicklungssprung bringen.

„Taihoro“ zuerst aus der Halle

Emirates Team New Zealand hat als erstes Team im neuen America’s-Cup-Zyklus seinen AC75 „Taihoro“ wieder ins Rampenlicht geschoben. Damit setzten die Neuseeländer ein erstes starkes Ausrufezeichen, der Titelverteidiger präsentierte das Boot als nächsten großen Schritt auf dem Weg zur Titelverteidigung 2027 in Neapel.

Doch der eigentliche Aha-Moment, die erste Ausfahrt des neuen Bootes, blieb aus. Der Grund war nicht etwa ein technisches Problem, sondern die Entscheidung, unter den gegebenen Bedingungen kein unnötiges Risiko einzugehen. Der Wind nahm früher und stärker zu als erwartet. Für ein Boot, das zwar vertraut aussieht, in wichtigen Bereichen aber tiefgreifend überarbeitet wurde, war das kein Tag für eine Premiere. Der Mast wurde wieder gelegt, das Boot kam zurück in die Halle, und der erste Segeltag wurde vertagt.

Diese Entscheidung erzählt bereits viel über die neue Phase des America’s Cup. Jeder Testtag ist wertvoll. Die Boote sind extrem komplex, die Lasten enorm, die Lernanforderung hoch. Gleichzeitig ist die Zahl der Einsatztage auf 45 bis Mitte Januar 2027 begrenzt. Wer in einer frühen Entwicklungsphase einen Schaden riskiert, verliert nicht nur Material, sondern vor allem Zeit. Ein einziger verlorener Testtag kann da viel ausmachen.

Kein komplett neues Boot

Der vielleicht wichtigste Punkt an „Taihoro“ ist, dass dieses Boot kein völliger Neubau ist. Es handelt sich um die bestehende AC75-Plattform, mit der Emirates Team New Zealand bereits im vergangenen Cup-Zyklus erfolgreich war. Das ist eine Folge des aktuellen Regelwerks.

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Der 38. America’s Cup steht stärker als die vorherigen Austragungen im Zeichen von Kostenkontrolle, Planbarkeit und struktureller Stabilisierung. Der Wettbewerb soll nicht nur technologisch faszinierend bleiben, sondern wirtschaftlich besser kontrollierbar werden. Deshalb dürfen die Teams keine komplett neuen AC75-Rümpfe entwickeln. Stattdessen müssen sie mit den vorhandenen Plattformen weiterarbeiten und dürfen diese nur innerhalb eines genau definierten Rahmens modifizieren. Das verändert die Entwicklungslogik des Cups fundamental. Der klassische große Wurf in Form eines radikal neuen Bootskonzepts wird eingeschränkt. Der Fortschritt verschiebt sich dadurch stärker in die Details. Mehr zum neuen Regelwerk lesen Sie in unserem Spezial-Artikel.

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Wo die Regeln Veränderungen erlauben

Freiraum für Veränderungen ist vorhanden, aber klar begrenzt. Umbauten waren vor allem in drei Richtungen möglich. Zum einen durfte das Cockpit neu konfiguriert werden, um das Layout an die veränderte Arbeitsweise der Crew anzupassen. Zum anderen waren strukturelle Eingriffe in begrenztem Umfang erlaubt, wobei die Grundform des Rumpfs erhalten bleiben musste. Hinzu kamen funktionale Ausnehmungen und Detailanpassungen, die auf eine bessere aerodynamische Effizienz zielen.

Batterien statt Pedale

Eine der sichtbarsten Folgen des neuen Reglements ist das Ende der Radfahrer. Die Athleten, die in den vergangenen Cups mit den Beinen hydraulische Energie erzeugten, sind nun verboten. An ihre Stelle tritt ein standardisiertes Batteriesystem. Das verändert die Architektur des Boots, den Energiehaushalt und die Aufgaben an Bord. Wo früher rohe körperliche Dauerleistung ein Teil des Gesamtkonzepts war, rückt jetzt das Management begrenzter Energieressourcen stärker in den Vordergrund.

Hinzu kommt eine sportpolitisch wichtige Änderung: Beim 38. America’s Cup muss mindestens eine Frau auf jedem AC75 mitsegeln. Bei den Neuseeländern wird das voraussichtlich die 49erFX Olympia-Gold- und Silbermedaillengewinnerin Jo Aleh sein. Das ist nicht nur symbolisch relevant, sondern hat konkrete sportliche und organisatorische Folgen. Der Weg von den Nachwuchs- und Frauenformaten in den eigentlichen Cup wird damit deutlich klarer gezogen als früher.

Wie sich das neue Crewkonzept auf die Verteilung der Besatzung im Cockpit auswirken wird, war beim Rollout noch nicht erkennbar. Fotos von Deck gab es schlicht nicht. Bisher saßen auf jeder Seite des Bootes jeweils ein Steuermann , ein Segeltrimmer und zwei Radfahrer, die Positionen wurden nicht gewechselt. Jetzt besteht die Kerncrew aus fünf Aktiven, darunter eine Frau, sowie einem Gastsegler.

Früheres Abheben als klarer Entwicklungsschwerpunkt

Dan Bernasconi, Chefdesigner der Neuseeländer, machte beim Rollout von „Taihoro“ deutlich, warum ein äußerlich vertraut wirkendes Boot intern trotzdem einen erheblichen Schritt nach vorn machen kann. Er sagte, dass der Rumpf zwar das auffälligste Merkmal eines Cup-Bootes bleibt, seine leistungsmäßige Bedeutung aber oft überschätzt wird. Denn die Rümpfe verbringen so viel Zeit außerhalb des Wassers, dass die Unterschiede in ihrer Performance kleiner sind, als viele vermuten.

Bernasconi benannte zudem sehr klar, wo Team New Zealand den größten unmittelbaren Performance-Gewinn erwartet. „Der größte Unterschied bei der Leistung wird ein früheres Abheben sein.“ Gemeint ist damit das schnellere Erreichen des stabilen Foiling-Zustands, vor allem bei wenig Wind.

Diese Verbesserung habe man vor allen mittels Gewichtsersparnis erreicht. „Wir haben ordentlich Gewicht aus dem Boot herausgenommen.“ Interessant ist, dass Bernasconi die andere Seite dieser Medaille gleich mitliefert. Ein leichteres Boot bringt nicht unter allen Bedingungen automatisch nur Vorteile. Zumal das Gewicht offenbar zu einem großen Teil an den Foilarmen gespart wurde, deren luvwärtiger zum aufrichtenden Moment beiträgt. „Bei viel Wind wäre das Boot auf dem Papier deshalb langsamer. Das gleichen wir aber mit besseren Foils, besseren Segeln und besseren Kontrollsystemen wieder aus. Insgesamt wird die Höchstgeschwindigkeit vermutlich ähnlich bleiben oder sogar etwas steigen. Im unteren Windbereich dürfte der Unterschied größer sein.“

Wird der kommende Cup spannend?

Der neue America’s Cup dürfte genau dadurch noch enger werden. Wenn neue Rümpfe entfallen, die Kosten stärker gedeckelt sind, der Zyklus verdichtet wird und die offenen Entwicklungsfelder stärker in hochkomplexe Detailbereiche wandern, dann rücken die Teams tendenziell näher zusammen. Bernasconi geht davon aus, dass das Racing diesmal zwischen allen Teams deutlich enger sein dürfte.


Der Rollout und das Interview mit Dan Bernasconi


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