America's CupDer letzte Akt

Carsten Kemmling

 · 09.10.2005

Bilanz der America’s-Cup-Vorregatten 2005

Es ist immer ein wenig peinlich, sich selbst auf die Schulter zuklopfen. Und Alinghi-Chef Ernesto Bertarelli ist auch nicht gerade der Typ, der bisher durch übertriebenes Eigenlob aufgefallen wäre. Aber in Trapani ließ er sich dazu hinreißen: „Ich glaube, dieses neue Format ist ein großartiger Erfolg.“

Er mag aus der Reserve gelockt worden sein, weil sich noch vor wenigen Wochen einige Journalisten abfällig über die Cup-Vorregatten geäußert hatten, ohne sie live erlebt zu haben. Vermutlich ist Bertarelli aber einfach durch die Stimmung in Trapani mitgerissen worden.

So viel Aufmerksamkeit wie in Sizilien hat der America’s Cup noch nie von der Bevölkerung bekommen. Selbst die Finalregatten in Auckland verblassen angesichts der italienischen Begeisterung. Tagtäglich drängten sich Menschenmassen durch den America’s-Cup-Park. Zigtausende verfolgten die Live-Übertragungen auf den Großleinwänden. Und auf dem Wasser mussten regelmäßig bis zu 400 Zuschauerboote von den Streckenposten zurückgedrängt werden.

Bertarelli mag sich über die Entwicklung der Acts freuen, aber er wird auch daran denken, was möglich gewesen wäre, wenn er den America’s Cup in Italien hätte aussegeln lassen. So sind alle in der Cup-Familie ein wenig traurig, dass es zurück nach Valencia geht. Auch weil dann die Teams wieder in ihren Hochsicherheitstrakten verschwinden.

In Trapani half man sich mit Schraube, Bolzen oder einer Zange aus oder radelte auf ein Bier zum Nachbar-Team. In Valencia steht wieder die Geheimniskrämerei im Vordergrund. Besonders weil im März und April, die meisten neuen Schiffe zu Wasser gelassen werden. Dann wird es wieder ernst.

Insofern sind die sportlichen Ergebnisse der Acts nicht überzubewerten. Alinghi hat seinen Platz an der Spitze behauptet, aber gerade in Trapani mächtig Federn gelassen. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit in 31 Matchraces ist nach zwei Niederlagen — darunter das Prestige-Rennen gegen BMW Oracle — gebrochen. Und auch bei den Fleetraces zeigten sich besonders die Amerikaner auf Augenhöhe. Punktgleich reihten sie sich hinter den Schweizern ein. Da fehlte nicht viel.

Aber Jochen Schümann hat wohl Recht, wenn er sagt: „Unsere Niederlagen waren gut für alle.“ Denn sie zeigen, dass Alinghi nicht so weit weg ist, wie alle glauben. Auf der anderen Seite ist dem Team aber auch zuzutrauen, dass sie hin und wieder auf die Bremse treten. Es wäre verheerend, wenn der Schumacher-Effekt einträte, der in der vergangenen Saison jede Spannung aus der Formel 1 genommen und viele Fans gekostet hatte.

Erstaunlich war allerdings in Trapani, dass gerade bei den Fleetraces die Neuseeländer und besonders Luna Rossa nicht mehr um die vorderen Plätze mitspielen konnten. Dass die Italiener sogar nur Sechste wurden, kommt einem Desaster gleich. Erklärbar ist es nicht.

Die Top-Story von Trapani ist das positive Abschneiden der Südafrikaner. Aber dafür gibt es immerhin eine Erklärung. Endlich bekommen sie ihr neues Schiff — das einzige neue Boot der Flotte — in den Griff, und endlich erreichen sie langsam das Potenzial des Jason Ker-Designs. Und das hat sicher auch mit einer Personalie zu tun: Nach längerer Zusammenarbeit ist für Trapani der Brite Chris Law gegen den erfahrenen Amerikaner Dee Smith ausgetauscht worden.

Smith macht den Taktiker, aber er zeigt den Newcomern auch, wie man ein so großes Boot segelt. „Wir haben jetzt deutlich größere Segel gesetzt als sonst“, sagt Steuermann Ian Ainslie. „Außerdem hat Dee uns viel Selbstvertrauen gegeben. Wir haben jetzt nicht mehr so viel Angst, wenn wir vorn sind. Er bringt auch viel von seinem technischen Verstand ein und hilft den Designern.“

Deshalb kann es eigentlich keine Überraschung sein, dass Shosholoza vor dem deutschen Team liegt. Eigentlich ist für Jesper Bank Platz neun nach den Fleetraces nicht so schlecht. Besonders nachdem im ersten Fleetrace ein sensationeller vierter Rang gelungen war, und der siebte an dem Tag auch beachtlich war.

Jesper Bank lieferte teilweise sensationelle Starts ab und hatte selbst am zweiten Tag, der mit Rang elf und zwölf extrem schlecht ausfiel, auf der Starkreuz in Führung gelegen, bis sich die Seite doch als falsch herausstellte.

Die Afterguard mit Taktiker Henrik Blaksjær und Stratege Michael Hestbæk ging teilweise große Risiken ein, um ein annehmbares Ergebnis zu erzielen und über den fehlenden Speed hinwegzutäuschen. Das funktionierte aber nur am ersten Fleetrace-Tag. Bank sagte zwar: „Wir sind schneller geworden und müssen nicht mehr so risikoreich segeln.“ Aber bei bestimmten Bedingungen, besonders bei mehr Welle, zeigte sich, warum GER 72 eben nur Letzter beim vergangenen Cup geworden ist. Das Boot nickt zu heftig, weil ihm an den Enden der Auftrieb fehlt.

Diese erwartbaren Probleme verschwinden immer mehr in der öffentlichen Wahrnehmung hinter der nicht enden wollenden Führungskrise. Das ZDF berichtet zum Abschluss schon kaum noch über die Deutschen und bewertet die Endplatzierung wie auch die ARD mit dem Wörtchen „nur“. In Valencia war Platz zehn noch ein Wunder. Jetzt ist der neunte schlecht.

Dabei laufen die Vorbereitungen des Technik-Teams hinter den Kulissen weiter wie geplant. Das Deck des neuen Schiffs ist in Kiel schon fertig. Am 15. April soll der neue Rumpf dazukommen. Erst dann wird sich zeigen, wo Team Germany steht im Vergleich zur Konkurrenz, die dann ebenfalls die neuen Schiffe segelt. Der nächste Act 11 am 11. Mai 2006 in Valencia wird eine Art Vorentscheidung bringen. Dann zeigt sich, ob die Teams ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Diesem Termin fiebert auch Alinghi entgegen. Die Schweizer wollen dort die Konkurrenz im Renneinsatz beäugen und die Erkenntnisse in den Bau ihres neuen Designs einfließen lassen. Ob die Herausforderer das allerdings mit sich machen lassen, ist noch nicht klar. Vielleicht holen sie für die Acts doch noch einmal ihre alten Schiffe aus der Halle. Ärger ist also programmiert.

Ausführliche Informationen über die Trapani-Ereignisse aus deutscher Sicht in YACHT 23

Das weitere geplante Programm (die Daten sind noch nicht gesichert):

2006
Valencia, Louis Vuitton Act 10, Match Race, 4. bis 15. Mai
Valencia, Louis Vuitton Act 11, Fleet Race,18. bis 21. Mai

Valencia, Louis Vuitton Act 12, Match Race, 15. Juni bis 27. Juli

2007
Valencia, Louis Vuitton Act 14, Fleet Race, 3. bis 7. April

Louis Vuitton Cup
18. April bis 12. Juni (Louis Vuitton Cup Final, 1. bis 12. Juni)

32. America’s Cup Match
23. Juni bis 7. Juli

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