America's CupAus dem Ruder gelaufen

Tatjana Pokorny

 · 08.02.2010

America's Cup: Aus dem Ruder gelaufenFoto: tati

Erbittertes Ringen um den richtigen Kurs: America´s-Cup-Streit entzweit Fangemeinde

Nie war der America´s Cup so umstritten wie heute. Noch nie hat er Fans und Beobachter so entzweit. Einig sind sich alle nur noch in einer einzigen erschreckenden Erkenntnis: So hat ihn keiner gewollt.

Ein Publikumsknüller kann dieser America´s Cup nicht mehr werden. Eingebettet in eine Reihe von Gerichtsverhandlungen, zu falscher Zeit im Winter vor Valencia ausgetragen und erbittert umkämpft, fehlen dieser 33. Auflage der sportliche Wert und die Faszination eines internationalen Wettbewerbs mit Teams aus vielen Ländern. Zwar sorgen die monströsen Hightech-Mehrrumpfer von Verteidiger Alinghi und Herausforderer BMW Oracle Racing für neue Superlative in der 159-jährigen Cup-Geschichte. Doch haben Zwist und Zorn der alten Silberkanne ihre Magie geraubt.

«Obszöne Veranstaltung, Zeitverschwendung, Beleidigung für den Segelsport.» Bruno Troublé hat für das aktuelle Duell um die begehrteste Segelsporttrophäe der Welt nur noch Verachtung übrig. Der ehemalige Skipper des legendären Baron Bich, der dem America’s Cup in den 1970er Jahren mit der Öffnung für mehrere Herausforderer aus vielen Ländern eine neue Dimension eröffnete, kann kaum fassen, was aus «seinem» Cup geworden ist. Troublé hatte dem neuen America´s Cup über drei Jahrzehnte als Frontmann der Luxusmarke Louis Vuitton seinen Stempel mit Esprit und Engagement aufgedrückt. Doch 2007 ist die von Troublé selbst mit aufgebaute und vertraute Welt zusammengebrochen. Vor zweieinhalb Jahren stieg nicht nur Louis Vuitton als Hauptsponsor aus. Es begann auch das endlose Ringen um den richtigen Kurs in die Zukunft zwischen den Schweizern und den Amerikanern.

Inzwischen ist die Auseinandersetzung zwischen Alinghi und BMW Oracle Racing längst aus dem Ruder gelaufen ist. Der America´s Cup wird eineinhalb Jahrhunderte nach seiner Premiere nicht mehr von Sport und Spannung, sondern erbittertem Streit und erschwerten Rahmenbedingungen geprägt. Weil sich die Kontrahenten nicht auf einen Modus einigen konnten, greifen die veralteten Regeln der Cup-Stiftungsurkunde von 1887. Die Regeln der sogenannten „Deed of Gift“ aber sind in mehreren Passagen sehr allgemein gehalten und lassen konträre Interpretationen zu. Davon und von eigenen Ideen für die Cup-Zukunft beflügelt, schalteten die Amerikaner mit ihrer Klagewelle gegen die Schweizer das zuständige New Yorker Gericht ein.

Die bislang in New York gefällten Urteile ergeben als einzelne Puzzle-Stücke einen Cup mit vielen Fehlern, unter denen alle leiden. Sogar die Kläger aus Amerika. Obwohl sie öfter Recht bekamen als die angeklagten Eidgenossen. Dass beispielsweise der erste Renntag des Segelduells auf einen Montagmorgen fiel, hätte sich kein professionelles Sportteam jemals ausgedacht. Dass sogar der kürzere der beiden zu absolvierenden altmodischen Kurse ein Revier von 644 (!) Quadratkilometern abdeckt und deshalb faire Rennen unter weitgehend gleich bleibenden Bedingungen kaum möglich sein werden, wäre unter Leitung eines modernen und neutralen Sportmanagements undenkbar. Doch genau so ein Management hat der Cup nicht, obwohl es sich angeblich alle Parteien so sehr wünschen. Deswegen ist der America´s Cup erkrankt. Diagnose: Unfähigkeit zur Anpassung an die heutige Welt, ohne die eigene Identität preiszugeben.

Nun ist der Cup-Tross wider Willen im winterlichen Valencia gelandet. Dort, wo noch 2007 ein mitreißender 32. America´s Cup stattfand. Ein inzwischen pensionierter Richter namens Herman Cahn hat diesen Irrtum mit einem im November 2007 ungenau formulierten Urteilsspruch verursacht. «Wir wollten nie im Februar vor Valencia segeln», gab Titelverteidiger und Alinghi-Boss Ernesto Bertarelli bereits mehrfach zu Protokoll, «zu dieser Jahreszeit sollten wir lieber zu Hause Skifahren.»

Aberwitzig wirken sich die angestaubten Regeln der Stiftungsurkunde auch auf den Regattazeitplan aus. Nachdem das Auftaktrennen am Montag aufgrund von Flaute ausgefallen war, wurde es nicht etwa gleich am Dienstag bei besten Windbedingungen wiederholt, sondern darf erst am Mittwoch gestartet werden. Dass dann laut Wetterexperten womöglich wieder Flaute herrschen soll, ist eben Pech. Die Vernunft hat ihren Platz im Cup-Theater längst verloren. „Gut, dass heute keine Fernsehbilder angeboten werden“, äzte Bruno Troublé am Dienstag im belebten Pressezentrum, „die Menschen würden uns ja umbringen, wenn sie die schönen Segelbedingungen hier sehen könnten — aber leider ohne Segelsport.“

Ein amerikanischer Sportjournalist formuliert seine Erinnerung an die umjubelte 32. Cup-Auflage vor drei Jahren im gleichen Revier mit elf Teams aus zehn Ländern sehnsüchtig: «Der Sommer der Liebe nach dem Vorbild der Sechziger — das war einmal.» Tatsächlich herrscht Eiszeit in Valencia. Im wenig belebten Cup-Hafen haben sich die beiden verfeindeten Teams so weit entfernt voneinander wie möglich eingerichtet. Ihre Protagonisten verweigern gemeinsame öffentliche Auftritte, kein Tag vergeht ohne Verbalattacken in Richtung Opposition. Der Frust sitzt in beiden Lagern tief.

Die verlassenen Hauptquartiere früherer Cup-Teams, die für diesen Zyklus mangels Einvernehmen zwischen Verteidiger und Herausforderer vom Geschehen ausgeschlossen wurden, haben die Ausstrahlung trauriger Mahnmale. Fans, Journalisten und auch Segler hadern mit dem Cup in Schieflage. Die beiden unterschiedlichen imposanten Rennmaschinen der Rivalen, Alinghis Katamaran und BMW Oracles Trimaran, sie mögen Hightech-Herzen höher schlagen lassen, werden aber ein sportlich spannendes Duell kaum ermöglichen. „Ein Team wird hier 2:0 gewinnen“, weiß nicht nur Jochen Schümann in Valencia. Welches Team das sein wird, ließ der zweimalige America´s Cup-Gewinner, der seinem ehemaligen Arbeitgeber Alinghi die Daumen drückt, vorsichtshalber offen.

Es könnte noch Wochen dauern, bis das Duell auf dem Wasser entschieden ist. Sieger ist laut Stiftungsurkunde, wer zuerst zwei Siege verbucht. Doch selbst mit einem sportlichen Endergebnis in Händen, wird es ein Sieger ohne Sicherheit sein. Denn in New York ist noch eine Klage der Amerikaner anhängig, über die erst am 25. Februar verhandelt wird. Bislang hat nur Ernesto Bertarelli öffentlich erklärt, das rein sportliche Ergebnis zu akzeptieren. Daraus entsteht folgendes Szenario: Verliert Alinghi, verlässt der Cup die Schweiz. Gewinnt Alinghi, wird voraussichtlich weiter vor Gericht gerungen. Monate oder gar Jahre. Bertarelli-Kenner halten es sogar für möglich, dass der 44-jährige Genfer bei Fortsetzung der gerichtlichen Auseinandersetzung auch im Falle seines Sieges als Verteidiger zurücktritt, weil er das juristische Spektakel nicht mehr erträgt. Im Team BMW Oracle Racing dagegen will man sich noch nicht festlegen, wie es nach dem Match weiter geht. Es bleibt vorerst also völlig offen, wer den Cup wann und wie wieder auf guten Kurs zurücksteuern kann, will oder darf. Fortsetzung folgt.

Der nächste Startversuch ist für Mittwochmorgen geplant. Die Chancen, das Rennen tatsächlich zu beenden, liegen laut Wetterexperten bei maximal 30 Prozent.

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