America's Cup„Alinghi segelt in einer anderen Welt“

YACHT Online

 · 02.10.2005

America's Cup: „Alinghi segelt in einer anderen Welt“Foto: Alinghi

Makellose Serie verleiht Schweizer Cup-Verteidigern den Nimbus der Unbezwingbarkeit - Team Germany siegt

Die Tageszeitung „Giornale de Sicilia“ titelte am Tag nach dem eindrucksvollen Sieg über Team Germany: „Die unbesiegbare Alinghi“. Die Schweizer hatten am Sonntag einen 300-Meter-Rückstand nach Materialbruch bereits zur Halbzeit des Rennens egalisiert – eine außergewöhnliche Machtdemonstration des Dream Teams.

Nach 32 Matchrace-Siegen in Folge bleibt Alinghi auch einen Tag vor Ende des Louis Vuitton Act 8 vor Trapani das Maß der Dinge in der America´s Cup-Saison 2005. Das Team ohne Niederlage muss sich gar die Frage gefallen lassen, ob es in dieser Saison überhaupt schon einmal gezwungen war, an das eigene Leistungslimit zu gehen.

„Vielleicht sind wir das einzige Team, das Alinghi in dieser Saison mal zu
Höchstleistungen angetrieben hat“, sagte Jesper Bank nach dem Duell, in dem seiner GER-72 rund 300 Meter Vorsprung hatte, bevor Alinghis Crew die Reparatur ihres Großfalls abgeschlossen und die Aufholjagd gestartet hatten.

Tatsächlich fragen sich immer mehr Segler und Beobachter, ob die Schweizer jemals alles geben müssen, oder ob sie jederzeit noch ein paar Knoten extra aus dem Ärmel schütteln können.

Alinghis Stratege Peter Holmberg nannte die eindrucksvoll schnell und
präzise durchgeführte Reparatur seines Teams am Wochenende „eine gute kleine Feuerübung für alle in der Mannschaft“. Das klingt abgeklärt und selbstsicher. Tatsächlich hatte seine Mannschaft just zwei Wochen zuvor auch diesen eher seltenen Fall durchdiskutiert und entsprechende Maßnahmen vorbereitet.

„Sie haben einfach auf alles eine Antwort“, stellte nicht nur
Jesper Bank fest, „wären wir in der Formel 1, würde ich sagen, dass sie ein
Rad mehr hätten als alle anderen.“

Auf die Frage eines neuseeländischen Journalisten an Jesper Bank, ob die vernichtende Niederlage gegen Alinghi für die Deutschen eher inspirierend oder frustriend gewesen sei, grinste der dänische Doppel-Olympiasieger und sagte halb ampüsiert und halb verzweifelt: „Oh, absolut inspirierend. Ich lasse mich gerade inspirieren, ob ich mir nicht einen anderen Job suchen sollte.“ Die nicht ganz ernst gemeinte Antwort unterstreicht die Erkenntnis, die Bank mit den meisten anderen Seglern und auch Beobachtern im America´s Cup teilt: „Alinghi segelt in einer eigenen Welt. Es ist einfach beängstigend.“

Einen Tag vor Schluss der Serie sind die Karten im Kampf um Punkte und
Plätze klar verteilt: Alinghi thront unangefochten an der Spitze. Alle
Hoffnungen, den „Incredibiles“ doch noch eine Niederlage beizubringen, ruhen nun auf Larry Ellisons Elitetruppe BMW Oracle Racing. Die Cup-Verteidiger und der Challenger of Record treffen am Dienstag im elften und letzten Duell aufeinander.

Hinter Alinghi haben sich die üblichen Verdächtigen im Kampf um den
Vize-Titel in Act 8 versammelt: Luna Rossa, das Emirates Team New Zealand und BMW Oracle Racing. Noch hält dieses Trio die Tür zu seiner eigenen kleinen Oberklasse zu.

Doch die Mittelklasse rüttelt schon heftig daran. K-Challenge hat sich im Vergleich zu den Vorregatten in Valencia und Malmö deutlich gesteigert. Mit einem Überraschungssieg über Team New Zealand meldeten die Franzosen gleich am ersten Tag der Serie ihren Anspruch auf den Aufstieg an. Die Spanier und die Schweden haben mit Höhen und Tiefen zu
kämpfen, sind aber zweifelsfrei dem Mittelfeld zuzuordnen.

Und da wäre noch das Unterhaus. Hier wird täglich geübt wie man aus wenig viel machen kann. Oder eben auch nicht. Dabei zahlen die sogenannten kleinen Teams mit Materialbruch, taktischen Fehlentscheidungen und mangelnder Bootsgeschwindigkeit für ihre geringeren Budgets, ihren begrenzten Erfahrungsschatz und technologischen Rückstand.

An Bord der GER-72 ist am Montag der dritte Spinnaker in Folge geplatzt und auch das südafrikanische Team Shosholoza hatte erneut Probleme mit dem Großsegel zu beklagen. Während die Deutschen ihr erstes Rennen gegen die Spanier mit technischen Problemen abbrechen mussten, konnten die Südafrikaner erst gar nicht starten. Vorfälle, die aus Sicht Alinghis vermutlich undenkbar sind.

Im zweiten Durchgang des Tages schrammte das United Internet Team Germany nach schlechtem Start nur knapp an einer Niederlage gegen das China Team vorbei. Erst auf dem letzten Vorwindkurs gelang dank besserer Boostgeschwindigkeit das rettende Überholmanöver.

Die Südafrikaner schlugen sich nach kurzzeitiger Führung im Match gegen die Victory Challenge selbst. Nachdem sie von einem heftigen Rechtsdreher profitiert hatten, gaben Steuermann Ian Ainslie und sein Team die stark bevorteilte rechte Seite ohne Not auf und gerieten links wieder in Rückstand, der nicht mehr gutzumachen war.

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