Zu den Protestentscheidungen im Mini-Transat 2021
"Bisschen verzerrend"

Jury und Veranstalter sind sich nach der Protestflut in Folge von Etappe eins ungewöhnlich uneinig über den richtigen Weg aus der Krisensituation

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 21.10.2021
Es brodelt auf der kanarischen Vulkaninsel La Palma: Während der Vulkan Cumbre Vieja weiter Asche und Lava spuckt, die sich der Gemeinde La Laguna nähern, "regnete" es für die Miniisten im Etappenhafen Santa Cruz de La Palma nicht nur Asche von oben. Unter den Seglern werden die diversen Entscheidungen zur Protestflut nach Etappe eins heftig diskutiert Es brodelt auf der kanarischen Vulkaninsel La Palma: Während der Vulkan Cumbre Vieja weiter Asche und Lava spuckt, die sich der Gemeinde La Laguna nähern, "regnete" es für die Miniisten im Etappenhafen Santa Cruz de La Palma nicht nur Asche von oben. Unter den Seglern werden die diversen Entscheidungen zur Protestflut nach Etappe eins heftig diskutiert Es brodelt auf der kanarischen Vulkaninsel La Palma: Während der Vulkan Cumbre Vieja weiter Asche und Lava spuckt, die sich der Gemeinde La Laguna nähern, "regnete" es für die Miniisten im Etappenhafen Santa Cruz de La Palma nicht nur Asche von oben. Unter den Seglern werden die diversen Entscheidungen zur Protestflut nach Etappe eins heftig diskutiert

Mini Transat EuroChef 2021 / Vincent Olivaud Es brodelt auf der kanarischen Vulkaninsel La Palma: Während der Vulkan Cumbre Vieja weiter Asche und Lava spuckt, die sich der Gemeinde La Laguna nähern, "regnete" es für die Miniisten im Etappenhafen Santa Cruz de La Palma nicht nur Asche von oben. Unter den Seglern werden die diversen Entscheidungen zur Protestflut nach Etappe eins heftig diskutiert

Der Cumbre Vieja hat seit seinem ersten Ausbruch am 19. September inzwischen fast 2000 Gebäude auf der nordwestlichsten Kanareninsel La Palma zerstört und gefährdet aktuell die bereits evakuierte Gemeinda La Laguna. Die Vulkanasche hat auch die Miniisten schon getroffen, die sich im Hafen von Santa Cruz de La Palma auf ihre zweite Etappe vorbereiten. "Einen Zentimeter dick war die Schicht auf den Booten", weiß der österreichische Etappen-Zweite Christian Kargl zu berichten. Während der Cumbre Vieja (dt.: Alter Gipfel) auch mehr als einen Monat nach seinem ersten Ausbruch seit 50 Jahren noch keine Ruhe gibt, bleibt die Stimmung in der Flotte der Mini-Segler ebenfalls aufgeheizt. Wozu die am Mittwoch bekanntgegebenen Protestentscheidungen von Jury und Veranstaltern beitrugen – schon, weil sie nicht übereinstimmten und daher für weitere heftige Diskussionen in der Flotte sorgen, in denen das Wort "Farce" nun immer öfter auftaucht.

Mini Transat EuroChef 2021 / Vincent Olivaud Der Cumbre Vieja spuckt Lava

Weil es während der ersten Etappe verschiedene Durchsagen und Empfehlungen der Wettfahrtleitung zu einem bevorstehenden Sturm an die Teilnehmer gegeben hatte, hatten einige Starter die Etappe fortgesetzt, während die meisten einen Schutzhafen anliefen. Einen offiziellen Abbruch der Etappe aber gab es nicht. Die Ansagen der Wettfahrtleitung hatten die Teilnehmer ganz unterschiedlich zwischen Ersuchen und Rat eingeordnet. Das längst enteilte Proto-Führungsquartett und auch der spätere Serienboot-Etappensieger Melwin Fink sowie der Österreicher Christian Kargl und der Brite Piers Copham waren weitergesegelt. Letzterer, weil er das Risiko des Einlaufens in einen Schutzhafen als zu hoch bewertet hatte. Fink und Kargl dagegen hatten zunächst ihr weitmöglichstes Fortkommen nach Süden und das Anlaufen eines Schutzhafens in Portugal geplant. Auf Kurs dahin hatten neue, weniger dramatische Windprognosen die beiden Segler in Absprache miteinander dazu bewogen, das Rennen fortzusetzen und keinen Schutzhafen anzulaufen. Sie hielten die Bedingungen für segelbar und hatten zu dem Zeitpunkt auch keinen Überblick darüber, dass die gesamte Flotte in Schutzhäfen ausharrte. "All Hands On Deck"-Skipper Christian Kargl musste mit leeren Batterien später doch noch für 15 Stunden in einem Hafen. Nicht so Melwin Fink, der die Etappe mit seiner hervorragend vorbereiteten "SignForCom" trotz zweier heftiger Fronten ohne nennenswerte Schäden souverän meisterte und gewann.

Mini Transat EuroChef 2021 / Alexis Courcoux Etappensieger auf dem Wasser: Melwin Fink auf seiner "SignForCom"

Aus dem ungewöhnlichen Etappenverlauf heraus ergab sich eine Protestflut der Konkurrenz, die sich aufgrund der eingelegten "Schutz-Stopps" benachteiligt sah und Wiedergutmachung forderte. Die Entscheidungen über die Proteste fällte zunächst die Jury. Zu den Protestentscheidungen der Jury geht es hier (bitte anklicken!) . Danach sollten von 19 Protestierenden bei einem zurückgezogenen Protest 18 eine Wiedergutmachung in Höhe von ihrer gesegelten Zeit minus 24 Stunden erhalten. Von den deutschen Teilnehmern ist Lennart Burke unter jenen auf der namentlichen Liste, die davon profitieren würden. Im Verlauf des Mittwochs veröffentlichten dann die Veranstalter einen Pressebericht mit inhaltlich anderen Entscheidungen, als die Jury sie festgelegt hatte. In dem Pressebericht werden die Ansagen der Wettfahrtleitung an die Teilnehmer vor dem Sturm als "inadäquat" und "nicht klar verständlich" beschrieben. Zudem heißt es in der Pressemitteilung auf der Homepage des Mini-Transat, alle 80 involvierten Skipper und Skipperinnen außer den Top-Vier der Protowertung und außer Melwin Fink ("SignForCom"), Christian Kargl ("All Hands On Deck") und Piers Copham ("Voiles des Anges") würden eine 24-Stunden-Gutschrift erhalten. Damit würde Melwin Fink zwar das Serienboot-Klassement immer noch anführen, hätte aber statt der ersegelten 26 Stunden nur noch knappe zwei Stunden Vorsprung vor dem auf Platz zwei vorgerückten Franzosen Hugo Dhallenne ("YC Saint Lunaire"). Christian Kargl würde entsprechend der Pressemitteilung der Veranstalter auf Platz drei zurückfallen.

Mini Transat EuroChef 2021 / Alexis Courcoux Christian Kargl auf dem Weg ins Etappenziel, das der Österreicher als Zweiter erreichte

Mit den widersprüchlichen Veröffentlichungen von Jury und Veranstaltern blieb bei den Teilnehmern zunächst die Ungewissheit, die sich zunehmend mit Unmut paart. Das Trio Fink, Copham und Kargl tauscht sich über die Sachstände aus, will aber zunächst noch abwarten, wie sich die Lage final klärt. Auch ein Protest der drei durch die Entscheidung hart getroffenen Segler ist im Gespräch. Doch noch ist unklar, gegen welche Entscheidung sie überhaupt protestieren würden. "Das Ganze ist ein bisschen verzerrend", sagt Christian Kargl, "es brodelt halt und die Stimmung ist insgesamt nicht gut. Für Melwin wäre die Höhe der Wiedergutmachung für die anderen sicher zu viel und nicht ganz fair. Diese Art der Bestrafung wäre auch für Piers Copham (Red.: der Brite liegt nach gesegelter Zeit auf Platz zwölf bei den Protos) nicht fair, nur weil er sich gegen das Risiko entschieden hat, in schwerem Wetter einen Hafen anzulaufen. Er würde dafür bestraft werden, dass er kein Risiko eingehen wollte. Wir denken gemeinsam über einen Protest nach, wollen aber noch sehen, was nun wirklich gelten soll. Wir warten auf eine finale offizielle Entscheidung in verlässlicher Papierform."

Melwin Fink reagierte zunächst gelassen und besonnen auf das Protest-Entscheidungschaos. Der erst 19 Jahre alte Etappensieger sagte: "Aktuell ergibt vieles keinen Sinn, aber wir sind im Gespräch und beobachten die Entwicklung. Sicher wären die Protokolle der Jury-Sitzung interessant zu lesen…" Auch die Restsorge vor einer kompletten Annulierung der Ergebnisse der ersten Etappe ist noch nicht vom Tisch. "Das Risiko bleibt", sagt Kargl. Er hat einen Vorschlag, wie sich die Kommunikationsprobleme in der Miniflotte in Zukunft besser in den Griff bekommen ließen: "Die Wettfahrtleitung könnte ihre Entscheidungen über die Tracker schicken. Das funktioniert wie SMS-Nachrichten. Das wäre klarer und verbindlicher als Aussagen von Begleibooten, die man hört und versteht – oder eben auch nicht." Bleibt zu hoffen, dass sich die Fronten bis zum Start zur zweiten Etappe am 29. Oktober klären.


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Themen: Mini-Transat

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