Seite 1: Rolex Fastnet Race
Das große Abenteuer: Wann, wenn nicht jetzt?

Eine Fahrtenseglercrew älteren Semesters beschließt, einfach mal das Fastnet zu segeln – kann das gut gehen?

  • Lars Bolle
 • Publiziert am 22.07.2021
Skipper Lahmann und Crew bei der Qualifikationsregatta Skipper Lahmann und Crew bei der Qualifikationsregatta Skipper Lahmann und Crew bei der Qualifikationsregatta

Lahmann Skipper Lahmann und Crew bei der Qualifikationsregatta

Der Rechtsanwalt Dirk Lahmann will mit seiner Crew beim diesjährigen Fastnet Race mitsegeln – ohne tiefergehende Hochseeerfahrung. Das Boot: Der IOR-2-Tonner „Snifix Dry“, konstruiert von Doug Peterson und 1978 in Alu bei A&R gebaut. 2011 haben Lahmann und seine Frau das Boot übernommen. 2019 ist daraus das Projekt entstanden, einmal um den Fastnet Rock zu racen – nicht aus Ehrgeiz in Sachen Regattasilber, sondern weil Lahmann und seine Crew fanden, dass „dieses herrliche Boot aus der Hochzeit des Admiral’s Cup und der IOR-Ära es einfach verdient hat, einmal den legendären Felsen im Regattamodus zu runden“, so Lahmann.

Doch schon die Vorbereitung erwies sich als immense Herausforderung, vor allem wegen der Corona-Restriktionen, und ist eine sehr lesenswerte Erfahrung für all jene, die auch mit dem Gedanken einer Teilnahme spielen. Und mit dem Ehrgeiz ist das ja immer so eine Sache. Aber lesen Sie selbst, Lahmann hat seine Erlebnisse in der Vorbereitung hier aufgeschrieben. Über das Rennen selbst wird er in der YACHT berichten. Ach ja: Das Fastnet Race startet am 8. August, die Reise der „Snifix“ kann über den Race-Tracker verfolgt werden.

Von Dirk Lahmann:

privat Autor Dirk Lahmann

Da liegen sie jetzt auf dem Salontisch, sechs verschlossene Umschläge mit unseren Tipps für unsere Platzierung – ausgerechnet beim Fastnet! Die Beteiligten sind in diesem Falle fünf Herren knapp oder etwas mehr jenseits der 60 und der Bruder des Autors als Benjamin mit 57. Und wir haben keine Regattaerfahrung. Und unser Schiff ist nur wenig jünger – hat aber immerhin etwas Regattahistorie. Natürlich waren die ersten Reaktionen „jetzt spinnt er“, als wir dieses Vorhaben 2019 aufgegleist haben, noch nie Hochseeregatta gesegelt, aber gleich mal eben zum Fastnet. Und die Antwort darauf: Genau, es ist verrückt, aber deshalb machen wir das ja! Spinnert vielleicht, aber keineswegs naiv oder verantwortungslos. Spleeniges Vorhaben hin oder her, die Sache wird nautisch, technisch und mental ernsthaft von langer Hand geplant und vorbereitet. Und wir machen es ja nur um des Projektes willen, einmal Mythos Fastnet Rock, ganz ohne Ehrgeiz.

Als am schwierigsten (nämlich gar nicht) beherrschbar erweisen sich dabei auch für dieses „Once-in-a-lifetime-Vorhaben“ die Covid-19-Auswirkungen. Und so ahnen wir noch gar nicht, welchen Dusel wir haben, als wir am zweiten Märzwochenende 2020 das obligatorische World Sailing Offshore-Training in Elsfleth absolvieren, denn keine Woche später ist Deutschland bekanntlich dicht – Lockdown. Unter diesen Bedingungen ein Seminar mit mehreren (!) Menschen (!!) in einem Raum (!!!) für mehrere Stunden zu veranstalten und dabei dann auch noch mehrere Stunden zusammen im hohe See simulierenden Wellenbad zu planschen, sich dabei als Schiffbrüchige eng umschlungen zur „Raupe“ zusammenzuschließen, prustend und im Seegang Wasser spuckend, wie auch nach erfolgreicher Enterung der Rettungsinsel auf engem Raum ungefiltert Aerosole en masse ausstoßend – für lange Zeit nach unserem Kurs völlig undenkbar. Dabei hätten wir es schon zum Rund Skagen 2020 gebraucht, das als erste ernsthafte Trainingseinheit und Qualifikationsregatta gedacht war. Aber denkste: Musste bekanntlich nach mühevollen wiederholten Anläufen der Regattaleitung, die Nordseewoche 2020 irgendwie doch an den Start zu bringen, schließlich frustriert abgesagt werden.

Wir hatten aber keine Lust, uns davon frustrieren zu lassen, und so sind Navigator Willie und ich im coronamäßig zulässigen Double-handed-Modus trotzig am Pfingstmontag 2020 von Cuxhaven aus zu unserem ganz privaten 550 Seemeilen langen Rund Skagen aufgebrochen. Dazu muss man wissen, dass unsere „Snifix dry” maximal ungeeignet fürs Shorthanded-Segeln ist: Große, schwere, nicht rollbare Vorsegel (Topprigg mit „Frontantrieb“), separates Steuercockpit, sämtliche Winschen (mit Ausnahme der Spinnakerwinschen, toll, die brauchen wir ja nun zu zweit am wenigsten) wie auch alle Fallen und Strecker sowie die Großschot außer Reichweite des Steuermanns.

Die Reise gelingt dennoch prächtig und macht Lust auf mehr, Nord- und Ostsee zeigen sich in der Woche nach Pfingsten 2020 rollenvertauscht, die Nordsee friedlich, vor Blavandshuk mussten wir mit Strom gegenan bei Flaute sogar stundenlang ankern, um nicht heimgetrieben zu werden, östlich Jütlands gab es dafür – passenderweise besonders nächtens – ordentlich zu tun mit viel Druck in der Luft, Schauern und schlechter Sicht, besonders bei der engen Passage westlich Læsøs, und der Wind drehte dabei mit nach rechts – alles von vorn. Die Ankunft nach fünfeinhalb Tagen in Laboe empfahl uns daher auch nicht fürs Blaue Band Cuxhaven-Kiel, der Erfahrungsgewinn war aber beachtlich (das nächste Mal fahren wir gewiss dichter unter der Ostküste Langelands) und die Erschöpfung und Freude bei Willie und mir bei der Ankunft groß.

Überhaupt: Willie, über ihn muss ich paar Worte mehr verlieren. Willie stammt aus dem Fränkischen, lebt im Taunus, und eigentlich ist er gar kein Segler – eigentlich ist er Segelflieger. Natürlich kann er segeln, hat es schon in den 80ern in der Bretagne gelernt, seither aber nicht mehr so richtig viel Praxis. Wir kennen uns, seit wir während des Studiums ein Jahr auf demselben Flur eines unscheinbaren Mehrfamilienhauses nahe Würzburgs gewohnt haben. Und 1992 gehörte Willie zur Crew beim meinem ersten Karibik-Chartertörn. Seither wies sein Logbuch jedoch viele weiße Seiten auf. Aber er liebt die Bretagne, England und die Engländer, er bereitet das beste roasted porridge nach der Nachtwache zu, kennt, findet und studiert Bücher und alle anderen Quellen, auf die sonst keiner kommt, in englisch und französisch, besonders über alles was mit Yachten und Seefahrt zu tun hat. Er hat so etwas noch nie gemacht – aber als Navigator für unser Vorhaben war er klar die erste Wahl! Auf seinem Tablet laufen schon seit 18 Monaten Gribfiles, die er irgendwo mühsam runterlädt, und er hat schon zu Beginn letzten Jahres ein „Roadbook“ für unser Fastnet angelegt, das er seither laufend ergänzt und verdichtet mit allem, was über den Parcours, die Küsten, Untiefen, Strömungen, Races und Overfalls in Erfahrung zu bringen ist.

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