18 Jahre in einem Boot. Allein das macht dem 505er-Team aus Düsseldorf so schnell niemand nach. Jan-Philipp Hofmann und Felix Brockerhoff sind gemeinsam aufgewachsen und waren bereits Freunde zu Opti-Zeiten. Dann Studium, Beruf, Kinder. Alles Garanten dafür, dass sich ein Team irgendwann aus Zeitgründen trennt und der Segelsport in den Hintergrund rückt. Doch für die beiden frisch gebackenen Weltmeister bleiben der Segelsport und speziell die Liebe zum 505er eine Konstante in ihrem Leben. Ist das schon das Geheimnis, das nun zum Titel geführt hat? Oder waren es die Warnungen ihrer Mütter? Wir haben Felix zuhause gratuliert und befragt, Jan-Philipp war per Handy zugeschaltet.
Felix: Eigentlich nichts. Wir waren nicht besser vorbereitet als 2024 und haben nichts am Boot revolutioniert. Aber dieses Mal haben wir fünf Tage lang kaum Fehler gemacht. Was vielleicht daran lag, dass wir vorher jedes Rennen exakt durchgesprochen und das dann konsequent durchgezogen haben.
Jan-Philipp: Unser Bestes gegeben haben wir immer schon. Aber dieses Jahr waren wir noch etwas fokussierter und haben weniger liegen lassen, würde ich sagen.
Felix: Ich glaube, wir haben auf einer Heimfahrt noch nie so lange schweigend nebeneinander gesessen. Und wir sitzen viel nebeneinander: im Boot, im Auto oder an der Bar. Zu erzählen gibt’s sonst immer etwas. Aber hier mussten wir beide erst verdauen. Ich weiß nicht mehr, wer zuerst angefangen hat zu reden, im Zweifel ich (lacht). Dann haben wir die Regatta analysiert und uns war klar: Das soll uns nicht nochmal passieren.
J-P: Es war einfach schwer: Wir hatten es selbst in der Hand, waren zwischenzeitlich das beste Team und dann fahren wir so knapp mit der Silbermedaille nach Hause. Allerdings war die Regatta auf fünf Tage angesetzt und wir sind wetterbedingt nur an zwei Tagen gesegelt. Rückblickend hätten wir risikoreicher segeln sollen, dann hätten wir mit unserer Erfahrung die paar Punkte noch rausquetschen können. Das hat mich besonders geärgert.
Felix (lacht): Nein. Wir würden gerne mehr zusammen segeln, aber das echte Leben gibt die Zeit nicht immer her. Ich bin im Frühjahr Vater geworden, Jan-Philipp bekommt nächste Woche sein zweites Kind. Wir haben beide Jobs, die uns echt fordern. Ich würde sagen, außerhalb der Regatten kommen wir so auf 20 gemeinsame Segeltage im Jahr.
J-P: Wir sitzen schon so lange in einem Boot und verstehen uns blind, da passt wirklich jeder Handgriff. Wo andere noch gute Abstimmung trainieren, müssen wir uns „nur“ daran erinnern. Ein großer Faktor ist auch das Material. Wir arbeiten nach dem Prinzip „keep it simple“ und fahren seit jeher die gleichen Segel. Umbauten überlegen wir uns vorher gründlich und lassen sie dann meistens sein.
Felix: Freundschaft. Wir sind schon als Sechsjährige im Opti auf Augenhöhe gegeneinander gesegelt und haben uns keinen Meter geschenkt. Natürlich wollte auch ich Steuermann bleiben. Aber dann wurde ich mit 1,95 Metern einfach zu groß und zu schwer. Als wir uns 2008 im 420er schließlich zusammentaten, waren die Positionen klar verteilt: Jan-Philipp am Ruder, ich im Trapez. Ich weiß noch, dass unsere Mütter damals meinten: „Aber die Freundschaft darf darunter nie leiden!“
J-P: Joa, es gab durchaus Momente, in welchen wir intensiv diskutiert haben. Aber es sind seglerische Auseinandersetzungen, weil wir beide großen sportlichen Ehrgeiz haben. An Land ist dann alles wieder gut.
Felix: Ich würde sagen, das Geheimnis ist, dass wir uns nicht nur lange und gut kennen, sondern uns auch perfekt ergänzen: Jan-Philipp ist eher der nüchterne Typ und ich der emotionale.
Felix: Betriebsgeheimnis. Auseinandersetzungen beginnen und enden auf dem Wasser. Das mussten wir als Jugendliche noch lernen, haben es jetzt aber gut im Griff.
Felix: Wir hatten ein paar intensive Saisons im 420er und im 470er. Aber es war bald klar, dass wir mit meinem Gewicht keine Chance auf Olympia haben. Jan-Philipp ist dann noch mit anderen Vorschotern 470er gesegelt. Aber parallel dazu haben wir unsere Liebe zum 505er entdeckt. Mich fasziniert die Geschwindigkeit und die Agilität des Bootes.
Jan-Philipp: Vor allem ist der 505er ein Boot, bei dem du endlich all das einstellen kannst, was du beim 470er während der Wettfahrt gerne verstellen würdest. Und dabei ist der 505er auch noch deutlich schneller! Mit seinem Carbonrumpf und größerer Segelfläche entwickelt er deutlich mehr Druck und die dafür nötige Gewichtsverteilung kommt dem mitteleuropäischen Mann einfach mehr entgegen.
Felix: Stell dir mehr als 25 Knoten Wind vor. Du segelst Vorwind mit Spinnaker. Ich stehe ganz unten. J-P reitet aus. Das Gewicht ist ins letzte Drittel des Schiffs verlagert. Der Bug kommt bis zum Schwert aus dem Wasser. Ich brülle dann immer: „Hast du das noch im Griff?“ Wenn dann nichts oder kein eindeutiges „Ja, alles gut“ zurückkommt, dann weiß ich: Wir sind genau da, wo wir sein wollen. Das ist echt ein wilder Ritt, dieses fast Unkontrollierte, immer kurz davor, dass es dich zerlegt. Aber genau da liegt der Punkt, an dem sich das Boot im Optimum bewegt. Das macht den 505er aus.
Felix: Im Prinzip wussten wir es, als wir nach Tag drei den Wetterbericht für die nächsten Tage gesehen haben. Da lagen wir schon auf Platz eins und der angekündigte Wind sollte uns eher noch mehr entgegenkommen.
J-P: Ich habe erst am letzten Tag auf dem Wasser daran geglaubt. Als ich den Wind gesehen habe, wusste ich, dass wir nur noch zwei von vier Rennen sauber abliefern müssen.
Felix: Ich habe gar nicht auf die Liste geschaut. Wir wollten einfach von Rennen zu Rennen die beste Leistung liefern. Die Gegner, auf die wir aufpassen müssen, haben wir auf dem Wasser im Visier.
Felix: Ich würde sagen, das war noch im Rennen. Wir haben den letzten Lauf mit eindeutigem Vorsprung gewonnen. Da fiel der Satz an der letzten Luvtonne: „Der Fisch ist geputzt!“ Ein Satz, den wir uns von Ralf Schumacher geborgt haben und den wir uns sonst bis kurz vor der Ziellinie aufheben.
J-P: Aber nach dem Rennen haben wir uns abgeklatscht und lagen uns in den Armen. Nach all den Jahren, die wir nun schon einem internationalen Titel hinterherjagen, war es so eine Befreiung.
Felix: Die Flotte ist groß und wir stellen in der Regel die meisten Starter. Auch wenn wir in anderen Ländern, wie Polen und Schweden, wachsende Felder sehen, hat sich die deutsche Flotte in den letzten fünf Jahren stabilisiert. Tatsächlich schaffen wir es, immer mehr junge Teams für unsere Klasse zu begeistern. Beim Niveau sehen wir, dass die Engländer, aber insbesondere die Amerikaner deutlich mehr Wassertage sammeln als wir. Im internationalen Vergleich liegen wir als Flotte nach den USA und Großbritannien auf Platz drei, würde ich sagen.
Felix: Die Antwort ist simpel: mehr segeln, und zwar gemeinsam. Die Teams, die zuletzt einen Sprung gemacht haben, auch in Deutschland, sind genau die, die viele Wassertage sammeln. International treten wir gegen Segelprofis oder ehemalige Segelprofis an. Das holst du nicht mit Theorie auf.
J-P: Im DYC haben wir einen sehr aktiven Kader in der Segelbundesliga. Damit schaffen wir es, dass die meisten dieser Segler auch bei Klassenregatten oder in anderen Segelprojekten aktiv sind und können die Einstiegsschwelle in den 505ern relativ niedrig halten. In der Gemeinschaft lassen sich auch Logistik und Anreise zu den Regatten deutlich einfacher und günstiger handeln. Aber vor allem sind so die Abendveranstaltungen viel lustiger.
Felix: Zuhause waren natürlich alle aus dem Häuschen. Es hat Glückwünsche und Anrufe gehagelt. Die große Feier wird es dann im November geben. Traditionell treffen wir uns da jedes Jahr zu einer zwischenfamiliären Feier und diesmal haben wir noch einen guten Grund anzustoßen. Ohne unsere Familien wäre Segeln für uns als Sport niemals möglich gewesen. Sie sind ein essenzieller Teil davon.
J-P: Auch der Verein hat uns direkt nach der WM einen großartigen Empfang mit Laudatio bereitet. Alle waren da: unsere Förderer aus Jugendzeiten, Eltern, unsere eigenen Familien und sämtliche Vereinsmitglieder. Das war ein sehr gelungener Abschluss der Feierlichkeiten.
Regattasegeln: Strategie und Taktik vermittelt Grundlagen und Praxis zu Vorbereitung, Strategie, Taktik, Wettfahrt und anschließender Analyse. Der Titel passt zu den Aussagen der Weltmeister über konsequente Vorbereitung, klare Abläufe und die Auswertung vergangener Rennen.
Regatten gewinnen auf Jollen und Yachten: Technik, Taktik, Trimmen behandelt den Zusammenhang von Material, Segeltrimm, Wind, Taktik und Psychologie. Damit ergänzt das Buch das Interview um die technischen und taktischen Grundlagen, die im 505er bei hohem Tempo zusammenwirken.
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