MeinungWenn die Segelyacht zur schwimmenden Gartenlaube wird

YACHT-Redaktion

 · 26.07.2025

Meinung: Wenn die Segelyacht zur schwimmenden Gartenlaube wird
YACHT-Woche – Der Rückblick
yacht/bullseye-yacht-woche-fabian_4839f0bb1104e26f805e530d4d94ddfe

Liebe Leserinnen und Leser,

Es sind Sommerferien, Zeit für die wichtigen Dinge im Leben – wie das Segeln. Endlich! Es wird höchste Zeit, denke ich, denn der Sommer ist wie im Rausch an mir vorbeigezogen. So schnell, dass eine Frage auftauchte, die sich sonst erst im Spätsommer meldet: „Bin ich dieses Jahr oft genug aufs Wasser gekommen?"

Normalerweise verdränge ich diese Frage mit Sätzen wie „Nicht so negativ denken" oder „Das ist nicht wichtig". Doch diesmal ist es anders, denn sie begleitet eine These, der ich in letzter Zeit immer wieder begegnet bin: Segler verbringen zwar viel Zeit an Bord, aber immer weniger Zeit auf dem Wasser; die Segelyacht wird zunehmend zur schwimmenden Gartenlaube.

Erst kürzlich kam dieses Thema im Gespräch mit dem Tankwart einer Yachttankstelle auf, den ich für eine Reportage begleitete. Während der Saison hat er von seinem Kassenhäuschen aus die voll belegten Steg-Reihen bestens im Blick. Er erzählte mir, dass einige Boote im Hafen kaum bewegt würden, vielleicht nur zum Kranen am Anfang und Ende der Saison. Den Rest des Jahres könnte er zusehen, wie das GFK verwittert. Auch bei Standard-Manövern der Fahrtensegler, wie dem An- und Ablegen, hätten mehr Skipper Schwierigkeiten, was er auf fehlende Praxis zurückführt.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Klar, das sind Einzelfälle, und keine Sorge, meine kleine Mid-Season-Crisis ist nicht so drastisch. Doch das Gespräch machte mich neugierig.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Wenn man nach Zahlen sucht, ob Segler wirklich seltener aufs Wasser kommen, ist die Ausbeute recht dürftig. Das Problem: Die Studien sind entweder regional begrenzt oder veraltet. Trotzdem bieten sie eine gewisse Orientierung.

Eine Erhebung von 2010 für Berlin-Brandenburg zeigt, dass dort Boote im Durchschnitt 20,9 Tage im Jahr im Einsatz sind. Bei einer Saison von Mai bis September ist das fast jedes Wochenende. Ähnliche Ergebnisse liefert die Forschungsvereinigung für die Sport- und Freizeitschifffahrt. Demnach werden private Sportboote zwischen 10 und 20 Tage im Jahr genutzt.

Gar nicht so schlecht, denke ich. Doch was bedeutet „genutzt"? Bezieht es sich auf die Jagd nach Seemeilen oder den regelmäßigen Sundowner an Bord? Das geht aus den Umfragen nicht hervor. Dass Letzteres heute populärer zu sein scheint, lässt sich am Bootsmarkt beobachten.

Beim Durchstöbern der Werft-Webseiten auf der Suche nach aktuellen Bootsmodellen entdeckt man zahlreiche Sundowner-Stimmungen in extrabreiten Cockpits, gepolsterten Sonnendecks, auf denen ganze Familien nebeneinander entspannen können, oder über elektrisch ausfahrbare Badeplattformen planschen gehen.

Früher, als ich noch im Kindesalter alte YACHT-Hefte durchblätterte, wirkten die Werbeanzeigen anders: Crews in robustem Ölzeug navigierten mit gerefften Segeln durch stürmische Gewässer. Die Botschaft war klar: Dieses Boot trotzt jedem Wetter. Heute stehen Komfort und Lifestyle im Vordergrund. Das zeigte sich auch bei der Bootsmesse in Düsseldorf im Januar, wo mir die vielen voluminösen, fast bulligen Rumpfformen auffielen.

Sicherlich sind Boote wie die Oceanis 40.1 oder Bavaria C42 unter Deck wahre Raumwunder. Doch schon Anfang des Jahres stellte ich mir die Frage: Segeln sie auch gut? Meine Kollegen aus der Test- und Technik-Redaktion wissen dazu mehr, denn sie haben viele der Boote bereits zur Probe gesegelt – und kommen, wie ich finde, zu überraschenden Ergebnissen. Kleiner Spoiler: Sie sind offenbar besser, als ich es erwartet habe.

Doch was bedeuten diese Eindrücke, Daten und Trends? Ich fragte mich: Kann man den Wert und die Bedeutung eines Bootes wirklich daran messen, wie oft es bewegt wird?

Ich glaube nicht, denn die Faszination des Segelns geht weit über die im Logbuch festgehaltenen Seemeilen hinaus. Das wurde mir klar, je mehr ich mich damit befasste. Letztlich sind es die Träumereien, die schon während des Winterlagers aufkeimen, die Verheißungen auf laue Sommernächte im Cockpit. Es sind die Mittagsschläfchen auf Deck und die Regentage, an denen man mit Kaffee und Kuchen unter der Persenning Schutz findet.

Für einige ist das Boot ein Treffpunkt, um mit Freunden oder Stegnachbarn in Kontakt zu bleiben – sei es aus Altersgründen oder weil der Partner die Fahrt aus dem Hafen scheut. Manch einer nutzt das Boot als schwimmendes Büro oder als Rückzugsort vor der Verwandtschaft.

Und bei all diesen Dingen spielt es letztlich keine Rolle, ob man sich fernab des Heimathafens oder in der eigenen Box befindet. Die Ansprüche, die jeder an sein Boot stellt, sind höchst individuell – und das ist gut so.

Für mich heißt es, beim ersten Schritt an Bord die Welt jenseits der Reling hinter mir zu lassen. Und wenn dann noch Zeit zum Segeln bleibt, was könnte schöner sein? In diesem Sinne: Genießen Sie den Segelsommer und gönnen Sie sich eine Auszeit.

Fabian Boerger

YACHT-Redakteur


Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Neue Podcast-Folge

Worauf sollten Segler bei Yacht-Versicherungen achten?

yacht/podcast-artikel-teaserbild-seekrankheit_fd33345105150f0cfa6ea0d13388ed92

In der 58. Folge von YACHT – der Segelpodcast sprechen Host Timm Kruse und Pantaenius-Experte Dirk Ammann über Fallstricke kuriose Schadensfälle.


Sportbootführerschein

Bundesverkehrsministerium verkündet Ende der Beleihungspraxis

yacht/44855_7ac4c93146829d68e5265acb45730c49

das Bundesverkehrsministerium gab bekannt, dass die neue Sportbootverordnung Mitte des Jahres in Kraft treten soll. Es bleibt bei dem Vorhaben, die amtlichen Sportbootführerscheine durch sogenannte Verbandsscheine zu ersetzen.


Trident 810

Royal Huisman baut 81-Meter-Schoner ohne Eigner

yacht/timmckenna301-5248_4ab0415a4a22b5736d52572b2de2265e

Royal Huisman startete den Bau des “Sea Eagle”-Schwesterschiffes ohne Eigner. Potentielle Kunden profitieren dadurch von einer deutlich kürzeren Bauzeit und könnten den 81 Meter-Schoner schon 2028 entgegennehmen.


Saffier SL 38

Die Neue für die Mitte dazwischen

yacht/190-total-v28-3-fore-water-light-blue-sprayhood_af96455272cfe5a7fe08ac8674707450

Saffier Yachts in Holland kündigt auf der Messe in Düsseldorf schon wieder ein neues Modell an. Die SL 38 präsentiert sich als kleinere Ausführung vom Flaggschiff SL 46.


Vendée Globe

Neue Malizia-Dokuserie – ”Wir wollen wirklich gewinnen!”

yacht/born-to-race-playlist-thumbnail-with-baseline_a197f17bcf8e2896639929e75e723819

Boris Herrmanns Team Malizia startet mit einer neuen Dokuserie ins Jahr. In "Born to Race" wird der Imoca-Neubau für die Vendée Globe intensiv beleuchtet.


Lebenstraum erfüllt

Über den Atlantik von West nach Ost auf alter Hanseat 70

yacht/100183785_03438558f8dd4ec20405380b9e429f5e

Zwei Brüder wollen den Atlantik von West nach Ost überqueren. Im ersten Abschnitt der zweiteiligen Reportage geht es von den USA zu den Azoren.


Jules Verne Trophy

Frauen-Crew ohne Groß, aber mit Stolz im Ziel

yacht/618548636-939651208628073-6057356130473917736-n_caed2efa0bd4325d6becf7d8bb4083f5

Am Tag nach dem Sodebo-Triumph bei der Jules Verne Trophy kam The Famous Project CIC ins Ziel. Auch ohne Rekord feiern die Seglerinnen eine Erstleistung.


Untergang der “Bayesian”

456 Millionen-Euro-Klage gegen Eignerin

yacht/532254488_ba1c8b5e6f6e003e5eb0ef81d4890a0f

Die Italian Sea Group, zu der auch die Marke Perini Navi gehört, fordert von Angela Bacares Lynch 456 Millionen Euro Schadensersatz. Der Yachtbauer macht Crew und Betreibergesellschaft für den Untergang der “Bayesian verantwortlich. Das Unternehmen behauptet, seine Verkaufszahlen seien nach der Tragödie kollabiert.


boot 2026

“Kraftvoller Impulsgeber”

yacht/boot26-mk5770_6f603469cef22cc474d94793d53fe805

Die boot hat nach neun Messetagen ihre Tore geschlossen. Ausrichter und Aussteller zeigen sich zufrieden, zumal die boot sogar mehr Besucher zählte als 2025.


Jules Verne Trophy

Historischer Triumph – ”Sodebo” knackt den Rekord

yacht/621429736-18553188085045930-1335309961783052732-n_28dbe2f723bc12eb844a790c1ac17f2b

Die Jules Verne Trophy ist in neuen Händen. Thomas Coville und Team Sodebo Voile haben mit der schnellsten Nonstop-Weltumseglung Geschichte geschrieben.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service