MeinungVerstaubt und elitär? – Zwischen Vereinsmeierei und Insta-Likes

YACHT-Redaktion

 · 07.06.2025

Meinung: Verstaubt und elitär? – Zwischen Vereinsmeierei und Insta-Likes
YACHT-Woche – Der Rückblick
yacht/bullseye-yacht-wochejill_fa147e82357077f38d3ad503aaa85a89

Liebe Leserinnen und Leser,

seit einiger Zeit trudeln bei uns in der Redaktion gehäuft Meldungen von Segelvereinen ein, die ihr 100-jähriges Bestehen feiern. In diesem Jahr unter anderem die Seglervereinigung Brunsbüttel, der Warnemünder Segel-Club und der Segelverein Norderney, um nur ein paar zu nennen. 1924, 1925, 1926 – wer heute in alte Vereinsregister schaut, stößt auf ein regelrechtes Gründungsfieber. Und das hat einen ganz konkreten historischen Hintergrund: Nach dem Ende des ersten Weltkriegs und der Monarchie war die Sehnsucht nach Freiheit, Frieden und Gemeinschaft in Deutschland, wie in vielen anderen Ländern, groß. Außerdem brachte die Weimarer Republik demokratische Aufbrüche – und das Segeln, bis dahin eher elitäres Vergnügen, wurde zugänglicher für das Bürgertum.

Die 1920er waren außerdem eine Zeit des technischen Aufbruchs: kleinere Boote wurden erschwinglicher und einfacher zu bauen. Es entstanden Klassenboote und Jollen, ideal für Ausbildung und Regatten. Man gründete Vereine, baute Stege, traf sich zum An- und Absegeln, zu Regatten und Reparaturwochenenden. Das Vereinsleben wurde zum Rückgrat des deutschen Segelsports.

Über Jahrzehnte war der Segelverein mehr als nur Bootsliegeplatz: Er war Heimat, Handwerksschule und sozialer Mikrokosmos. Hier lernten Jugendliche Knoten und Kameradschaft, Erwachsene tranken Hafenkäffchen und verhandelten über Stegordnung und Steuerbordrecht. In den 1960er- bis 1980er-Jahren boomte das Segeln – mit der Wirtschaft kamen die Boote. Fast jede Familie hatte ein Mitglied, das „irgendwas mit Segeln“ machte. Vereinsregatten waren Volksfeste, Ehrenamt kein Fremdwort.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Und heute? Die Corona-Pandemie wirkte wie ein Katalysator für den Segelsport. Das eigene Boot wurde plötzlich zum privaten Urlaubsparadies, Gebrauchtboote wurden knapp, Ausbildungsplätze gefragt. Dank YouTubern, Instagram-Logbüchern und Weltumseglern wie Boris Herrmann ist der Sport wieder sichtbar, jung, cool. Segeln bedeutet: Natur, Freiheit, Abenteuer – und ja, auch Lifestyle.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Aber das Vereinsleben? Das ist für viele junge Menschen leider alles andere als hip. Mitgliedsanträge? Vorstandssitzungen? Arbeitsstunden am Steg? Das schreckt viele ab. Vor allem die junge Generation Z, der häufig vorgeworfen wird, kaum leistungsbereit zu sein, keine Verbindlichkeiten mehr eingehen zu wollen und sich zu wenig zu engagieren. Viele Vereine klagen über Überalterung und Nachwuchsmangel. Die Jugendabteilungen schrumpfen, das Vereinsboot wird nur noch sporadisch genutzt, und für den nächsten Vorsitzenden meldet sich… niemand. Die „goldene Generation“, die alles aufgebaut hat, wird älter – und manchmal auch ein bisschen müde.

Die Vereinsmüdigkeit in Deutschland ist aber kein ganz neues Phänomen. „Jeder Deutsche in zwei Vereinen: Diese traditionelle Formel gilt nicht mehr.“ schreibt die Stiftung für Zukunftsfragen. Während 1990 noch 62 Prozent der Bundesbürger Mitglied in einem Verein waren, sind es heute nur noch 44 Prozent. Der moderne Freizeitmensch will unabhängig bleiben. Vor allem Großstädter sind vereinsmüde. Vereinsmeierei gilt bei vielen als bieder und provinziell.

Dabei nehmen Segelvereine eine gewisse Sonderstellung in der Vereinslandschaft ein. Im Vergleich zum Kegel- oder Schützenverein haben sie weniger gegen ein verstaubtes Image zu kämpfen als leider häufig noch gegen die elitäre Vorstellung eines Clubs. Und leider ist es ja auch real so, dass Liegeplatzpreise steigen. Das Ehrenamt wird bürokratischer, und viele Familien können sich das Segeln schlicht nicht mehr leisten – oder wissen gar nicht, dass es auch günstig und ohne eigenes Boot möglich ist – eben im Verein.

Die Menschen haben heute viel mehr Freizeit als noch vor 50 Jahren. Doch das Mehr an Freizeit und auch des Angebots führt nur dazu, dass sie sich individueller und spontaner betätigen wollen. Diesen Sommer SUP ausprobieren, im nächsten Kiten und im übernächsten vielleicht mal wieder unter Segeln aufs Wasser – bloß nicht festlegen, das scheint die Devise.

Dabei wäre genau das heute so wertvoll: verbindliches Engagement, unterstützende Gemeinschaft, generationsübergreifender Austausch. All das, was in unserer schnellen, oft einsamen Welt rar geworden ist, findet man noch in Segelvereinen.

100 Jahre – kein Wunder, dass sich da vielleicht in der ein oder anderen Ecke etwas Staub angesammelt hat. Vielleicht sind einige Jubiläumsfeiern Anlass für einen Großputz. Segelvereine müssen sich verändern, ohne sich zu verbiegen. Viele tun dies bereits aktiv. Mit moderner Kommunikation, niedrigschwelligen Mitgliedsmodellen und Schnupperangeboten werden neue Zielgruppen angesprochen. Kooperationen mit Schulen, sozialen Einrichtungen oder Umweltprojekten schaffen für Nachwuchs.

Die Lösung kann aber nicht nur darin liegen, Pflichtstunden abzuschaffen und sporadische Teilhabe, statt verbindlicher Mitgliedschaft anzubieten. Mit einem „Vereinsmeier“ wird abwertend jemand bezeichnet, der sich „zu sehr“ in seinem Verein engagiert. Vielleicht sollte also das Ehrenamt an sich entstaubt werden: mehr Freude am Mitmachen. Projekte statt Posten. Verantwortung teilen, statt auf wenigen Schultern lasten lassen. Die Zukunft der Segelvereine entscheidet sich vor allem durch Menschen, die bereit sind, mehr zu tun als Likes zu verteilen – sondern vielleicht auch mal das Clubhaus zu kehren.

Jill Grigoleit

YACHT-Redakteurin


Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Neue Podcast-Folge

Mit 70 km/h im Eissegler über den Müggelsee – mit YACHT-Redakteur Fabian Boerger

yacht/podcast-artikel-teaserbild-eissegeln-02_f12c99571b72b27c6b8cb575d8b96903

Timm Kruse begrüßt in der 59. Episode von YACHT – der Segelpodcast Redakteur Fabian Boerger, der über den Eissegler auf dem Müggelsee berichtet.


Segeldrohnen

Effiziente Überwachung auf der Ostsee - bald mit Waffen?

yacht/55944_8cb3a4ae223f3d29f3e0204c745c08fa

Bilanz des sechsmonatigen Testeinsatzes von Segeldrohnen auf der Ostsee: Dänische Marine konnte 170.000 Schiffe identifizieren. Bewaffnung als Option?


Knierim Yachtbau

Neue Kleinserie mit Classic-Touch

yacht/bm311_55d1e5c9ff7bf750e0e6c5412c5e43e9

Bei Knierim Yachtbau entsteht derzeit der Prototyp einer BM 31, die den Start für eine Reihe von individuellen Küstenkreuzern darstellt.


Garmin quatix 8 Pro

Smartwatch für Segler, jetzt mit Satelliten-SOS

yacht/garmin-quatix-8-pro-lifestyle-3-c-garmin-deutschland-gmbh_da890873843c0e87c432c93126f0233c

Die quatix 8 Pro von Garmin vereint Smartwatch und Satellitenkommunikation: inReach-Technologie ermöglicht SOS-Notrufe bis 80 Kilometer vor der Küste – ohne Smartphone.


Peter von Seestermühe

Der 90. Geburtstag

yacht/4607806-pvs-segeln-schlei-2021-nkr-0821-pvs-029_79c00d9739f52ea9bd1af4855a4bb980

Seit 1936 ist die stählerne Yawl „Peter von Seestermühe“ auf der Hohen See zu Hause. Eigner Christoph von Reibnitz bereitet die klassische Yacht derzeit auf ihre 90. Segelsaison vor, in der er zum 15. Mal mit der Atlantic Rallye for Cruisers in die Karibik segeln wird.


Müggelsee

Historische Eisyacht segelt erstmals nach Komplett-Restaurierung

yacht/img-0420_c6786d8e8eed1a742c840563c7c6d5e5

Eine Berliner Familie holte die historische Eisyacht „Papagena" zurück aufs Eis. Komplett restauriert segelt der 15-Meter-Schlitten nun über den Müggelsee.


Ostsee

Ostwind sorgt für historisch niedrige Wasserstände - und eine Chance

surf/ostsee-02-presse-iow-pri3997-rprien_5820ba10d6fdcec1b95758f3a888b48e

Lang anhaltender Ostwind sorgt für historisch niedrige Wasserstände in der Ostsee. Wissenschaftler sehen darin gute Chancen für eine Verbesserung der Wasserqualität.


Bodensee

Kurtaxe-Urteil zeigt Signalwirkung - zum Leidwesen der Segler

yacht/M4377271

Kressbronn hat den Rechtsstreit um die Kurtaxe für Bootsfahrer gewonnen. Das ruft andere Gemeinden am Bodensee auf den Plan, die nun auch abkassieren wollen.


Superyacht-Ranking

Die 200 größten Segelyachten der Welt

yacht/koru-teaser_bb1032479f165c636625eb7cc93c22d6

Unser Ranking zeigt die größten Segelyachten, von der 143 Meter langen “Sailing Yacht A” bis zur knapp 50 Meter langen “Thalia”. Wir liefern Daten und Designer, dazu Kurzporträts der Top 100. Zudem verraten wir, welche Yachten zu verkaufen sind – und zu welchem Preis.


Weltumseglung

Pazifik-Rendezvous: “Westwärts-Solo ist mutig!”

yacht/615197272-1726516915336159-2626620574909475531-n_8cc1112e9f006be5041fa6378939410a

Weltumseglung "falschherum": Guirec Soudée umsegelt die Erde von Ost nach West gegen den Wind. Der Abenteuer und Ultim-Skipper jagt einen Rekord von 2004.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service