Liebe Leserinnen und Leser,
selten habe ich Segeln live vor Ort so packend empfunden. Scheinbar zum Greifen nah rasten die aus dem America’s Cup entstandenen F50-Katamarane vor den Zuschauertribünen entlang. Zeitgleich wurde durch Monitore die für den Überblick und bei knappen Crossings so entscheidende Vogelperspektive der Fernsehübertragung geboten. Und das Ganze vor der Freiheitsstatue und der unglaublichen Skyline von New York.
Ich war am vergangenen Wochenende beim SailGP und durfte nicht nur das deutsche Team begleiten und spannende Interviews führen, sondern auch hautnah erleben, wie gut das Konzept der Formel 1 des Segelns tatsächlich aufgeht und warum die noch recht junge Segelliga so erfolgreich ist.
Unter anderem noch aufregender wird das Erlebnis durch den Modus der Wettfahrten. In fünf knackigen Fleetraces von maximal 16 Minuten auf einem kleinen Kurs kann man sich für das Finale der Top 3 qualifizieren. In diesem sind alle zuvor gesammelten Punkte zurückgesetzt: The Winner Takes It All. Das bringt nicht nur Nervenkitzel für Segler und Zuschauer gleichermaßen, sondern führt auch dazu, dass das Team, das im Finale als Erstes über die Ziellinie geht, auch der Eventsieger ist. Bei kaum einem Medalrace im olympischen Bereich ist das der Fall, beim normalen Segeln auf Dreiecksbahnen oder auch in der Segelbundesliga ohnehin nicht. Für Außenstehende ist das mehr als nur verwirrend.
Doch es kommt noch besser: Bei der SailGP-Saisonwertung über die aktuell 13 Events auf der ganzen Welt passiert genau das Gleiche. Ein finales Rennen der drei Erstplatzierten entscheidet über die gesamte Saison – und zwei Millionen US-Dollar Preisgeld, die der Sieger erhält.
Kontrastprogramm dann diese Woche zurück in Deutschland, wo ich in den vergangenen Tagen nicht nur einmal über die Kieler Woche gelaufen bin – gemeint ist nicht das Volksfest, sondern der kleine übrig gebliebene Teil in Schilksee, der sich mit dem Kern des traditionsreichen Events beschäftigt.
Immerhin handelt es sich um die größte Regattawoche der Welt. In einer Liga mit internationalen Mega-Veranstaltungen wie dem SailGP spielt man zwar nicht, der Glanz früherer Tage ist im bunten Treiben aber zweifelsohne auch heute noch zu spüren. Auf die wohl seit den Olympischen Spielen 1972 den ganzen Tag über schrill durchs Hafenvorfeld schallenden Signale, beispielsweise zum Auslaufen, könnte ich dennoch verzichten (ja, es tut jedes Mal aufs Neue weh).
Wenn auch nicht an dieser Stelle, hat sich hier bei der Kieler Woche in den vergangenen Jahren so einiges getan. Die Organisatoren stellen gemeinsam mit Hunderten ehrenamtlichen Helfern Jahr für Jahr eine beeindruckende Veranstaltung auf die Beine.
Zwar erreicht man Rekordzahlen mit bis zu 5.000 Teilnehmern nicht mehr, aber auch die in diesem Jahr gemeldeten 3.000 Segler sind gewaltig. 3,5 Millionen Zuschauer wurden zudem erwartet, besonders an Wochenendtagen war Schilksee bereits am Überlaufen.
Medial ist die Entwicklung der Kieler Woche mindestens ebenso beeindruckend. Einmal mehr stellt man unter anderem ein umfangreiches TV-Programm auf die Beine. Die Rennen einer Klasse werden täglich auf dem eigenen Youtube-Kanal live übertragen. Mit verschiedenen Kamera-Perspektiven auf dem Wasser, Live-Tracking und Datenanalysen sowie Kommentatoren im Studio und Reportern auf dem Wasser wurde dabei nicht gespart. Kooperiert wird zum zweiten Mal in Folge auch mit dem Fernsehsender Sport1, der nicht nur Highlights zeigt, sondern auch täglich eine kurze Live-Übertragung bietet.
So viel Gewicht wie vor zehn Jahren und mehr hat ein KiWo-Sieg dennoch nicht mehr. Und das, obwohl sich der Sport gerade in Deutschland insbesondere durch Boris Herrmann wachsender Popularität erfreut. Immer mehr Kampagnen wie beispielsweise die von Melwin Fink und Lennart Burke oder auch „This Race Is Female“ von Sanni Beucke können ihren Weg nur dank seiner Fußstapfen überhaupt in der aktuellen Form gehen. Sogar High-Performance-Projekte wie das Jugend- und Frauen-America’s-Cup-Team oder das Germany SailGP Team profitieren vom Malizia-Hype.
Zeitgleich scheint das der Tod des klassischen Regattierens auf Dreiecksbahnen zu sein. Schaufelt Boris also einem Teil des Segelns das Grab, während er selbst den Thron erklimmt und stets überschwängliches Lob für seine Arbeit im Sinne des Segelsports einheimst?
Das ist jedenfalls eine mögliche Perspektive. Die andere erkennt man dann, wenn man sich damit beschäftigt, warum Team Malizia und andere Kampagnen im Segelsport so erfolgreich sind. Identifikationsfiguren und Authentizität, Action und Abenteuer, das Spannungsfeld Mensch-Technik-Natur sowie einfach verständliche Rennformate und nicht zuletzt gute Medienarbeit sind die wichtigsten Zutaten des Erfolgsrezepts. Wie viele dieser Faktoren kann das olympische Segeln oder die Kieler Woche vorweisen?
Wer langfristig mit Segeln wirtschaftlich sein möchte, muss es den Zuschauern und damit auch Investoren und Sponsoren zugänglich machen. SailGP geht hier in nahezu allen Gesichtspunkten voran und kann Vorbild für alle Regatten sein.
Mit neuen modernen Klassen wie den Wing-Foilern (Training/Demo-Event) und dem Versuch, wieder World-Cup-Status zu erlangen, der TV-Aufbereitung und dem vielfältigen Rahmenprogramm ist man bereits auf einem guten Weg. Spätestens hier stellt sich allerdings auch die Frage, ob man diesen mit der Kieler Woche überhaupt gehen möchte.
Denn weder mit der Anzahl der Top-Stars noch bei der Kulisse und den unglaublich spektakulären Rennen wird man realistisch mit Events wie dem SailGP mithalten können. Auch die Offenheit von Verbänden, Veranstaltern und Seglern für neue Konzepte und Rennmodi scheint noch nicht unendlich vorhanden zu sein. Könnte also möglicherweise allein die Durchführung eines Events mit besonderem Flair das oberste Ziel sein?
Für mich und zahlreiche Segler der verschiedensten Klassen auf unterschiedlichstem Niveau lieferte die Sailing City auch in diesem Jahr genau das. Auch wenn foilende Olympia- und America’s-Cup-Veteranen längst im größeren Rampenlicht stehen, bleibt die Kieler Woche ein Herzstück des Segelsports, das es dringend zu erhalten und zu feiern gilt.
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