Kieler Woche: Wenn aus Freunden Gegner werden

Tatjana Pokorny

 · 22.06.2015

Kieler Woche: Wenn aus Freunden Gegner werdenFoto: Pedro Martinez

Vor Kiel zeigt sich in einigen olympischen Feldern, was der Beginn der nationalen Olympia-Ausscheidung bringen wird: Duelle unter Freunden

  Bislang Favoriten für den Kampf um die Olympiafahrkarte: Erik Heil und Thomas Plößel. Doch die Freunde und Sparringspartner rückten zuletzt immer näher und segeln bei der Kieler Woche sogar voraus: Justus Schmidt und Max BöhmeFoto: Kieler Woche/okpress
Bislang Favoriten für den Kampf um die Olympiafahrkarte: Erik Heil und Thomas Plößel. Doch die Freunde und Sparringspartner rückten zuletzt immer näher und segeln bei der Kieler Woche sogar voraus: Justus Schmidt und Max Böhme

In den Klassen 49er und 49er FX war in der Strander Bucht schon zu beobachten, was die im Anschluss an die Kieler Woche beginnende Olympiaqualifikation bringen wird: Duelle unter Freunden. In beiden Disziplinen bilden jeweils mehrere deutsche Crews sehr effektive Trainingsgemeinschaften. Die Seglerinnen und Segler sind untereinander befreundet und treiben sich auf dem Wasser gegenseitig zu Höchstleistungen an. Im Ausland werden die deutschen 49er- und 49er-FX-Crews darum beneidet.

  Kommen rechtzeitig zum Beginn der Olympiaqualifikation immer besser in Fahrt: Justus Schmidt und Max BöhmeFoto: Pedro Martinez
Kommen rechtzeitig zum Beginn der Olympiaqualifikation immer besser in Fahrt: Justus Schmidt und Max Böhme

Der schwierige Part dieser Luxussituation aber beginnt jetzt: Bei der Europameisterschaft der 49er und 49er FX ab dem 6. Juli vor Porto in Portugal müssen die GER-Crews auf Angriff umschalten. Denn die kontinentalen Titelkämpfe markieren Teil eins der dreiteiligen nationalen Olympiaqualifikation, in deren Rahmen sich nur das jeweils beste Team die Fahrkarte zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro sichern kann. Gleichzeitig gilt es dabei, die Qualifikationskriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu erfüllen. Die zweite Qualifikationsregatta ist bei den Herren die Weltmeisterschaft 2016 in Buenos Aires, bei den Damen die WM 2016 im amerikanischen Clearwater. Den dritten und letzten Teil markiert für 49er-FX-Frauen wie 49er-Männer im Frühjahr 2016 der spanische Klassiker Princess Sofía Trophy vor Palma de Mallorca. Spätestens dann ist klar, wer in Brasilien um olympische Medaillen kämpfen darf.

  Haben nach der knappen Niederlage in der letzten Olympiaqualifikation einiges vor: Tina Lutz und Susann BeuckeFoto: Kieler Woche/okpress
Haben nach der knappen Niederlage in der letzten Olympiaqualifikation einiges vor: Tina Lutz und Susann Beucke

Nach dem Motto "Es kann nur einen geben" starten mit den Berliner 49er-Europameistern Erik Heil und Thomas Plößel sowie den zuletzt stark aufgekommenen und bei der Kieler Woche souverän führenden Kielern Justus Schmidt und Max Böhme bei den Herren inzwischen zwei Mannschaften auf Augenhöhe in das Duell ums Olympiaticket. Justus Schmidt, der sich mit seinem Vorschoter Max Böhme vor Kiel nach drei Wettfahrttagen eine fast schon sagenhafte Führung von 23,5 Punkten vor den eigentlich favorisierten Heil/Plößel erarbeitet hatte, sagte: "Wir haben einen guten Lauf hier. Und wir sehen, dass die Jungs auch schlagbar sind. Aber die haben mit ihren bisherigen Leistungen auch allen Grund für viel Selbstbewusstsein. Die guten Ergebnisse unserer beiden Mannschaften sind unserer Trainingsgruppe zu verdanken, die offensichtlich auch in Kooperation mit dem dänischen Olympiasieger Jonas Warrer und Thomas Anders gute Arbeit leistet. Und dabei wird es auch bleiben."

  Leonie Meyer und Elena Stoffers im EinsatzFoto: 49er Euros MICK
Leonie Meyer und Elena Stoffers im Einsatz

Bei den Damen sind es gleich fünf Crews, die vor Rio unter deutscher Flagge nach einer Medaille greifen möchten. Doch auch in ihrer Disziplin steht nur ein Startplatz zur Verfügung. Im Gegensatz zu den Männern, die auch den deutschen Startplatz noch erkämpfen müssen, haben die Frauen den schon mit WM-Platz fünf von Victoria Jurczok und Anika Lorenz bei der Weltmeisterschaft 2014 vor Santander gesichert. Damit gehört der Startplatz aber nicht automatisch den beiden Berlinerinnen vom Verein Seglerhaus am Wannsee – jedes deutsche 49er-FX-Team kann ihn besetzen, wenn es sich in der dreiteiligen Ausscheidung durchsetzt. Dazu zählen: Tina Lutz/Susann Beucke (Holzhausen/Strande; Chiemsee Yacht Club/Hannoverscher Yacht-Club), Victoria Jurczok/Anika Lorenz (Berlin/Kiel, Verein Seglerhaus am Wannsee), Leonie Meyer/Elena Stoffers (Kiel, Norddeutscher Regatta Verein/Kieler Yacht-Club), Jule und Lotta Görge (Kiel; Kieler Yacht-Club) und auch die Nachwuchs-Talente Ann-Kristin und Pia Sophie Wedemeyer vom Duisburger Yacht-Club.

  "Pink Power": Bei der Weltmeisterschaft vor Santander sicherten Victoria Jurczok und Anika Lorenz mit Platz fünf den deutschen Nationenstartplatz für die Olympischen Spiele 2016. Ein persönliches Anrecht auf diesen ist damit aber nicht verbundenFoto: tati
"Pink Power": Bei der Weltmeisterschaft vor Santander sicherten Victoria Jurczok und Anika Lorenz mit Platz fünf den deutschen Nationenstartplatz für die Olympischen Spiele 2016. Ein persönliches Anrecht auf diesen ist damit aber nicht verbunden

Bislang trainieren sowohl die Männer- als auch die Frauen-Teams offen, überaus freundschaftlich und deswegen so erfolgreich zusammen. Alle wünschen sich, dass sie dieses gute Gefühl in die Ausscheidung mitnehmen können. Alle hoffen, dass es in schwierigen Situationen nicht zu Streit, Neid und Hässlichkeiten kommen wird. Eine entsprechende Absichtserklärung haben sie in Eigeninitiative aufgesetzt und unterzeichnet. Jule Görge sagt: "Wir haben mit dem gesamten Team einen offenen Umgang vereinbart und hoffen, dass es dabei bleibt."

Aus früheren Auseinandersetzungen im Kampf um den sportlichen Lebenstraum ist aber bekannt, dass es auch anders kommen kann, es steht nach jahrelanger Arbeit und vielen Entbehrungen einiges auf dem Spiel. "Der Knackpunkt kommt mit der ersten Ausscheidung und der Reaktion der Teams darauf. Wir haben alle Sorge, dass unsere Trainingsgruppe dann auseinanderfällt", sagt Steuerfrau Leonie Meyer. Im vergangenen Olympiazyklus war es zwischen Tina Lutz/Susann Beucke und Kathrin Kadelbach/Friederike Belcher zu derart heftigem Streit gekommen, dass es vor Gericht ging. Das wäre der Alptraum der Teams, die sich für diesen Olympiazyklus einen friedlichen Umgang miteinander versprochen haben. Trainer Max Groy erklärt: "Es ist zugleich Luxus und Herausforderung, mit einer so starken Gruppe arbeiten zu können." Auch er wird gefordert sein, die Wogen zu glätten, die bei der Europameisterschaft vor Porto in der zweiten Juli-Woche erstmals aufkommen könnten.