„Wo ist denn die verdammte grüne Tonne?!“, fragt mein Mann böse. „Laut Plotter müsste die da vorne sein, da ist sie aber nicht. Siehst du sie irgendwo?“ – „Nein. Aber du weißt doch auch, wo du langmusst. Wir sind diese Strecke doch schon so oft gesegelt.“ – „Aber sie muss ja irgendwo sein!“, regt mein Mann sich auf. „Vielleicht wurde sie gestohlen“, sage ich. Das wäre immerhin möglich. Der Materialwert, man denke an die gestiegenen Rohstoffpreise. Oder irgendein Scherzkeks mit maritimer Fantasie hat seine Einfahrt damit geschmückt. Dann würde demnächst wohl noch eine rote verschwinden. „Wer klaut denn bitte eine Fahrwassertonne?“ Er schaut mich an, als hätte ich ihm gesagt, dass er der einfühlsamste und zärtlichste Mensch auf der ganzen Welt sei. Warum auch immer muss ich an meine Freundin Andi denken, die mal gesagt hat: „Ach, es gibt doch an jeder Ecke tolle Männer. Schade, dass die Erde rund ist.“ Aber das ist ein anderes Thema.
Da kommt Marcel mit seinem Boot. „Seht ihr irgendwo die grüne Tonne?“, ruft er zu uns rüber, und mein Mann schaut mich nun an, als hätte er eine Goldmedaille gewonnen. „Siehst du, er sieht sie auch nicht!“ – „Ich habe auch nicht gesagt, dass ich sie nicht sehe.“ Mein Mann greift nun zu seinem Fernglas und wirkt wie ein Teilnehmer einer NATO-Lagebesprechung. „Ich sehe die nächste“, ruft er nun zu Marcel. „Aber die andere muss doch da sein“, ruft Marcel zurück, „das geht doch nicht!“
Was bitte ist denn nicht daran zu verstehen, dass eine Tonne fehlt? Wie kann man sich darüber so echauffieren? Irgendwo wird sie sein. Die Halterung hat sich gelockert, oder jemand hat sie eben geklaut, oder was auch immer. „Die schwamm doch gestern, als wir hier entlanggefahren sind, noch!“ Marcel und mein Mann starren auf das Wasser, als könnte die Tonne aus Scham langsam wieder auftauchen.
Im Hafen von Sonderborg angekommen, sitzen wir alle beim Grillen zusammen. Also alle. Also auch sechs Männer. Man könnte sich nun nett unterhalten. Mein Mann und Marcel unterrichten die Runde über den schrecklichen, gefährlichen und katastrophalen Vorfall. Ein Murmeln segelt über den Tisch. „Was, die Tonne ist weg?“, fragt Heiner entsetzt. „Das können die doch nicht machen! Die sparen alles kaputt!“
Marcel holt sein Handy hervor und sucht ein Foto, das dann die Runde macht. Er hat allen Ernstes die Stelle fotografiert, an der die Tonne liegen müsste. Also er hat Wasser fotografiert. „Das ist nicht gut“, murmelt Hanno, der grundsätzlich alles mit dem Satz „Das ist nicht gut“ kommentiert. Selbst die Sonnenuntergänge. Da kommt eine neue Grilltruppe auf den Platz. „Was hört man da: Die Tonne vom Marstal-Fahrwasser ist weg?“ – „Wie ist das denn passiert?“
„Was ist denn passiert?“, fragt ein anderer Mann, der zufällig vorbeikommt. „Die Tonne ist weg.“ – „Welche Tonne?“ – „Na, die grüne bei Bredholm!“ – „Gibt’s ja nicht!“ – „Doch. Also nein, gibt es nicht, die Tonne.“ – „Nein!“ – „Doch!“ – „Hammer!“
Bier wird getrunken, und nun wird es ernst. Der Mann geht von dannen und kommt mit Seekarten zurück, eine wird auf dem Holztisch ausgebreitet, und man stößt nun teilweise mit den Köpfen zusammen, weil alle „die Stelle“ auf der Karte sehen wollen. „Hier! Genau hier muss sie liegen!“ – „Das sind Karten von 1984“, sagt Frank der Ältere. „Na und? Das Fahrwasser läuft ja nicht weg!“, sagt Frank der Jüngere. „Ich hatte das mal Richtung Svendborg“, sagt irgendjemand, den ich nicht kenne. „Das weiß ich noch ganz genau, weil ich mich so auf die Tintenfischringe von Bendixen gefreut habe.“ – „Das Fischgeschäft direkt am Hafen?“ – „Ja.“ – „Haben die auch Fischbrötchen?“ – „Nein.“ – „Ist euch das auch schon mal aufgefallen, dass es in dänischen Häfen kaum Stände mit Fischbrötchen gibt?“, fragt ein anderer Fremder.
Kollektives zustimmendes Murmeln. „In Kopenhagen gibt’s welche“, sagt mein Mann. „An welchem Hafen denn?“ – „Das weiß ich nicht mehr.“ – „Kopenhagen ist schön.“ – „Aber teuer.“ – „Nicht so teuer wie Norwegen. Da kostet eine Kugel Eis acht Euro.“ Und so weiter. Michi hat eine Erklärung: „Früher waren die Tonnen noch zuverlässig.“ Alle nicken ehrfürchtig. Niemand weiß, wann dieses „Früher“ gewesen sein soll. Vermutlich im Kaiserreich. Ich versuche gelassen zu bleiben, aber ich habe Hunger und niemand kümmert sich um das Grillfleisch. Derweil geht die Diskussion weiter.
„Vielleicht wurde sie versetzt.“ – „Warum sollte man eine Tonne versetzen?“ – „EU.“ – „Stimmt.“ – „Oder die Russen.“ – „Die Russen klauen doch keine Tonnen.“ – „Woher willst du das wissen?“ – „Vielleicht Eisgang.“ – „Im Juli?“ – „Das Wetter spielt verrückt.“
Eine halbe Stunde später sind mehrere Theorien entstanden: Die Tonne ist geklaut worden. Die Tonne war nie da. Früher lag sie weiter westlich. Das neue Karten-Update ist schuld. Die Grünen haben etwas damit zu tun. Früher hätten Tonnen noch Haltung gehabt. Die Behörden sparen wieder. Das sei typisch Deutschland. Das sei typisch Dänemark. Eventuell ein Wal. „So kommen wir nicht weiter“, erklärt Jan, und alle nicken. „Ich glaube nicht, dass es ein Wal war.“ – „Warum nicht?“ – „Weil es hier doch nur Schweinswale gibt, und die legen sich, glaub ich, nicht mit grünen Tonnen an.“
Schweigen. Man denkt nach, dann gruppendynamisches Nicken. „Dieser Buckelwal – wie hieß er noch? –, der kann ja nichts mehr machen, der ist ja leider gestorben.“ – „Meinst du, der hätte die Tonne geklaut?“ – „Wie hieß er denn jetzt?“ – „Johnny.“ – „Nee.“ – „Jimmy?“ – „Auch nicht.“ – „Man steckt aber nicht in so einem Tier drin. Möglich ist alles. Was, wenn er die Tonne für einen Krebs gehalten hat oder für Plankton?“ – „Der hieß Mandy.“ – „Im Leben nicht.“ – „So schade, dass er es nicht geschafft hat!“ – „Ja.“ – „Ja.“ – „Ja.“
„Bei den Dänen weiß man nie“, kommt es von einem Mann, „die entfernen Tonnen bestimmt unbürokratisch. In Deutschland müsste man da erst einen Antrag stellen.“ Eine rege Diskussion über deutsche Beamte beginnt, die in ihren Büros kleine Schornsteinfeger mit 1-Cent-Münzen als Glücksbringer und Schilder mit „Ich bin hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht“ stehen haben.
„Man müsste jemanden informieren“, schlägt Melina vor. Endlich ein vernünftiger Einfall. Betretenes Schweigen. Fast habe ich den Eindruck, man will diese Diskussion nicht beenden. „Ja, unbedingt“, sagt mein Mann dann lahm. „Das ist sicher meldepflichtig.“ – „Wen ruft man da an?“ – „Wasserschutzpolizei.“ – „Die lachen uns doch aus.“ – „Vielleicht Seenotrettung?“ – „Wegen einer Tonne?“ – „Na, bevor noch jemand stirbt.“ – „An einer fehlenden Tonne stirbt keiner.“ – „Das haben sie auf der ‚Titanic‘ wahrscheinlich auch gesagt.“
Mittlerweile hat sich um unseren Tisch ein kleiner Pulk von Besserwissern gebildet, die sich nun aber gegenseitig beim Nichtstun beobachten. Handys werden hervorgeholt, man geht auf MarineTraffic und auf andere Seiten, um irgendwas herauszufinden. „Ich hab’s!“ Michi schreit fast. Alle drehen sich zu ihm. „Die Tonne ist aus dem Wasser zum Überholen.“ – „Wie bitte?“ – „Die wird gewartet.“ Stille. Man spürt förmlich, wie sich kollektive Enttäuschung über diese erschreckend logische Erklärung ausbreitet. „Woher weißt du das?“ – „Steht in den Nachrichten für Seefahrer.“ Fassungsloses Schweigen. „Die liest du?“ Michi nickt. Jetzt kippt die Stimmung endgültig. Niemand hier mag Menschen, die wissen, wovon sie reden. Jan räuspert sich. „Na ja … Trotzdem schlecht organisiert.“ – „Absolut.“ – „Da hätte wenigstens ein Schild hingemusst.“ – „Aufs Wasser?“ – „Ja, warum nicht?“
Und während die verschwundene Tonne längst friedlich irgendwo geschniegelt und gestriegelt in einem Tonnenhof liegt, diskutieren ungefähr zwanzig deutsche Segler weitere zwei Stunden darüber, ob Tonnen früher schwerer gewesen seien. Ob früher alles besser gewesen sei. Ich werfe in die Runde, dass es immer später wird und ich gerne ein Steak essen würde. Die Blicke gehen zu dem Teller mit dem Grillfleisch. Er ist leer. Die Steaks und Bratwürste sind weg. Mein Blick geht zu Shaky, dem Hund von Frank dem Jüngeren. Er sieht zufrieden und satt aus. „Dein Hund wieder“, sind sich alle einig, und Shaky guckt schuldbewusst. „Na ja“, sagt Frank der Jüngere, „wir könnten ja zum Italiener gehen und Spaghetti Tonno bestellen, haha.“ Selten mit Magenknurren so gelacht.
Ach so: Timmy. Timmy hieß der Wal. Aber das interessiert hier jetzt keinen mehr.
Wer beim Thema bleiben will: Hintergründe dazu, warum Fahrwassertonnen nur Navigationshilfen sind, wie die Betonnung von Fahrwassern funktioniert und warum die dänische Südsee für viele Segler ein Sehnsuchtsrevier bleibt.

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