ReportageDas passiert bei der Wartung einer Rettungsweste

Ursula Meer

 · 10.03.2026

Die Westen werden aufgepumpt. Ob sie über längere Zeit dicht sind, zeigt sich am nächsten Tag.
Foto: Ursula Meer
​Beim Bootsausrüster SVB in Bremen werden jährlich Tausende Rettungswesten gewartet. Der Job, von dem Leben abhängen kann, erfordert viel Wissen und Können.

​Es zischt. Dabei ist der signalgelbe Schwimmkörper der Rettungsweste prall gefüllt. 100 Millibar zeigt das Manometer, aber dann nur noch 98, 95 … Der Druck fällt, und Janin Niebank vernimmt deutlich das Zischen aus dem Auslöseautomaten, den sie an ihr Ohr hält. „Der lässt Luft, da stimmt etwas nicht.“ Um sie herum in der großen Halle beim Bootsausrüster SVB in Bremen sind überall Rettungswesten – versandfertig verpackt, an Kleiderständern oder aussortiert für die Entsorgung. Die neuen Aufträge liegen in gelben Plastikkisten mit Eingangsdaten.

Es ist Ende Januar, die Rettungswesten-Wartung bei SVB nimmt Fahrt auf. „Wir empfehlen immer, die Westen gleich im Herbst zu uns zu schicken“, erklärt Teamleiter Ralf Theilen. Stattdessen aber trudelt das Gros alle Jahre wieder bis Pfingsten ein. Niebank und ihre Kollegin Jaqueline Weinhold prüfen sie dann Schritt für Schritt, mit feinmechanischem Werkzeug, Drehmomentschlüsseln, gutem Auge und Geduld. Das braucht Zeit, die Kunden müssen sich einige Wochen gedulden.


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Vor etwa einer Viertelstunde hat Niebank die Rettungsweste aus einer der gelben Kisten genommen und ihr eine Nummer gegeben. In das Wartungsprotokoll hat sie akribisch eingetragen: Hersteller, Modell, Seriennummer, Produktionsdatum. Letzteres steht gleich zweifach auf der Schwimmblase – konventionell und als Julianisches Datum. „Das ist nicht bei allen Herstellern so. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr wird es zu einem Fass ohne Boden“, sagt sie und lacht.

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Nicht nur in den Daten, sondern in so ziemlich jedem Einzelteil, vom Auslöseautomaten bis zur Falttechnik, unterscheiden sich die verschiedenen Marken voneinander. Janin Niebank und Jaqueline Weinhold mussten daher bei jedem Hersteller zur Schulung.

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Rettungsweste wird ins Kleinste zerlegt

Als sie den Druckverlust der Rettungsweste feststellt, hat Niebank einen Großteil der Wartungsroutine bereits erledigt: Vorsichtig hat sie als erstes die Schutzhülle geöffnet. „Man weiß nie, was drin ist.“ Manchmal sind Notsender eingebaut, bei denen ein falscher Zug reicht, um im Bremer Gewerbegebiet einen MOB-Fehlalarm auszulösen.

In eine kleine Box hat sie Dichtungsring, Auslösetablette und Ventildichtung gelegt; sie werden regelmäßig ausgetauscht. Sie hat die CO2-Patrone gelöst und gewogen. Mit filigranem Werkzeug hat sie den Sicherungsstift aus dem Automaten gezogen, die Dichtungstülle und die winzige Pressgasflaschendichtung ausgetauscht.



Ralf Theilen erklärt: „Jeder Hersteller hat ein eigenes Wartungshandbuch und verschiedene Pflichtaustauschprodukte.“ In die Rettungsweste hat Janin Niebank einen Patronen-Dummy mit winzigem Prüfplättchen geschraubt und am manuellen Auslöser gezogen. Mit einem Klack war das Prüfplättchen durchlöchert, der Dorn, der die Partone durchschlagen und damit auslösen soll, ist erfolgreich getestet.

Zumindest bei manueller Aktivierung. Im Ernstfall sollte eine wasserlösliche Tablette in einem kleinen Käfig diesen Job übernehmen. Sie hält einen Mechanismus in Schach, der den Dorn durch die Patrone jagen soll. Nur kurz musste Niebank den Auslöseautomaten in ein Wasserbecken halten, bis ein weiteres „klack“ ertönte. Die neuen Dichtungsringe hat sie mit Silikonöl eingepinselt und dann alle Teile wieder zusammengesetzt. Für die Dichtigkeitsprüfung wird die Schwimmblase auf 150 Millibar aufgepumpt, nach einigen Minuten wird der Druck auf 100 reduziert. Eigentlich sollte sie so bis zum nächsten Tag hängen, aber nun lässt sie Luft.

Rettungsweste muss nach Anleitung gefaltet werden

Niebank rekapituliert die bisherigen Arbeitsschritte und hat einen Verdacht: „Vielleicht sitzt das Ventil nicht richtig.“ Sie löst es und findet tatsächlich noch einen winzigen Rest der Auslösetablette, der den richtigen Sitz verhindert. Eine Kleinigkeit, die ohne die Druckprüfung nicht auffiele, im Ernstfall aber fatale Folgen haben könnte. Nach 16 Stunden soll die Rettungsweste nicht mehr als 40 Prozent Druck verloren haben. Sonst wird mit einem Spray geprüft, ob irgendwo Luftbläschen rauskommen. Kleinste Löcher, die nicht zu dicht an der Schweißnaht sind, können dann abgedichtet werden. Kollegin Weinhold greift eine Weste, die die Dichtigkeitsprüfung bestanden hat. Sie setzt die Patrone und eine neue Tablette ein, begutachtet Schweißnähte, Gurtbänder, Reflexstreifen.

„Die Faltanleitung muss genau beachtet werden, sonst öffnet sich die Weste im Notfall nicht richtig“, erklärt sie beim Zusammenlegen. Sie zeigt es an einer roten Weste: „Wenn man bei dieser hier den Schwimmkörper über die CO2-Patrone faltet und die Weste löst aus, kann sie reißen oder platzen.“ Mit Zubehör wird das Falten noch kniffliger. Eine Spraycap muss sauber eingefaltet, ein Seenotsignal getestet und sein dünnes Bändchen mit winzigem Palstek befestigt werden. Schwimmleuchten können an einem Band hängen, andere eingebaut sein und den Schwimmkörper von innen beleuchten. Auch sie müssen von Zeit zu Zeit ausgetauscht werden.

Die Weste bekommt eine neue Prüfplakette mit Wartungsdatum und persönlicher Prüfnummer. Das Protokoll wird abgehakt, gestempelt, unterschrieben, eingescannt und digital abgelegt. „Damit können wir jeden Auftrag aufrufen, wenn ein Kunde eine Frage hat“, sagt Jaqueline Weinhold. „Oder wenn eine Versicherung nachfragt bei einem Schadensfall.“ Vorgekommen sei das allerdings noch nie.

Rücklauf zur Wartung könnte höher sein

Es folgt eine weitere Besonderheit, eine Rettungsweste mit Hammar-Auslöser. Die gelben Automaten vertragen auch mal eine übersteigende Welle oder Sturzregen, ohne gleich auszulösen. Dafür sind sie in der Wartung divenhaft: Mit einem Spezialschlüssel muss Weinhold vorsichtig die Patrone lösen, das Gewinde säubern, sie mit Schraubensicherung wieder einbauen und mit einem Drehmomentschlüssel festziehen.

Um die 5.500 Westen werden auf diese Weise jährlich bei SVB in Bremen und Kiel gewartet. Das klingt nach einer Menge, aber SVB-Gründer und Geschäftsführer Thomas Stamann gibt zu bedenken: „In Deutschland wird jährlich eine mittlere fünfstellige Zahl von Automatikwesten verkauft. Wenn man den Rücklauf zur Wartung sieht – das könnten deutlich mehr sein.“ In Deutschland bestehe nun einmal keine Westenpflicht auf Sportbooten. Manche Westen kämen sogar in noch verschlossener Originalverpackung zur Wartung – gekauft, aber nie getragen. „Bei der gewerblichen Fahrt sieht das anders aus“, ergänzt Ralf Theilen. „Dort gibt es Vorgaben von den Berufsgenossenschaften. Bootsschulen, Polizei, Feuerwehren und Hafenbetriebe – die kommen alle regelmäßig.“

Am späten Nachmittag faltet Jaqueline Weinhold die letzte Weste des Tages zusammen. Sie richtet die Reißleine und streicht über den Klettverschluss, „Der muss richtig geschlossen sein. Nicht, dass die Tablette nass wird.“ In wenigen Tagen wird die Weste wieder bei ihrem Besitzer sein. Die Saison kann beginnen, ganz sicher.


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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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