100 Jahre SecumarWie aus Taucherhelmen Lebensretter wurden

David Ingelfinger

 · 07.10.2026

Vom Kupferhelm bis zum Bleischuh fertigte Bernhardt komplette Tauchausrüstungen.
Foto: Bernhardt Apparatebau GmbH u. Co.
​Das Familienunternehmen Bernhardt Apparatebau wird 100 Jahre alt. Über Pionierarbeit bei der Entwicklung von Rettungswesten, mutige Entscheidungen und großen Innovationsgeist.

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​Seit 100 Jahren werden bei Bernhardt Apparatebau im Schleswig-Holsteinischen Holm Produkte entwickelt, die Menschenleben retten. Heute ist das Familienunternehmen vor allem für seine Rettungswesten der Marke Secumar bekannt. Doch es gehört im gesamten Bereich der maritimen Sicherheitstechnik zur Weltspitze. Was als kleine Werkstatt für Taucherausrüstung begann, hat sich über vier Generationen zu einem international gefragten Spezialisten entwickelt.

Vom Kupferhelm zur maritimen Sicherheitstechnik

Den Grundstein legte Gründer Karl Bernhardt, der nach seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg nach Hamburg kam und im Jahr 1926 als gelernte Klempner das Unternehmen Ingenieur Karl Bernhardt Apparatebau gründete. Damals entwickelte Bernhardt Kupferhelme, in denen die Taucher bei Unterwasserarbeiten in den Hamburger Hafenanlagen per Schlauch mit Atemluft versorgt wurden. Dabei erarbeitete sich das junge Unternehmen technisches Know-how in der Verarbeitung wasserdichter Materialien und der Ventilkonstruktion – der Grundstein für die Entwicklung von Rettungsmitteln.

Trotz der kompletten Zerstörung der Produktionsstätten im Zweiten Weltkrieg folgte damals die erste große Wachstumsphase des Unternehmens. Denn für den Wiederaufbau des bei Bombenangriffen zerstörten Hamburger Hafens wurden Tauchsysteme gebraucht, die Karl Bernhardt liefern konnte. Bereits 1945 trat sein Sohn Jost in den Betrieb ein. Im Jahr 1955 übernahm er die Leitung und sollte das Unternehmen grundlegend verändern.

Hunderte Rettungswesten im Schwimmbecken

Den Anstoß zum Wechsel auf Rettungswesten gab ein dänischer Marineoffizier. Er kam nach Hamburg, um Tauchausrüstung zu beschaffen, fragte dabei auch nach Rettungswesten und wurde von Jost Bernhardt mehrfach mit alten Marinebeständen beliefert. Als die aufgebraucht waren, begann er selbst zu forschen. Dafür kaufte Bernhardt mehrere Hundert Rettungswestenmodelle aus aller Welt und testete sie systematisch in einem Schwimmbecken.

Die Wasserlage und das Drehverhalten der Probanden dokumentierte er mit Über- und Unterwasserfotos. Seine zentrale Erkenntnis: Der Auftrieb gehört nicht um den Körper, sondern um den Hals. Nur so lässt sich sicherstellen, dass auch ein erschöpfter oder bewusstloser Mensch mit freien Atemwegen an der Oberfläche bleibt.

Zwischen 1958 und 1959 veröffentlichte er seine Erkenntnisse in diversen Fachzeitschriften und legte damit wissenschaftliche Grundlagen für eine ganze Branche. Anfang der 60er-Jahre gründete Jost Bernhardt gemeinsam mit dem Bergungsunternehmer Ulrich Harms die Bernhardt Apparatebau GmbH. Fortan wurden unter dem Markennamen Secumar Rettungswesten entwickelt.

Diese Tradition setzt sich bis heute fort. Wenngleich das Unternehmen im 100. Jahr seines Bestehens eine deutlich größere Bandbreite an Produkten anbietet. Sie reicht von Rettungswesten für Kampfjetpiloten bis zu Kälteschutzanzügen für die Seenotretter. Insgesamt verlassen jährlich rund 100.000 Westen in 450 bis 500 verschiedenen Ausführungen das Werk in Holm. Damit gehört Secumar heute weltweit zu den vielseitigsten Herstellern der Branche.

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​Strenge Qualitätsstandards

Jede Rettungsweste wird vor der Auslieferung abschließend kontrolliert. Secumar wiegt zudem jede CO₂-Patrone und prüft jeden Schwimmkörper auf Luftverlust. Bei einer Serie von 200 Stück entstehen zwei zusätzliche Exemplare. Sie werden unter Druck gesetzt, bis Material oder Naht nachgeben. So kontrolliert das Unternehmen die Qualität der gesamten Serie.


Ein Marineauftrag schafft die Basis der Serienfertigung

Aus der Notwendigkeit, sich anpassen zu müssen, entwickelte das Unternehmen seinen Markenkern. Secumar bietet jedem Auftraggeber die Möglichkeit, spezielle Anpassungen vorzunehmen oder gemeinsam ganz spezielle Produkte zu entwickeln. Diese Flexibilität führte einerseits zu dem großen Portfolio, vor allem aber auch zu einem breiten Know-how – und dazu, dass Produktion, Entwicklung und Qualitätskontrolle unter einem Dach sind.

Die Grundlage dafür wurde in den 1960er-Jahren mit einem Großauftrag der Bundesmarine gelegt. Jost Bernhardt hatte damals Gerhard Junack kennen gelernt. Der Kapitän zur See hatte 1941 den Untergang der „Bismarck“ überlebt und wusste aus eigener Erfahrung, wie viele Seeleute trotz ihrer Rettungswesten ertranken. Gemeinsam entwickelten sie die MRS 3. Die aufblasbare Weste war speziell auf die damaligen Ledergefechtsanzüge der Marine angepasst und besaß zwei voneinander unabhängige Luftkammern. Fiel eine aus, blieb die andere intakt. Zugleich hielt die Auftriebsverteilung auch bewusstlose Träger in einer sicheren Rückenlage.

Die Bundesmarine führte die MRS 3 im Jahr 1964 ein und bestellte nach Schätzung des Unternehmens insgesamt 50.000 bis 60.000 Stück. „Das war eigentlich der Grundstein für die Firma von heute“, sagt Benjamin Bernhardt. Aus diesem Auftrag entstand die Basis für die Serienfertigung.

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kamen immer neue Einsatzgebiete hinzu. Heute beliefert Secumar neben dem Wassersport die Berufsschifffahrt, Marinen, Feuerwehren und Rettungsorganisationen und sogar Luftwaffen auf der ganzen Welt.

Automatikwesten öffnen den Weg in den Wassersport

Als Marke in der Sportschifffahrt machte sich Secumar erst in den 1970er-Jahren einen Namen. Das Problem war vor allem die Formgebung der damals am Markt vorherrschenden Rettungswesten: Klobige Feststoffwesten behinderten bei der Arbeit und wurden kaum getragen. Die neue Schwimmweste BS 8 verbesserte das. Sie blies sich bei Wasserkontakt automatisch auf, war ungefüllt flach und kaum zu spüren. 1970 kam sie auf den Markt, wurde schnell zum Standard in der Binnenschifffahrt und öffnete Secumar wenig später auch den Wassersport als neues Geschäftsfeld.

Für Jost Bernhardt war dieser Schritt kein reines Geschäftsmodell. Wie sein Enkel Benjamin Bernhardt im Interview erzählt, habe der Großvater Überzeugungsarbeit für mehr Sicherheit auf See als genauso wichtig empfunden wie die Entwicklung der Westen selbst. Jost Bernhardt reiste von Segelverein zu Segelverein, hielt Diavorträge und trug seine Erkenntnisse bis nach Skandinavien, in die Niederlande und nach Frankreich. „Er hat wirklich Missionsarbeit geleistet“, sagt Benjamin Bernhardt. „Er hat die Leute davon überzeugt, dass diese Technologie wirklich für alle von Vorteil ist.“ Dabei scheute sein Großvater auch öffentliche Konflikte nicht. Als die See-Berufsgenossenschaft die damals gängigen Westen als sicher einstufte, widersprach Jost Bernhardt öffentlich. Ein Großteil sei „schlicht ungeeignet“.

Ein tödlicher Unfall verändert die Familie

Im Jahr 1983 kam es zu einem persönlichen Einschnitt, der das Unternehmen und die Familie Bernhardt von einem Tag auf den anderen verändern sollte. Ein Sohn ertrank bei einer Regatta in der Schlei. Er hatte seine Rettungsweste nicht getragen. Für Jost Bernhardt, der sein ganzes Berufsleben der Sicherheit auf dem Wasser gewidmet hatte, war das ein Schlag, von dem er sich nie mehr richtig erholte.

Der zweite Sohn Jan-Ulrich Bernhardt übernahm die Geschäftsführung. Für den heutigen Geschäftsführer Benjamin ist der Tod seines Onkels bis heute eine Mahnung. „Das Wetter hat nichts damit zu tun, ob man eine Weste anziehen muss“, sagt er. „Wenn ich ins Wasser fallen kann, brauche ich eine Weste. Das kann auch im Hafen sein, bei 35 Grad und null Knoten Wind.“

Vom Handwerksbetrieb zum Industrieunternehmen

Jan-Ulrich Bernhardt übernahm das Unternehmen in einer Zeit des Umbruchs. Was sein Vater als Handwerksbetrieb aufgebaut hatte, musste er zu einem Industrieunternehmen weiterentwickeln. Die Anforderungen wuchsen, die Märkte veränderten sich durch die Herausforderung der Globalisierung in den 90er-Jahren. „Mein Vater hat die Firma eigentlich in ein Industrieunternehmen gewandelt“, sagt Benjamin Bernhardt über diese Zeit. Mit dem europäischen Binnenmarkt nahm damals auch der internationale Wettbewerb zu. Zugleich brachen öffentliche Aufträge ein und setzten das Unternehmen wirtschaftlich unter Druck.

Dass man sich seinerzeit entschieden hatte, weiterhin in Deutschland zu fertigen, passt gut zur Unternehmensidentität, nach der die Verantwortung für Qualitätsstandards nicht abgegeben wird. Denn der Schlüssel zum Erfolg sei das Vertrauen in die Qualität der Produkte, so Benjamin Bernhardt. Ob eine Rettungsweste im entscheidenden Moment zuverlässig funktioniert, können ihre Käufer vorher ja nicht beurteilen. Dieses Vertrauen will das Unternehmen durch eigene Entwicklung, eine hohe Fertigungstiefe und umfassende Kontrollen rechtfertigen.

In den 1990er Jahren geriet dieses Modell unter wirtschaftlichen Druck. Bei Secumar stellte man die Fertigung auf geschweißte, polyurethanbeschichtete Schwimmkörper um. Sie waren leichter, ließen sich kleiner verpacken und ermöglichten größere Auftriebsvolumen. Der Umbau sei überlebenswichtig gewesen und von den damals gesammelten Erfahrungen profitiere sein Unternehmen bis heute, so Benjamin Bernhardt. Dabei hätte man damals auch einen anderen Weg einschlagen können. Die Globalisierung öffnete günstigere Produktionsstandorte. Doch Entwicklung, Fertigung und Qualitätskontrolle sollten unter einem Dach bleiben, in Holm.

„Wir werden niemals über den Preis gewinnen“, sagt Benjamin Bernhardt. Die Antwort auf den globalen Wettbewerb seien Spezialisierung, kurze Wege und die Fähigkeit, auch kleine Serien und individuelle Lösungen zu fertigen.

Nach 100 Jahren bleibt die Nachfolge offen

Heute ist der professionelle Sektor Secumars wichtigstes Geschäftsfeld. Vor allem Marinen investieren wieder stärker in ihre Ausrüstung. Hinzu kommen Polizei, Feuerwehren und Katastrophenschutz. Die Luftfahrt bleibt jedoch weiterhin eine kleine Nische.

Wie es mit dem Unternehmen weitergeht, lässt Benjamin Bernhardt offen. „Ich kann nicht sicher sagen, dass die nächste Generation aus der Familie kommt“, sagt er. Was er sagen kann: Inhabergeführt soll es bleiben. Als Familienunternehmen denkt man eben anders. „Wir denken in Generationen. Wir denken nicht von Quartal zu Quartal.“ In einer Wirtschaftswelt, die zunehmend auf kurzfristige Rendite ausgerichtet ist, ist das vielleicht einer der Gründe, warum Secumar nach 100 Jahren noch immer in Holm produziert.


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Sicher Segeln auf See setzt stärker bei der praktischen Reaktion an Bord an. Ein Schwerpunkt liegt auf einem Rettungsmanöver einschließlich der Bergung einer über Bord gegangenen Person, das die Autoren auch bei Starkwind und hoher Welle erprobt haben. Hinzu kommen Risikomanagement und Hinweise zum Notfallverhalten.


​Eine Rettungsweste rettet nur, wenn sie auch angelegt ist. Warum verzichten trotzdem noch immer so viele Segler darauf? Diskutieren Sie mit und schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

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Weit entfernt von den Küsten im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen, fand David Ingelfinger erst im Alter von elf Jahren auf den niederländischen Gewässern zum Segelsport. Was als Familienurlaub ohne großartige Vorkenntnisse begann, mündete in einer steilen Lernkurve, aus der die dauerhafte Leidenschaft fürs Segeln entsprang. Seine praktischen Erfahrungen festigte er über die Jahre mit dem Erwerb des SKS und zahlreichen Meilen als Skipper auf Charteryachten im Ijsselmeer, der Nordsee sowie im Mittelmeer. Nach seinem Studium der Publizistik schlägt er nun die Brücke zwischen dem journalistischen Handwerk und der Praxis auf dem Wasser und bringt seine Begeisterung für den Sport als Volontär in die Redaktion der YACHT ein.

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