Wattenschipper.deNeues Gratis-Tool für die Törnplanung im Gezeitenrevier

Ursula Meer

 · 14.03.2026

Wattenschipper.de: Neues Gratis-Tool für die Törnplanung im GezeitenrevierFoto: N. Krauss
Mit dem Jollenkreuzer ins Watt und dann trockenfallen - das geht an vielen Stellen. Für die Planung der passenden Route können Segler auf eine interaktive Karte zugreifen. Festmachen an einer Pricke ist jedoch suboptimal.
​Für Kenner und Neulinge im Gezeitenrevier gibt es jetzt eine deutliche Verbesserung: Die bei Wattseglern beliebte Website „Wattenschipper.de“ wurde optisch und technisch überarbeitet. Die bewährten Revierinformationen wurden um eine interaktive Seekarte erweitert, die verschiedene Datenquellen kombiniert. Sie erleichtert die Törnplanung erheblich und räumt mit manchem Mythos auf.

Seit Dezember 2025 betreibt Philip Simon mit wattenschipper.de eine der beliebtesten Websites für Liebhaber der Gezeitenreviere an der deutschen Nordseeküste. Simon, Informatiker mit beruflichem Hintergrund als Grafiker und ehemaliger Druckereibesitzer, hat die Seite optisch und technisch grundlegend überarbeitet und um neue Funktionen erweitert. Die wichtigste: eine interaktive Gratis-Seekarte mit vielen nützlichen Funktionen.

Tradition, modern erweitert

Simon übernahm das Portal von Peter Renken und Christoph Essing, die seit 2009 wohl Tausende ehrenamtliche Stunden damit verbracht haben, Seglern einen sicheren Weg zu den schönsten Orten im Watt zu weisen. Die neue Version ging im Dezember 2025 nach einer optischen und technischen Überarbeitung online - weiterhin ausschließlich spendenfinanziert . „Ich verbinde immer so ein bisschen das Grafische mit dem Programmiertechnischen“, erklärt er seinen Ansatz. „Wenn etwas Technisches umgesetzt wird, muss es für mich auch mal schön aussehen und gut funktionieren.“

Die interaktive Seekarte: Mehrere Datenquellen in einer Ansicht

„Schon für meine eigene Törnplanung wollte ich verschiedene Informationen, die man im Wattenmeer benötigt, in einer Karte haben“, erklärt Simon die Entstehung der Karte. Er selbst hatte früher seine Törns unter anderem auch mit möglichst hochauflösenden Satellitenaufnahmen vorbereitet, die die Morphologie am Meeresgrund oft detaillierter und aktueller anzeigen, als Seekarten es können. Hinzu kommen für die akkurate Planung dann noch Gezeiten, Wasserstandsvorhersagen und Wetter: ein mühsames Hin- und Herwechseln zwischen verschiedenen Anwendungen. Simons Idee war daher, alles Relevante in einer einzigen Kartenansicht zu vereinen. Das Ergebnis ist eine Seekarte mit verschiedenen zuschaltbaren Informationsebenen, die über ein Menü aktiviert werden können.

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Basis und Erweiterungen

Als Grundlage verwendet Simon die Seekarten von Freenauticalchart.net. Dabei handelt es sich um eine Initiative, die kontinuierlich frei verfügbare Daten des BSH in eine kostenlose Seekarte integriert und diese Nutzern gratis zur Verfügung stellt. Zwar weist das BSH darauf hin, dass die kostenlosen Seekarten keine kommerziellen Seekarten ersetzen können, da nur Daten verwendet werden, die nicht speziell für die sichere Navigation ausgewertet und geprüft wurden.

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Dennoch: Als Basis für ein Planungstool sind sie bestens geeignet, sofern sie um aktuelle, kommerzielle Seekarten ergänzt werden. Die Revierkarte von freenauticalchart.net bildet die Basiskarte, über die Simon verschiedene Layer legt: hochauflösende Luftbilder, Pegelstandsanzeigen, Schutzgebietsgrenzen und Seezeichen. Mit Adam Lucke, dem Betreiber von Free Nautical Charts, steht Simon in Verbindung. „Wir kennen uns und wir tauschen uns auch so ein bisschen aus, wer welche Informationsquellen gefunden hat“, berichtet er über die Zusammenarbeit in der Community.


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Ein besonderes Highlight sind die integrierten Luftbilder. Sie stammen vom Land Niedersachsen und sind außergewöhnlich detailreich. „Die sind wirklich so hoch aufgelöst, dass man größere Steine oder alte Unterkonstruktionen von Gleisen oder Steganlagen gut erkennen kann“, erklärt Simon.

In der Praxis bedeutet das: Segler können im Vorfeld einer Tour prüfen, wo genau Priele verlaufen, wie die Topografie des Watts beschaffen ist, ob alte Hafenstrukturen noch vorhanden sind oder wo sich ebene Sandflächen zum Trockenfallen finden. Die Kombination mit eingeblendeten Seezeichen ermöglicht eine weitaus detailliertere Planung als mit herkömmlichen Seekarten allein. Simon nutzt diese Funktion auch, um neue Ankerplätze zu identifizieren – etwa westlich der Einfahrt von Juist, wo eine lange Spundwand steht und eine große Sandfläche gutes Liegen ermöglicht, oder östlich vom Hafen Baltrum, wo auf den Luftbildern regelmäßig fünf bis sechs Boote zu sehen sind.

Pegelstände nach SKN und mit Gezeitenvorausberechnung

Eine wesentliche Vereinfachung ist auch die Darstellung der Pegelstände. Das BSH gibt seine Daten nach Pegel-Nullpunkt aus, „diese Bezugsgröße hilft einem aber ja in der Seekarte nicht“, erklärt Simon. Die Wattenschipper-Karte zeigt daher die Werte nach Seekarten-Null (SKN) an. So können Segler direkt ablesen, ob ein Wattenhoch noch oder schon passierbar ist.

Ein Novum: Neben den offiziellen Pegeln des BSH zeigt die Karte auch die Wasserstände an den kleineren Pegeln der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung an und ergänzt sie um eine Kombination aus astronomischer Gezeitenvorausberechnung und meteorologischer Vorhersage. Die Daten werden regelmäßig aktualisiert und direkt an den Pegelstationen in der Karte angezeigt.

Schutzgebietsgrenzen – mehr Klarheit, weniger Mythen

Seit 2022 die Nordsee-Befahrensverordnung erlassen wurde, gelten neue Regeln im Wattenmeer. Schutzgebiete wurden erweitert oder der Status geändert. Sportbootfahrer fürchteten, dass das Befahren beliebter Routen quer über das Watt oder das Ankern und Trockenfallen kaum noch möglich sei. Philip Simon hat sein Projekt auf der boot Düsseldorf vorgestellt. „Man merkt immer wieder, dass Leute glauben: Man darf ja nichts mehr im Wattenmeer – nirgendwo mehr fahren, nirgendwo mehr trockenfallen“, berichtet Simon von der Einschätzung vieler seiner Standbesucher.

Tatsächlich kann dieser Eindruck beim Blick in die Seekarte entstehen. Dort sind die Grenzen der Schutzgebiete als gestrichelte Linien eingezeichnet, ihre Gesamtfläche ist aber nur schwer erkennbar. Die Realität aber sieht anders aus, das zeigt das Overlay „Schutzzonen“, das Simon in die Wattenschipper-Karte integriert hat: Aktiviert man es, werden die Allgemeinen und Besonderen Schutzgebiete farblich angezeigt – transparent, sodass die darunterliegende Karte noch gut zu erkennen ist. „Wenn man zum Beispiel die Luftbildaufnahmen aktiviert, kann man darüber direkt die Schutzzonen als Overlay legen. Dann sieht man sofort die Priele und Sandbänke und wo man liegen darf“, erklärt Simon. Die farbliche Überlagerung des detaillierten Luftbildes macht die Grenzen eindeutig.

Befahrenshinweise für Seegatten – eine Sicherheitskampagne

Ebenfalls in die Karte integriert sind Befahrenshinweise für mitunter gefährliche Seegatten. Darüber hinaus hat Simon diesen Hinweisen eine eigene Rubrik auf der Website gewidmet. Dahinter steckt eine längere Geschichte und ein klares Anliegen. Vor drei Jahren wurde Simon von der Wasserschutzpolizei auf Höhe Hooksiel angehalten. Seine Papierseekarte war mehr als zwei Jahre alt. Zwar hatte er die aktuellen elektronischen ENC-Karten der Berufsschifffahrt auf drei Geräten an Bord, dennoch sollte er ein Bußgeld zahlen.

Im Gespräch mit dem Wasserschutzpolizisten diskutierte Simon, warum diese Kontrollen so hart durchgeführt werden. Die Begründung: In den Seegatten komme es bekanntermaßen sehr häufig zu Unfällen, teilweise monatlich, gerade bei Norderney. „Das stimmt. Aber das Problem sind ja nicht die Seekarten“, stellt Simon fest. Es fehle eher das Bewusstsein darüber, wie gefährlich die Seegatten unter bestimmten Bedingungen sein können.

Daraus entstand eine Kampagne, die auf der Seite als roter Button verlinkt ist. Die Seite fasst die fünf wichtigsten Punkte für das sichere Befahren eines Seegatts zusammen und ist in sieben Sprachen verfügbar – mit QR-Code, damit auch ausländische Gäste, besonders Niederländer, die häufig zu Besuch ins niedersächsische Wattenmeer kommen, die Information schnell abrufen können. Simon hat die Inhalte in Abstimmung mit verschiedenen Institutionen erstellt und bietet sie auch als Aushang für Hafenschaukästen an.

Die Hinweise sind bewusst einfach und mit Sicherheitspuffern formuliert. „Ich schreibe zum Beispiel: ‚vorwiegend bei auflaufendem Wasser, idealerweise ab zwei Stunden vor Hochwasser befahren‘“, erläutert Simon, denn wer sich auskennt, hat einen größeren Spielraum. „Es geht darum, dass Leute, die nicht ortskundig sind, immer noch einen Sicherheitspuffer haben.“

Alle Informationen für eine gute Planung enthalten

Für die umfassende Törnplanung enthalten Karte und Website noch weitere wichtige Informationen, unter anderem die Lottiefen über den Wattenhochs, aktuelle Wasserstände sowie Wind- und Wettervorhersagen, mit denen sich sogar ein Wetterrouting erstellen lässt. Darüber hinaus sind alle Routen „über die Wiese“ – also quer über das Watt – sowie Plätze zum Ankern und Trockenfallen beschrieben. Diese klassischen Wattrouten, die bereits Renken und Essing beschrieben hatten, sind weiterhin verfügbar. „Alle beschriebenen Routen sind problemlos so befahrbar, sie sind außerhalb der besonderen Schutzzonen“, versichert Simon.

Bei allen guten Planungsoptionen: Simon ist wichtig zu betonen, dass die Wattenschipper-Karte keine amtlichen Seekarten ersetzt. „Es ist als Planungstool gedacht, aber nicht primär dafür, es als Navigationswerkzeug während der Fahrt zu nutzen.“

In einem YouTube-Video erklärt Simon die Funktionen:

Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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