Hauke Schmidt
· 10.03.2026
Am 7. März 2026 – fünf Tage nach dem YACHT-Artikel über die kostenlose Online-Seekarte – stellte Adam Lucke im Segeln-Forum fest, dass die Punktlotungen aus den BSH-Daten verschwunden sind. Auf den ersten Blick wirkte der zeitliche Zusammenhang auffällig. Doch die Hintergründe sind differenzierter: Die Punktlotungen waren vermutlich nie offiziell als Open Data freigegeben.
"Diese Punktlotungen waren vor Jahren mal verfügbar, dann lange Zeit nicht mehr", erklärt Lucke. "Circa Mitte 2025 habe ich sie aber in den Daten finden können. Sie waren nicht direkt als solche erkennbar, aber sie waren da." Lucke interpretiert die Situation nüchtern: "Ich nehme an, dass es sich dabei um einen Konfigurationsfehler des Servers beim BSH handelte, ein glücklicher Zufall. Das BSH ist nun darauf aufmerksam geworden und hat das behoben."
Mit anderen Worten: Die Punktlotungen – jene kleinen Tiefenzahlen, die auf klassischen Seekarten zwischen den Konturlinien stehen – waren wahrscheinlich nie bewusst als Open Data bereitgestellt worden. Lucke konnte sie dennoch extrahieren und auf seiner Karte darstellen. Nun sind sie wieder verschwunden, vermutlich weil das BSH den Server-Fehler bemerkt und korrigiert hat.
Das BSH hat Lucke nie kontaktiert, weder nach dem YACHT-Artikel noch zu seiner Anfrage von 2023. Damals hatte Lucke beim BSH angefragt, ob er die Daten für OpenStreetMap nutzen darf. Bis heute liegt keine abschließende Antwort vor. "Ich kann also über all das nur Mutmaßungen anstellen", sagt Lucke. Die fehlende Kommunikation erschwert eine Klärung der Rechtslage und lässt Open-Source-Projekte im Ungewissen.
Das Projekt Open Boat Projects, das sich ebenfalls für freie Seekarten einsetzt, hat das BSH inzwischen um eine offizielle Stellungnahme gebeten. Auch die YACHT hat beim BSH nachgefragt, eine Antwort steht jedoch noch aus.
Wichtig für die Nutzer von Freenauticalchart.net: Die Tiefenkonturlinien, bleiben weiterhin verfügbar und aktuell. Betroffen sind ausschließlich die Punktlotungen – jene einzelnen Tiefenzahlen zwischen den Konturlinien, die zusätzliche Orientierung bieten, für die Routenplanung aber nicht unerlässlich sind. Der Qualitätsverlust ist damit deutlich geringer als zunächst befürchtet. Die kostenlose Online-Seekarte behält ihre wöchentlich aktualisierten Tiefenkonturlinien, Tonnen, Befeuerung und alle anderen navigationsrelevanten Informationen. Lediglich die zusätzlichen Punktinformationen fehlen. Lucke arbeitet mit alternativen Bathymetrie-Daten, die jedoch gröber und weniger aktuell sind.
Die Situation wirft grundsätzliche Fragen zur Open-Data-Politik auf. Wenn Daten versehentlich verfügbar waren und erfolgreich für gemeinnützige Zwecke genutzt wurden – sollten sie dann nicht auch offiziell freigegeben werden? Gerade Punktlotungen, die auf gedruckten BSH-Seekarten öffentlich sichtbar sind, könnten ohne Sicherheitsbedenken als Open Data bereitgestellt werden.
Andere europäische Länder wie die Niederlande oder Skandinavien stellen ihre Seekartendaten weitgehend frei zur Verfügung. Deutschland hinkt hier hinterher. Die Begründung dürfte weniger in Sicherheitsbedenken liegen als in der Rücksichtnahme auf kommerzielle Seekartenanbieter, die mit denselben Daten Geld verdienen.
Im Segeln-Forum reagierten Nutzer teils irritiert, teils verständnisvoll auf die Nachricht. Viele hatten sich auf die kostenlose Alternative eingestellt, sehen aber auch, dass die wichtigsten Navigationsinformationen weiter verfügbar bleiben. Die Community hofft auf eine offizielle Stellungnahme des BSH, die Klarheit über die Datenpolitik schafft.

Redakteur Test & Technik