Hauke Schmidt
· 11.03.2026
Mit freenauticalchart.net gibt es seit Kurzem eine kostenlose Online-Seekarte auf Basis von BSH-Daten, die wöchentlich automatisch aktualisiert wird. Mit Tidenvorhersage, Gezeitenstromatlas, Plotting-Tools und GPS-Tracking – nutzbar im Browser oder als App, komplett ohne Registrierung. Das Tool sorgt in der Segelwelt und bei den kommerziellen Anbietern von Seekarten für Aufsehen. Nach der Veröffentlichung unseres Artikels über die kostenlose Seekarte Freenauticalchart.net und das Verschwinden der Punktlotungen aus den BSH-Daten hat YACHT mit Thomas Dehling, Leiter der Abteilung Nautische Hydrographie beim BSH, gesprochen. Das Gespräch bringt wichtige Klarheit über den Unterschied zwischen Open-Data-Seekarten und offiziellen Navigationsprodukten – und eine deutliche Warnung an Nutzer der kostenlosen Seekarte.
Das BSH stellt zwei unterschiedliche Arten von Seekartendaten bereit, die sich fundamental unterscheiden:
1. Qualitätsgesicherte Navigationsdaten (für offizielle Seekarten): Diese Daten werden speziell für die sichere Navigation ausgewertet. Sie sind geprüft auf Aktualität, Richtigkeit und Zuverlässigkeit nach internationalen Standards der Internationalen Hydrographischen Organisation (IHO). Besonders wichtig: Alle flachen Stellen sind garantiert enthalten, die Anzahl der Tiefenlinien ist begrenzt, damit die Karte lesbar bleibt. Diese Daten sind nur über Lizenznehmer erhältlich.
2. Open-Data-Bathymetrie-Daten (frei verfügbar): Diese Daten werden gemäß Geodatenzugangsgesetz bereitgestellt und dienen anderen Zwecken: morphologisch korrekte Darstellung des Meeresbodens für Offshore-Industrie, Sturmflutvorhersage, Angler – aber nicht für Navigation. "Wir geben keinerlei Garantie ab, dass das nautisch richtig ist", erklärt Dehling.
Besonders brisant: Auch die Positionen von Tonnen, Leuchtfeuern und anderen Seezeichen in den Open-Data-Diensten des BSH sind nicht für Navigation gedacht. "Wir übernehmen keine Garantie, dass Änderungen da enthalten sind", sagt Dehling. Wenn ein Seezeichen versetzt, ersetzt oder entfernt wird, erscheint die Änderung in den Nachrichten für Seefahrer (NfS) und in den offiziellen elektronischen Seekarten – aber nicht zeitgleich in den Open-Data-Diensten.
"Das wäre ein sehr großer Aufwand. Dafür ist es eben auch nicht gedacht", erklärt der Abteilungsleiter. Für Nutzer der kostenlosen Seekarte bedeutet das: Selbst wenn Tonnen und Leuchtfeuer auf der Karte schön dargestellt sind, kann die Position veraltet oder die Tonne bereits versetzt sein.
Der Unterschied liegt in der Auswertung der Vermessungsdaten. Wenn das BSH den Meeresboden vermisst, entstehen sehr detaillierte Tiefeninformationen. Daraus werden zwei unterschiedliche Produkte erstellt:
Für Navigation: Ein spezielles Oberflächenmodell, das garantiert alle flachen Stellen enthält und Tiefenlinien so darstellt, dass sie für Segler und Berufsschifffahrt sicher nutzbar sind. Einzelne Tiefenzahlen werden gezielt ausgewählt – besonders die flachen Stellen.
Für andere Zwecke: Ein morphologisches Modell, das den Meeresboden möglichst naturgetreu wiedergibt. "Was der Angler braucht oder was man für die Offshore-Industrie braucht oder für die Sturmflutvorhersage", erklärt Dehling. "Wo sind die Löcher eigentlich? Wo steht Fisch?" Diese Daten können Tiefenlinien enthalten, aber nicht die garantierten flachen Stellen.
Das BSH gibt die qualitätsgesicherten Navigationsdaten nur an feste Partner (Lizenznehmer) weiter. Der Grund: "Wenn wir das so ins Netz stellen frei, dann können wir nicht mehr garantieren, dass die Daten korrekt sind, aktuell sind und den Qualitätsanforderungen entsprechen", sagt Dehling. "Wir wissen nicht, wer was daraus machen kann."
Hinzu kommt: Der Bundesrechnungshof verlangt vom BSH marktgerechte Preise für die Daten. "Das deckt bei weitem nicht die Herstellungskosten ab, die natürlich mit Steuern finanziert sind, erklärt Dehling. Eine generelle Freigabe aller Seekarten wäre eine politische Entscheidung, die auf Bundesregierungsebene getroffen werden müsste.
Ein Blick in die Zukunft: Mit dem neuen Standard S-100 für elektronische Seekarten werden noch detailliertere Tiefendaten möglich. Nutzer können sich dann auf ihren individuellen Tiefgang bezogene Sicherheitslinien anzeigen lassen – zum Beispiel eine 3,5-Meter-Linie statt nur 3 oder 4 Meter. "Dazu müssen die Daten entsprechend gut sein", betont Dehling. Diese Funktion wird zunächst für ausrüstungspflichtige Schiffe (ECDIS-Systeme) verfügbar sein, bisher nutzen sie nur Lotsen.
Die Aussagen des BSH sind eindeutig: Die kostenlose Seekarte Freenauticalchart.net nutzt Daten, die vom BSH ausdrücklich nicht für Navigation freigegeben sind. Weder die Tiefenangaben noch die Positionen von Seezeichen sind verlässlich aktuell. Das BSH übernimmt keinerlei Garantie für die nautische Richtigkeit dieser Daten.
Für die Praxis bedeutet das:
Die schöne Darstellung und die wöchentliche Aktualisierung der Open-Data-Quellen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um Daten handelt, die für andere Zwecke gedacht sind. "Die Daten, die vielleicht schön aussehen, sind nicht unbedingt richtig", fasst Dehling zusammen.
Das Hinterhältige dabei: Die Abweichungen fallen nur im direkten Vergleich mit aus lizenzierten Daten erstellten Karten auf. Beispielsweise in Form von Steinen, die keine Tiefenangabe besitzen. Am auffälligsten sind die Diskrepanzen in den Lotungen, die im Wattenmeer nicht selten mehr als einen halben Meter von den lizenzierten Daten abweichen.

Redakteur Test & Technik