Tatjana Pokorny
· 09.02.2024
Sein Spielfeld ist der Atlantik, seine Aufgaben komplex: Charles Caudrelier macht Fortschritte in der “Dekompressionskammer” des Südatlantiks, klettert mit “Maxi Edmond de Rothschild” seit seiner Kap-Hoorn-Passage am 6. Februar wieder den Atlantik hinauf in Richtung Zielhafen Brest. Dabei kollidieren jedoch sein Gefühl der Erleichterung über die “Rückkehr in die Zivilisation” und die Herausforderungen miteinander, die der Atlantische Ozean bei dieser historischen Premiere der Arkea Ultim Challenge für den Spitzenreiter bereithält.
In zunehmenden Winden war Charles Caudrelier nach der Kap-Hoorn-Passage zunächst gezwungen, in die Le-Maire-Straße zwischen der Staateninsel und dem östlichsten Ausläufer des argentinischen Teils von Feuerland zu fahren, um sich vor Eisgang zu schützen. Eis war zuvor nordöstlich der Staateninsel beim 54. Breitengrad Süd gesichtet worden. Diese Situation und das Herannahen eines Tiefdruckgebietes haben dem führenden Skipper die Strategie für die Anfangsphase des Atlantik-Aufstiegs diktiert.
So hatte Charles Caudrelier seine Fahrt bereits am Mittwoch über eine Phase von sechs Stunden einmal stark gedrosselt. “Danach mussten wir uns zwischen Pest und Cholera entscheiden”, berichtet Benjamin Schwartz, den Segelfans auch als Schluss-Skipper für Team Holcim – PRB im Ocean Race erinnern. Als Mitglied der Routing-Gruppe im Gitana-Team erklärte Benjamin Schwartz: “Östlich der Falklandinseln vorbeizufahren bot eine strategisch günstige, wenn auch heikle Option mit Eisgefahr. Die Alternative: inmitten einer Unzahl von Fischerbooten zu bleiben.”
Solist Caudrelier entschied sich in Absprache mit seiner Landmannschaft für Option zwei und verbrachte “eine sehr, sehr mühsame Nacht bei starkem Wind und schrecklicher See”, während er nonstop gezwungen war, nach Fischerbooten Ausschau zu halten. Inzwischen hat der seit 23 Tagen in Führung liegende Gitana-Skipper den verbliebenen Meilenberg bis ins Ziel auf knapp unter 6.000 drücken können. An diesem Freitag hatte der 49-jährige Familienvater aus Fouesnant etwa drei Viertel der historischen Premiere der Arkea Ultim Challenge gemeistert.
Die Entscheidung, sich entweder dicht an der brasilianischen Küste nach Norden zu kämpfen oder es im östlichen Atlantik zu versuchen, scheint inzwischen für die küstennahe Variante gefallen. Dort war “Maxi Edmond de Rothschild” am Morgen des 9. Februar mit Bootsgeschwindigkeiten um 20 Knoten unterwegs. Gleichzeitig näherten sich seine beiden Verfolger mit Speed jenseits von 30 Knoten ihrer Kap-Hoorn-Passage am Wochenende.
Der Zweitplatzierte Armel Le Cléac’h trieb seine “Banque Populaire XI” bei weniger als 1.300 Seemeilen bis Kap Hoorn am 9. Februar wie ein Rennpferd an. Rund 370 Seemeilen hinter ihm kämpfte der Drittplatzierte Thomas Coville auf “Sodebo Ultim 3” darum, den Anschluss zu halten und seine Chancen im Duell mit Le Cléac’h bei der Arkea Ultim Challenge zu wahren.
Gerade in der vergangenen Nacht war Thomas Coville besonders gut drauf, hielt das Tempo von Armel le Cléac’h und ließ seinen Rivalen keinen weiteren Boden gutmachen. Die beiden Ultim-Größen bewegten sich mit hohen Geschwindigkeiten in einer nordwestlichen Strömung auf Kap Hoorn zu. Diese Strömung wird sie bis zum Abschied vom Südmeer begleiten.
Nach der Kap-Hoorn-Passage wird auch ihr Spiel schwieriger, weil sie zunächst mit leichten Bedingungen zu kämpfen haben werden, bevor sie mit härteren Bedingungen konfrontiert werden. Dies gilt insbesondere für Thomas Coville, der in direkten Kontakt mit einem großen Tiefdruckgebiet aus dem Westen kommen wird. Ein wichtiger Faktor bleibt das Eis 20 Seemeilen östlich der Staateninsel.
Angesichts des herannahenden Tiefdruckgebiets plant die Wettfahrtleitung nicht, die Route der beiden Skipper einzuschränken: “Wir werden die Tür nicht schließen”, bestätigte Guillaume Évrard. Und weiter: “Wenn Thomas die Le-Maire-Straße hinauffährt, könnte er unter dem Venturi-Effekt leiden, der vom Festland ausgeht. Er braucht Optionen.”
Derlei Probleme haben Anthony Marchand (”Actual Ultim 3”) und Schlusslicht Éric Péron (”Adagio”) gerade nicht zu lösen. Éric Péron kam die Nacht über zügig voran. Der Skipper konnte seine Position vor einer Front halten und erreichte Durchschnittsgeschwindigkeiten von über 28 Knoten. Dabei konnte er einen glücklichen Haken an das zweite der drei Kaps bei der Solo-Weltumsegelung Arkea Ultim Challenge machen. Der Längengrad von Kap Leeuwin liegt nun in seinem Heckwasser.
Auf einer aktuell sehr nördlichen Route näherte sich gut 1.760 Seemeilen vor Éric Péron am Freitagmorgen “Actual Ultim 3”-Skipper Anthony Marchand der Nordspitze Neuseelands. Bei etwa 47 Grad südlicher Breite dürfte der 38-Jährige aus Saint-Brieuc das “Land der langen weißen Wolke” an diesem Freitag mit Geschwindigkeiten um 27 Knoten nördlich passieren.

Freie Reporterin Sport