Text von Detlef Teufel
„Tretet einen Schritt vor, Jungs – so wird es einfacher!“ Das waren die letzten Worte von Erskine Childers, bevor er am 24. November 1922 mit 52 Jahren von einem Erschießungskommando des neu gebildeten Irischen Freistaats hingerichtet wurde. Dabei hatte er nur wenige Wochen zuvor mit seinen Anklägern zusammen in federführender Funktion für die Unabhängigkeit Irlands gekämpft.
Seinem Sohn trug Childers zum Abschied auf, dass er im Erwachsenenalter die Mitglieder des Erschießungskommandos sowie die für seine Verurteilung Verantwortlichen aufsuchen und sich mit ihnen versöhnen solle. Erskine Hamilton Childers befolgte den Rat seines Vaters und wurde später sogar der vierte Präsident der Republik Irland.
Je nach Blickwinkel kann Robert Erskine Childers als Held oder Verräter, als berühmter Schriftsteller oder furchtloser Soldat, als Politiker, Patriot, Spion, loyaler Regierungsbeamter oder Freiheitskämpfer wahrgenommen werden, in jedem Fall aber als begnadeter Segler.
Erskine Childers kam am 25. Juni 1870 in Mayfair, London zur Welt. Als er sechs Jahre alt war, starb sein Vater an Tuberkulose und seine Mutter wurde mit Anzeichen der sich entwickelnden Krankheit in einer Heilanstalt isoliert. Obwohl sie dort noch weitere sechs Jahre lebte, konnten ihre fünf Kinder sie nicht mehr wiedersehen.
Sie wurden von wohlhabenden Verwandten mütterlicherseits im Glendalough House im County Wicklow, Irland aufgenommen. Hier bekamen sie eine hochwertige, ihrem Stand entsprechende Ausbildung. Und in ihrer Freizeit machten sie gemeinsam mit ihren Cousins auf dem Lough Dan, einem von Bergen umgebenen See, mit Segelkanus und Dingis ihre ersten Segelerfahrungen.
Mit 22 Jahren kaufte Childers mit seinem Bruder Henry die 33-Fuß-Rennyacht „Shulan“ von einem Mitglied des Royal St George Yacht Club in Kingstown. Der Verkäufer wollte die Brüder für die Regattaaktivitäten des Clubs begeistern. Die aber hatten andere Pläne. Unerfahren wie sie waren, wollten sie die Yacht mit enormer Segelfläche und beachtlichem Tiefgang zum Reisen nutzen.
Um das Hochseesegeln zu lernen, heuerten sie zwei professionelle Deckshände an. Die machten sich aber über die Neulinge lustig und belästigten sie mehr, als dass sie ihnen halfen, sodass die Brüder ohne sie weitersegelten. Solches Amateursegeln ohne bezahlte Mannschaft wurde in diesen Zeiten herablassend als „Corinthian Sailing“ bezeichnet. Doch zu Unrecht. Im Sommer 1892 durchquerten die beiden die für ihre Strömungen, Wetterkapriolen und Untiefen bekannte Irische See nach Schottland.
Die für solche Reisen ungeeignete Regattayacht ersetzte Childers schon bald durch das kleinere, aber besser geeignete 18-Fuß-Segelboot „Marguerite“. Das Boot hatte keinen Aufbau, mit aufgeholtem Schwert einen Tiefgang von nur 90 Zentimetern und ein selbst genähtes Cockpitzelt zum Übernachten. Damit segelte er, zeitweise auch mit Crew, entlang von Englands Nordseeküste und überquerte zweimal den Kanal nach Frankreich. Am Ende der Saison 1895 wurde Childers als neues Mitglied seines Yachtclubs für die beste Reise des Jahres mit dem Admiral de Horsey Silver Cup ausgezeichnet.
Im Jahr 1897 erwarb er das umgebaute Rettungsboot „Vixen“, einen 30-Fuß-Kutter mit Schwert und einer Kajüte mit drei Kojen. Mit diesem startete er – von beruflichen Verpflichtungen aufgehalten – erst am Ende des Sommers einen Törn, der ihn durch die Kanäle ins sonnige Mittelmeer bringen sollte. Sein Bruder und ein Freund stiegen an der französischen Küste zu. Nach tagelangem Wind aus Süden gaben sie auf und richteten den Bug nach Norden. Sie durchsegelten das holländische Kanalsystem bis nach Amsterdam. Von dort reisten die Brüder alleine weiter durch das ihnen unbekannte Wattenmeer.
Das Labyrinth der Priele war nur mit in den Schlick gerammten Stecken gekennzeichnet. Die Strömungen waren stark und unberechenbar. Childers schwärmte später von Körper und Geist im Zustand ständiger Anspannung.
Doch ein Unglück folgte dem anderen. Die Navigation bezeichnete Childers als aufregendes Rätsel. Oft lag er ungeplant mehrere Stunden lang auf Sandbänken fest. Die vier Monate lange, bis in den Dezember dauernde Reise führte ihn – am Ende alleine – durch den Kiel-Kanal auch für einige Zeit in die Ostsee.
Die Reise prägte ihn nachhaltig. Die detaillierte Schilderung der Gezeitennavigation macht einen großen Teil seines von der Fachwelt als erster großer Spionagethriller der Literaturgeschichte gefeierten Romans „The Riddle of the Sands“ aus. Die Kritiker behaupteten, dass der Autor seine Liebe zum einfachen, unabhängigen Segeln in diese Geschichte eingebunden habe, um eine größere Leserschaft zu erreichen. Aber es war weit mehr.
Für die britische Admiralität waren die Erkenntnisse aus der Spionagehandlung dieser fiktiven Geschichte sogar so eindrücklich und neu, dass nach der Veröffentlichung Flottenstützpunkte im Nordosten des Königreichs zur Verteidigung gegen das aufrüstende deutsche Kaiserreich errichtet und Reservetruppen der Marine aufgestellt wurden.
Neben der selbst gewählten Passion fürs Segeln waren Krieg und Politik die weniger erfreulichen, durch die Umstände aufgezwungenen Facetten in Childers’ Leben. Als Angehöriger der britischen Oberschicht besuchte der junge Erskine nach einer Privatschule das Trinity College in Cambridge, an dem er neben einem dreijährigen generalistischen Studium Rechtswissenschaften studierte. Ab 1895 arbeitete er im britischen Unterhaus als Angestellter. Später war er sogar kurz Mitglied des Parlaments.
Im Jahr 1899 zog Childers freiwillig für die Kolonialmacht in den Burenkrieg. Das rücksichtslose Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung dort veranlasste ihn zum ersten Mal, die Legitimität des britischen Imperiums infrage zu stellen. Er wurde als Offizier schwer verwundet, kehrte nach England zurück und verfasste neben anderen Veröffentlichungen zur Kriegsführung und Politik seinen Roman.
Der 1903 veröffentlichte Thriller wurde sofort zum Bestseller. Childers erklärte seine Motivation, das Buch zu schreiben, als „eines Patrioten Verpflichtung, das Königreich vor Gefahren zu warnen“. Über Jahrhunderte war Frankreich der Feind Englands gewesen, die „Zeitenwende“ war um 1900 bei einem Großteil der Briten noch nicht angekommen.
Ein Jahr nach seinem Debüt lernte der Schriftsteller bei einem Besuch in Boston seine große Liebe Mary „Molly“ Alden Osgood kennen. Sie entstammte einer vermögenden und einflussreichen Familie mit stark liberalen, antiimperialistischen Ansichten. Ihr Einfluss, zusammen mit dem Streben seiner irischen Verwandtschaft nach Unabhängigkeit, nagten erneut an seinem britischen Patriotismus.
Zur Hochzeit 1905 bekam das Paar vom Brautvater eine Segelyacht geschenkt, die nach den Wünschen ihrer Eigner gebaut werden sollte. Denn nach monatelangem Segeln mit „Vixen“ hatte Childers eine klare Vorstellung, wie eine einfache und bequeme Fahrtenyacht gebaut sein muss. Auf seinen Segeltouren in der Ostsee hatte Erskine Childers die seetüchtigen kuttergetakelten Doppelender des Norwegers Colin Archer bewundert. Seiner pragmatischen Auffassung folgend: „Es gibt leider keine Orden für das Aushalten von unnötig fehlendem Komfort“, entwickelte er zusammen mit seinem Wunschkonstrukteur Colin Archer dessen einzigen Yachtentwurf mit zwei Masten.
Die Kiellegung der 15,50 Meter langen Gaffelketsch „Asgard“ begann im April 1905 in Colin Archers Werft im norwegischen Larvik, und schon im August des Jahres erfolgte der Stapellauf. Nach der Hochzeit wohnte das Paar in London und unternahm Segeltouren in Nord- und Ostsee.
Auf einer Reise mit seinem Cousin durch Südirland erlebte Childers weitere Ungerechtigkeiten der englischen Besatzung. Ab 1913 unterstützte er daher die Bestrebungen um eine Selbstverwaltung Irlands. Die führten zur Forderung einer Home Rule Bill, in der das britische Unterhaus den Iren eine eigene Verfassung zugestehen sollte. Die Protestanten der nordirischen Provinz Ulster lehnten das Vorhaben aber ab und besorgten sich aus Deutschland unter den billigenden Augen der Briten 35.000 Gewehre für den scheinbar unvermeidlichen Bürgerkrieg.
Um dieser Ungleichheit entgegenzuwirken, verhandelten Childers und die Republikaner mit den Deutschen den Kauf von 1.500 Gewehren Mauser Model 1871 nebst 49.000 Patronen. Es wurde die Falschmeldung herausgebracht, dass irische Fischtrawler die Ladung nach Irland bringen würden. Doch während die Engländer die Fischerboote durchsuchten, segelten Erskine und Molly Childers am 3. Februar 1914 mit vier weiteren Crewmitgliedern auf „Asgard“ von England los. Gemeinsam mit der 25 Tonnen schweren Ketch „Kelpie“ aus Irland übernahmen sie in der Scheldemündung vor Belgien die Ladung von dem deutschen Schlepper „Gladiator“. Die „Asgard“ war gewaltig überladen, und ihre Wasserlinie tauchte nach Childers’ Schätzungen 40 Zentimeter tiefer ein.
Zurück ging es zwischen englischen Kriegsschiffen im Manöver und der neugierigen Küstenwache hindurch in die Irische See. Dort mussten sie noch einen Sturm abwettern, wie es ihn seit 1882 nicht mehr gegeben hatte. Die Ladung wurde den Rebellen in Howth nördlich von Dublin übergeben. Die Aktion ging als „Howth Gun-Running“ in die irische Geschichte ein. Nur drei Tage nach der erfolgreichen Übergabe der Waffen an die irische Unabhängigkeitsbewegung befanden sich England und Deutschland im Krieg und der 44-jährige Childers kämpfte als Major in der Aufklärung der englischen Kriegsmarine wieder auf der Seite der Unterdrücker.
Ostern 1916 probten die irischen Rebellen mit den erworbenen Waffen einen Aufstand gegen die im Ersten Weltkrieg abgelenkte Besatzungsmacht. Dieser Versuch wurde in wenigen Tagen und mit hohen Verlusten auf beiden Seiten niedergeschlagen; die Verantwortlichen wurden hingerichtet. Als Reaktion trat Childers der nationalistischen Partei Sinn Féin bei und warb als ihr Pressesprecher bei ausländischen Journalisten für Irlands Unabhängigkeit.
Kurz nach dem erfolglosen Aufstand wurde die „Asgard“ in Wales aufgelegt. Der Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer und deren loyale Milizen wurde offiziell am 6. Dezember 1921 durch den Anglo-Irischen Vertrag beendet. Obwohl Childers selbst als Mitglied der irischen Delegation bei den Verhandlungen dabei war, lehnte er als Mitglied der radikal republikanischen Mehrheit der Sinn Féin und der IRA den kompromissbeladenen Vertrag ab, und die wenige Tage zuvor noch miteinander gegen die Engländer kämpfenden Iren standen sich von Juni 1922 bis April 1923 im Bürgerkrieg gegenüber.
Tragischerweise werden in Irland heute zwei tote Helden geehrt: Michael Collins, der aus dem Hinterhalt erschossene Führer der neu gebildeten Regierung, und Erskine Childers von der gegnerischen Seite, dessen illegaler Besitz eines ihm von Collins zur Selbstverteidigung geschenkten Revolvers das Todesurteil brachte.
Die „Asgard“ wurde 1928 von Molly Childers verkauft, nach viermaligem Eignerwechsel in Cornwall wiederentdeckt und von der irischen Regierung erworben. Zwischen 1961 und 1974 nutzte man die Yacht mit verändertem Aufbau zum Training für Seekadetten. Das Boot war bis 2001 auf dem Trockenen ausgestellt, wurde 2007 restauriert und ist seit 2012 im heutigen Nationalmuseum Irlands in Dublin der Öffentlichkeit zugänglich.
Erskine Childers’ Spionageroman wird bis heute verlegt. 1979 erschien der Kinofilm mit Michael York und Jenny Agutter in den Hauptrollen. 1985 folgte die zehnteilige deutsche Fernsehserie „Das Rätsel der Sandbank“. Nicht nur für Segler ist die gelungene Mischung aus zeitgeschichtlichem Thriller, Törnbericht mit Navigationsunterricht und nicht zuletzt einer rührenden Liebesgeschichte eine Empfehlung.
Der spätere Anhänger der irischen Unabhängigkeitsbewegung kam 1870 als Sohn einer gebildeten protestantischen britisch-irischen Familie zur Welt. Er wuchs südlich von Dublin auf, genoss eine hervorragende Schulbildung, studierte Rechtswissenschaften und arbeitete ab 1895 als Angestellter im britischen Unterhaus. Als Befürworter des britischen Empire zog er 1899 freiwillig in den Burenkrieg, kehrte als Invalide zurück und verfasste seinen Roman „The Riddle of the Sands“, in dem er die Erlebnisse von ausgedehnten Törns mit seiner Segelyacht „Vixen“ in den Gewässern der deutschen Nord- und Ostseeküste zu einem Spionageroman verarbeitete und den Ersten Weltkrieg prophezeite. Ab 1908 wurde Childers zum radikalen Anhänger der irischen Unabhängigkeitsbewegung und schmuggelte mit seiner Frau Molly auf ihrer Yacht „Asgard“ deutsche Waffen nach Irland. Im Ersten Weltkrieg diente Childers als Offizier der britischen Navy. Nach dem Krieg schloss er sich den irischen Nationalisten an. Infolge von Verwicklungen wurde er 1922 von einem irischen Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.
War Erskine Childers vor allem ein politischer Fanatiker, ein tragischer Idealist oder einer der faszinierendsten Segler zwischen Literatur und Zeitgeschichte? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.