Liebe Leserinnen und Leser,
die Bucht ist ein Traum. Türkisfarbenes Wasser, sanft geschwungene Ufer, ein paar Bäume als Windschutz. Und das Beste: Sie ist noch erfreulich leer. Nur zwei Handvoll Yachten liegen vor Anker, schön verteilt, jeder mit seinem eigenen kleinen Reich.
Wir motoren langsam hinein, schauen uns um, finden unseren Platz. Schöner Abstand zu den Nachbarn, gute Wassertiefe, windgeschützt. Der Anker fällt, die Kette rasselt, wir geben ordentlich Länge. Der Anker beißt beim ersten Versuch. Alles paletti.
Die Klamotten sind schneller ausgezogen als man "Badeleiter" sagen kann. Das Wasser hat Badewannentemperatur, der leichte Windhauch sorgt dafür, dass es unter Deck nicht zu stickig wird. Genau dafür sind wir hergekommen. Raus aus dem überfüllten Hafen, rein in die Stille. Die Freiheit, einfach von Bord zu springen, wann immer einem danach ist. Ohne Publikum, ohne Nachbarn, die einem zuschauen.
Abendessen im Cockpit, nochmal schwimmen, dann ein Sundowner. Sternenhimmel. So muss Segeln sein. Und dann, gegen neun Uhr abends, kommt sie. Eine Yacht, geschätzte 40 Fuß. Die Bucht ist immer noch zu 60 Prozent leer. Dutzende freier Stellen. Hunderte Meter Platz ringsum.
Aber nein. Sie motort zielstrebig genau in die Lücke zwischen uns und dem nächsten Lieger. Keine 25 Meter von unserem Bug entfernt fällt der Anker. Ich sitze im Cockpit und starre ungläubig hinüber. Rundherum: Platz ohne Ende. Aber es musste genau diese Stelle sein. Als gäbe es unsichtbare Parkplatzmarkierungen auf dem Wasser. Manchmal frage ich mich, ob Yachten magnetisch sind. Oder ob es so etwas wie einen maritimen Herdentrieb gibt.
Im Hafen ist es ja noch verständlich – da geben Pfähle und Stege die Organisation vor. Aber in der Bucht muss man sich selbst organisieren, sich arrangieren. Und gerade deshalb sollte man anderen – und sich selbst – den Freiraum gönnen, für den man überhaupt rausgefahren ist.
Beim Abstand zum Nachbarlieger spielen zwei Aspekte eine Rolle. Der erste ist rein technisch-physikalisch: der notwendige Schwojkreis. Der Radius entspricht dabei in etwa der Länge des gesteckten Ankergeschirrs. Der Schwojkreis einer anderen Yacht ist verbotenes Terrain, denn selbst wenn es gerade passt, kann sich der Wind ändern. Im Sommer schläft er abends oft ein oder dreht mit der Umkehrthermik. Dann schwoien die Boote nicht mehr alle ordentlich in eine Richtung, sondern bewegen sich unkontrolliert. Boote, die vorher parallel lagen, können plötzlich kollidieren.
Wer seinen Ankerplatz wählt, sollte mitdenken: Nach einem Winddreher kann der eigene Anker plötzlich unter dem Boot des Nachbarn liegen. Dann kommt man nicht mehr ran.
Rein rechnerisch mag der Abstand also ausreichen – die Schwojkreise überlappen sich nicht, keine Kollisionsgefahr. Alles im grünen Bereich. Aber dann kommt der zweite Aspekt: Privatsphäre und Ungestörtheit. Und genau dafür ist man ja überhaupt vor Anker gegangen. Wenn man plötzlich praktisch Reling an Reling mit dem Nachbarn liegt, der einem ins Cockpit guckt, jedes Gespräch mithört und bei der Morgentoilette am Heck quasi mittendrin ist, hat man die eigentliche Idee vom Ankern verfehlt.
Ehrlich gesagt: Uns ist das auch schon passiert. Wir haben einen schönen Platz gefunden, haben den Abstand vom Auge her für ausreichend gehalten. Und dann, als die richtige Kettenlänge draußen war, haben wir gemerkt: Oh, das ist jetzt doch ganz schön nah am Nachbarn. Technisch in Ordnung, aber eben auch: deutlich zu nah für ein entspanntes Ankererlebnis. Nochmal aufholen und neu ansetzen wäre die richtige Entscheidung gewesen, aber wir waren zu faul und haben es gelassen. Die Nacht war unruhig, mehrfach habe ich kontrolliert, ob der Abstand noch stimmt. Entspannt ist anders, das hat unser Nachbar sicher auch so gesehen.
Klar, im Mittelmeer zur Hochsaison, wenn die Buchten so überfüllt sind, dass mit Fendern geankert wird, sieht das anders aus. Da hat man keine Wahl. Aber hier auf der Ostsee, wo die Buchten selbst im Hochsommer noch erfreulich leer sind, ist genug Platz für alle da. Man sollte ihn auch allen zugestehen.
Wenn eine Bucht zu 60 Prozent leer ist, gibt es schlicht keinen Grund, sich auf die verbleibenden Bereiche zu konzentrieren, wo bereits andere liegen. Außer natürlich, man hat ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Gesellschaft. Dann aber bitte vorher fragen: "Stört es euch, wenn wir hier ankern?"
Doch Abstand allein reicht nicht. Zur Ankeretikette gehört auch, dass jeder dafür sorgt, dass sein eigener Anker wirklich hält. Klingt selbstverständlich? Ist es leider nicht.
Ich habe schon oft beobachtet, wie eine Yacht den Anker fallen lässt – und dann war's das. Man hört es schon am viel zu kurzen Rasseln der Kette: Da wurde gerade mal das Doppelte der Wassertiefe gesteckt. Der Anker liegt bestenfalls auf dem Grund, wurde aber nicht ordentlich eingegraben. Für einen Badestopp mag das reichen. Für eine Nacht? Definitiv nicht.
Was dann passiert, wenn es nachts auffrischt, ist vorhersehbar: Die Yacht geht auf Drift, treibt nach Lee – direkt auf die nächsten Ankerlieger zu. Im schlechtesten Fall löst das eine Kettenreaktion aus.
Ich bin der Letzte, der der Crew einer auf Drift gehenden Yacht nicht hilft, aber wenn es aus mangelnder Sorgfalt praktisch vorsätzlich passiert, fehlt mir das Verständnis. Wer ankert, trägt Verantwortung, für sich selbst und alle anderen in der Bucht. Das gehört zur Seemannschaft dazu. Ausreichend Kette stecken, den Anker mit der Maschine ordentlich eingraben und kontrollieren, ob er hält.
Wenn der Anker nicht beim ersten Versuch beißt: Aufholen und nochmal neu ansetzen. Mag lästig sein, besonders wenn ringsum schon andere Crews gemütlich im Cockpit sitzen. Aber es ist die einzig richtige Vorgehensweise.
Als wäre das dichte Ankern nicht schon genug, kommt am nächsten Morgen die nächste Überraschung. Halb sieben, die Sonne steht noch flach über dem Horizont. Absolute Stille in der Bucht.
Und dann: BRUMMMMMM!
Das Nachbarboot – genau, der 40-Fußer von gestern Abend – lässt den Diesel an. Nicht zum Aufbruch, nein. Damit die Crew warm duschen kann. Ich habe nichts gegen eine ordentliche Dusche an Bord. Aber muss das ausgerechnet sein, wenn der Rest der Bucht noch im Halbschlaf liegt? Wie wäre es mit Schwimmen gehen oder Kaltwasserwäsche? Oder einfach eine Stunde später? Partyzeit? Nicht für alle.
Apropos Lärm, ein bisschen Jazz beim Sundowner, chillige Beats beim Abendessen – alles gut. Doch dabei sollte man eines bedenken: Auf dem Wasser trägt Schall unglaublich weit. Was an Land mit dem ganzen Zivilisationslärm als völlig normale Lautstärke durchgeht, ist in der Ankerbucht oft schon zu viel. Spätestens wenn die Sonne untergegangen ist, sollte die Lautstärke auf Zimmerpegel sinken – oder die Musik wandert nach unten in den Salon.
Ich erinnere mich an einen Sommerabend in der dänischen Südsee. Wunderschöne Bucht, kristallklares Wasser, Traumkulisse. Und eine Crew, die offenbar den Rest der Welt von der Potenz ihrer Cockpit-Lautsprecher überzeugen musste. In Dauerschleife lief eine Mischung aus Kölner Karneval und Ballermann-Hits. Inklusive Mitsing-Versuchen. Das war... speziell.
Am Ende ist es wie überall, wo Menschen zusammenkommen: Ein bisschen Rücksicht macht das Leben für alle angenehmer. Die schönen Momente vor Anker sollte man genießen. Man muss nur darauf achten, dass man sie nicht für sich selbst oder andere kaputt macht.
Hauke Schmidt
YACHT-Redakteur
Umfrage beendet
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