BlauwasserWarum Begegnungen auf der Weltumsegelung mehr zählen als Meilen

YACHT

 · 08.07.2026

Pause zwischen unzähligen Begegnungen und Gesprächen: Michael Jungclaus auf San Blas.
Foto: Michael Jungclaus
​Ein Seglerpaar aus Stralsund wollte nicht nur einfach eine Weltumsegelung machen, sondern die Welt dabei wirklich kennenlernen. Dafür bereitete es sich gut vor – und wurde mit unvergesslichen Momenten belohnt.

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Text von Michael Jungclaus

Als Uta und Michael Jungclaus 2019 mit ihrer 39-Fuß-Najad „DAPHNE“ aus Stralsund ausliefen, lagen vor ihnen sechs Jahre, 32.000 Seemeilen und eine Welt, die sie nicht nur umsegeln, sondern wirklich kennenlernen wollten. „Keine Weltumsegelung verläuft wie die andere, und je nach Mentalität hat jeder eine andere Art, auf Menschen zuzugehen. Aber wer mit offenem Herzen und echtem Interesse aufbricht, kehrt nicht nur mit Seemeilen im Logbuch heim, sondern mit einem Schatz an Begegnungen, die das Weltbild für immer verändern“, sagen sie heute. Was sie dabei erleben durften, berichtet Michael Jungclaus.


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Offenheit erweitert Horizonte

Der Dorfälteste sitzt vor uns auf einer geflochtenen Matte, sein Gesicht tief gefurcht von der Sonne über dem Pazifik. Wir überreichen ihm feierlich ein Bündel erdig riechender Kava-Wurzeln. Auf den Fidschi-Inseln gilt es als unhöflich, ohne eine „Sevusevu“ – die traditionelle Begrüßungszeremonie – einfach so an Land zu gehen, um die Gegend zu erkunden. Bei der ursprünglichen Version dieser Zeremonie wird auf der bitteren Wurzel herumgekaut und der so entstandene Brei in eine Schüssel mit Wasser gespuckt, aus der anschließend alle gemeinsam trinken. Heute findet man dies so nur noch auf entlegenen Inseln Vanuatus, uns bleibt es zum Glück erspart.

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Stattdessen folgt ein langes Palaver, das gegenseitige rituelle Vorstellen, in Englisch und mit Händen und Füßen. Der Chief will wissen, wo wir herkommen und warum wir hier sind. „Wieso reist ihr denn so weit, wenn es bei euch schön ist?“, fragt er und betont: „Ich liebe meine Insel, also warum soll ich woanders hingehen?“ Seine entwaffnende Logik bringt uns zum Schmunzeln. Schließlich lächelt er und erteilt uns seinen Segen, die Insel zu erkunden. Es ist einer dieser Momente, in denen wir spüren: Eine Weltumsegelung misst man nicht in Seemeilen, sondern in Begegnungen.

Als die Sprache auf meine Vergangenheit als Landtagsabgeordneter kommt, bietet sich eine besondere Chance: Ich darf ein lokales Umweltschutzprojekt zur Abstimmung der traditionellen Chiefs begleiten. Die Initiative möchte das weltberühmte Rainbow-Reef zwischen Taveuni und Vanua Levu retten. Uta besorgt mir ein traditionelles Hemd und einen Sulu – ohne den fidschianischen Wickelrock ist die Sitzung tabu. Nach dem Sevusevu empfängt uns der Vorsitzende Ratu Naiqama Tawake Lalabalavu auf Deutsch: „Willkommen auf Taveuni!“ Schon als Oppositionsführer ist er ein politisches Schwergewicht; inzwischen ist er sogar der Präsident von Fidschi.

Lalabalavu thront seiner Rolle entsprechend in einem Sessel, alle anderen sitzen im Schneidersitz auf dem Boden. Wer spricht, kniet. Selbst die Frau, die Wasser reicht, rutscht auf Knien durch den Raum. Vor der Abstimmung fragt der Vorsitzende nach Einwänden. Stille. Das Rainbow-Reef wird unter Naturschutz gestellt – ein Meilenstein nach jahrelangem Kampf der Umweltschützer. Während wir uns tief bewegt auf den Rückweg zum Boot machen, beginnt im Saal die traditionelle Kava-Zeremonie im Halbkreis.

Einfach mal drauflosreden

„Halo, nem blong mi Michael!“ – kaum ausgesprochen, schmilzt das Eis. In Vanuatu reicht dieser eine Satz in der Landessprache Bislama, und das Gegenüber strahlt. Schon vor der Reise war uns klar: Um Land und Leute wirklich kennenzulernen, braucht es keine Segelscheine – es braucht Offenheit und ein paar Brocken der Landessprache. Langfahrtsegeln lernt man unterwegs, Sprachen besser vorher. Auf der klassischen Barfußroute reicht Englisch bei fast allen Behördengängen, doch wer tiefer eintauchen will, stößt schnell an Grenzen. Spätestens in der Karibik wird Französisch zum Türöffner, ab Mittelamerika kommt einem alles spanisch vor.

Schon zwei Jahre vor dem Ablegen haben wir daher unseren Alltag in eine Sprachschule verwandelt. Apps wie Babbel oder Duolingo ersetzten das Abendfernsehen, Filme liefen im Original mit Untertiteln. Den letzten Schliff gaben uns Tandempartner: eine Stunde Deutsch, eine Stunde Fremdsprache. Für alle Fälle haben wir noch unser „Nicht-Wörterbuch“ mit 650 Zeigebildern dabei.

Die Türöffner an Land

Doch Sprachkenntnisse allein reichen nicht immer. Manchmal braucht es lokale Helfer, die Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben. „Welcome! Leave the paperwork to me“, sagt Rally mit einem breiten Grinsen, während er unser Dinghy in der Brandung vor Kupang im indonesischen Timor entgegennimmt. Eigentlich müssten wir jetzt Stunden in stickigen Amtsstuben verbringen, die zudem so weit auseinanderliegen, dass die ganze Prozedur auch gerne mal zwei bis drei Tage dauern kann. Wir haben Rally schon Wochen vor der Ankunft per E-Mail kontaktiert, und so ist vieles bereits vorbereitet. Der Service eines Agenten kostet zwischen 100 und 300 Dollar, verkürzt den Behördenmarathon aber um gut die Hälfte. Ebenso wie ordentliche Kleidung: Wer mit löchrigen Shorts und kaputten Sandalen bei den Offiziellen erscheint, verhält sich nicht nur unhöflich, sondern wird meistens auch so behandelt.

Rally weiß, wo der nächste Waschsalon ist, wie man Gasflaschen füllt und wo man ohne Touristenaufschläge einkauft. Gleiches gilt für Ausflüge: Während andere noch recherchieren, sitzen wir bereits im Jeep. Der Guide zeigt uns versteckte Wasserfälle und das beste Streetfood abseits überfüllter Pfade.

Auch unser erstes Ausflugs-Highlight jenseits des Atlantiks verdanken wir einem einheimischen Experten: eine Inseltour auf Dominica. Unser Inselführer namens Seacat wirft uns mitten hinein in ein interaktives Karibik-Abenteuer. Wir bewegen uns durch üppige Natur und kosten Kakao- und Kaffeebohnen frisch vom Strauch – das weiße Fruchtfleisch schmeckt tropisch süß-säuerlich. Wir pflücken Sternfrüchte und Pampelmusen, springen in einen eiskalten Canyon und schwimmen bis zu einem spektakulären Wasserfall. Nach einer zweistündigen Wanderung um den größten Süßwassersee spornt uns Seacat zu einem letzten Aufstieg an – ein Wasserfall, der uns noch mal alles abverlangt, aber fantastisch ist. Ein ständiger Wechsel zwischen Schweißausbrüchen und kühler Abwechslung in klaren Becken. Seacat hat uns genau das Dominica gezeigt, von dem wir geträumt haben – wild, grün und voller Energie.

Das Buffet der Welt

In vielen Gegenden schlägt uns der Duft von feuchter Erde, brennenden Kokosnussschalen und süßem Obst entgegen, noch bevor wir den ersten Strand erreichen. Die Seele eines Landes liegt nicht im klimatisierten Supermarkt, sondern im bunten Chaos der lokalen Märkte. Ob Fidschi, Samoa oder Tahiti – wir tauchen ein in ein Meer aus Farben und exotischen Gerüchen, führen Gespräche über die Herkunft der Lebensmittel und lassen uns Zubereitungstricks verraten.

Auf den San-Blas-Inseln schauen wir zu, wie Leguan in cremiger Kokossoße schmort. Noch archaischer wird es auf Fiji beim „Lovo“. Hier dient kein Herd als Feuerstelle, sondern eine kleine Erdgrube. Fleisch und Gemüse, in Bananenblätter gewickelt, garen über Stunden mit heißen Steinen unter einer Schicht aus Blättern und Sand. Das lange Warten ist der eigentliche Kern der Kultur: Es gibt keine Eile. Während das Essen in der Erde schmort, rücken wir mit den Einheimischen im Kreis auf geflochtenen Matten zusammen, reden, lachen und trinken aus Kokosnussschalen.

Auf Fiji gilt es als unhöflich, nur zum Essen aufzukreuzen – das gemeinsame Ausharren verbindet uns lange, bevor der erste Bissen angerichtet ist. Als die Erde beiseitegeschoben wird, steigt dampfender, rauchiger Duft auf. Die Bananenblätter werden aufgefaltet. Das Fleisch fällt butterzart vom Knochen, die Wurzeln haben die erdige Note des Feuers aufgesaugt. Wir essen mit den Fingern – und teilen in diesem Moment weit mehr als nur eine Mahlzeit.

Fotos als Brückenbauer

„May I?“ Ich halte meine Kamera hoch und deute in Richtung einer Marktfrau in Labasa. Sie nickt, rückt ihre Haare zurecht und posiert stolz. Sekunden später sind wir von Menschen umringt. Der Fotowunsch ist ein Brückenbauer und endet in lebhaften Gesprächen. Wer höflich fragt und Beispiele auf dem Display zeigt, erntet meist Zustimmung – bei muslimischen Frauen allerdings nur, wenn Uta die Kamera hält.

Wenn Locals uns dann in ihre Häuser bitten, gewähren sie uns unbezahlbare Einblicke, die die Perspektive verändern. So zeigt uns in Dschibuti eine Dorfbewohnerin ihre kreisrunde Hütte. Eine Kochstelle inmitten aller Utensilien, daneben ein Podest mit Matten zum Schlafen. Ihr vierjähriger Sohn macht trotz des Qualms gerade ein Nickerchen. Es ist dunkel und stickig, der Rauch beißt in den Augen. Beschämt denken wir an den Kram, den wir zu Hause angehäuft haben. Braucht man das alles wirklich? Einladungen wie diese sind Geschenke, die man unbedingt annehmen sollte, selbst wenn man sich dabei anfänglich ein wenig unwohl fühlt.

Mehr als nur Gast sein

Die Welt auf eigenem Kiel zu umsegeln, ist ein Privileg. Wir werden oft mit einer Wärme empfangen, die uns demütig macht. Man möchte etwas zurückgeben – als Dankeschön. Wir haben immer kleine Geschenke dabei: T-Shirts, Buntstifte, Fußbälle. Das meiste ergibt sich aber erst unterwegs.

In Australien sitzen wir im Universitätslabor einer Doktorandin gegenüber, die uns leidenschaftlich erklärt, wie sie versucht, das Great Barrier Reef vor dem Absterben zu retten. In Indonesien stapfen wir mit einem engagierten Freiwilligen-Team durch den Schlamm, um einen Mangrovenwald von Plastikmüll zu befreien. Solche Begegnungen zeigen uns, wo Menschen mit wenig Mitteln Großes bewegen – und dass auch kleine Hilfe zählt.

Auf Vanuatu fragt uns Patrick, ob wir seinen zerbrochenen Wassertank reparieren können. Der riesige Behälter ist eingerissen, er und seine Frau müssen das Frischwasser für die Familie mühsam vom Dorfbrunnen herbeischleppen. Mit Epoxy und Glasfaser aus unserer Backskiste müsste das klappen. Als wir am nächsten Tag ankommen, springen seine Söhne aufgeregt um uns herum und beobachten jeden Handgriff. Sie würden am liebsten mit anpacken, und Patrick hat Mühe, sie vom klebrigen Epoxy fernzuhalten.

In den nächsten Tagen bringen wir gemeinsam auch die defekten Solarpaneele wieder zum Laufen und ersetzen Stecker an verschlissenen Kabelverbindungen. Der Strom fließt, das Smartphone lädt wieder, die Freude ist groß. Oft scheitern solche Reparaturen in entlegenen Winkeln der Welt nur an einer passenden Zange oder kleinen Flachsicherungen, die wir Segler in unseren Schapps horten.

Während uns der Corona-Lockdown in Kolumbien über ein halbes Jahr in der Marina fesselt, hängen an vielen Häusern rote Stofftücher. Sie sind das stille Zeichen für Hunger. Was mit 350 € Spenden unter Seglern beginnt, wird durch Social Media zu 10.000 €. Über Monate verteilen wir an circa 900 Familien Lebensmittel. Bei Polizeikontrollen öffnet das Zauberwort „Acción humanitaria“ alle Türen.

Mit der Ankunft in unserem Heimathafen Stralsund endet unsere Reise nicht. Mit manchen unserer Bekanntschaften von unterwegs sind wir noch heute in Kontakt. Bei unseren Multimedia-Vorträgen sammeln wir Spenden für Projekte, die wir unterwegs kennengelernt haben – ob nun Korallenschutz in Fidschi oder Müllbeseitigung in Indonesien. Das hilft nicht nur den Initiativen vor Ort. Uns hilft es, die Erinnerungen an diese besonderen Begegnungen lebendig zu erhalten.


Ist eine Weltumsegelung am Ende vor allem ein persönlicher Traum – oder trägt sie auch Verantwortung gegenüber den Menschen und Orten unterwegs? Schreiben Sie Ihre Meinung in die Kommentare.

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