Der Fall „Bayesian"War doch nicht das Wetter Schuld am Untergang der Luxusyacht?

Pascal Schürmann

 · 04.05.2026

Der Fall „Bayesian": War doch nicht das Wetter Schuld am Untergang der Luxusyacht?Foto: Peter Byrne/PA
Die Bergung der “Bayesian” im Juni vergangenen Jahres
Ein neues Gutachten, das die italienische Staatsanwaltschaft vorgelegt hat, widerspricht der bisherigen Annahme, dass ein extremer Sturm die Luxusyacht „Bayesian" zum Kentern brachte. Die Ermittler stufen das Wetterereignis als beherrschbar ein und rücken stattdessen die Crew in den Fokus. Drei Besatzungsmitglieder werden beschuldigt, das Risiko unterschätzt und nicht angemessen reagiert zu haben.

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Die Staatsanwaltschaft Termini Imerese hat ihre Einschätzung zum Untergang der 56 Meter langen Segelyacht „Bayesian" grundlegend revidiert. Dies berichten übereinstimmend mehrere internationale Medien, darunter der “Independent”, die “New York Post” oder auch “Sky News”.

Ein meteorologisches Gutachten kommt demnach zu dem Schluss, dass der Sturm am 19. August 2024 vor der Küste Siziliens kein außergewöhnliches Naturereignis darstellte. Die Experten stufen das Wetterereignis als plötzlichen Windanstieg durch ein Gewitter ein – gefährlich, aber für erfahrene Seeleute beherrschbar.

Diese Neubewertung steht im Widerspruch zur Marine Accident Investigation Branch (MAIB). Die britische Untersuchungsbehörde hatte erhebliche strukturelle Mängel des Schiffes als zentrale Ursache identifiziert. Bei dem Unglück waren damals sieben Menschen ums Leben gekommen, darunter der britische Tech-Milliardär und Eigner der “Bayesain” Mike Lynch und seine 18-jährige Tochter Hannah. Die „Bayesian" war zuvor von Cefalù nach Porticello gefahren, um sich vor dem angekündigten Wettereinbruch zu schützen. Insgesamt befanden sich in der Unglücksnacht 22 Personen an Bord.

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Wettergutachten widerspricht Extremwetter-These

Das von der italienischen Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene meteorologische Gutachten beschreibt die Wetterlage in der Unglücksnacht deutlich anders als bisher angenommen. Die Experten sprechen von einem Gewitter mit plötzlichem Windanstieg – nicht mehr als eine Böe, die Gewittern und Regenfällen vorausgeht. Ein Küstenwachbeamter in Palermo hatte unmittelbar nach dem Unglück erklärt, schlechtes Wetter sei erwartet worden, allerdings nicht in der beobachteten Stärke.

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Windgeschwindigkeiten von bis zu 145 km/h seien an jenem Tag gemessen worden. Spätere Untersuchungen identifizierten einen sogenannten Mesozyklon als Ursache – eine Art mächtiger rotierender Gewittersturm, der Tornados oder extreme Windböen erzeugen kann. Die italienischen Ermittler bewerten diese Einschätzung nun neu. Laut dem aktuellen Gutachten hätte die Crew auf die Wetterlage reagieren können und müssen.

Die Neubewertung verschiebt den Fokus von einem unvorhersehbaren Naturereignis hin zu menschlichem Versagen.

Technische Details und Schiffsposition im Fokus

Zwei technische Aspekte spielen laut den Ermittlungen eine zentrale Rolle beim Untergang. Die „Bayesian" lag so vor Anker, dass sie den Böen seitlich ausgesetzt war – eine ungünstige Position bei auffrischendem Wind. Zudem war der bewegliche Kiel hochgezogen, was am Ankerplatz üblich ist, aber die Stabilität bei starken Seitenböen erheblich verringert.

Der MAIB-Bericht hatte bereits darauf hingewiesen, dass Windgeschwindigkeiten von 63,4 Knoten auf der Seite des Schiffes ausreichten, um es zum Kentern zu bringen. Die britischen Ermittler stellten fest, dass die „Bayesian" bei einem Neigungswinkel von 70,6 Grad kentern würde – im Gegensatz zur Behauptung des Schiffsbauers Italian Sea Group, das Schiff könne sich aus 73 Grad wieder aufrichten. Das Stabilitätshandbuch beschrieb die Konfiguration mit hochgezogenem Kiel offenbar nicht ausreichend. Diese Grauzone zwischen Konstruktion und Betrieb wird nun Teil der strafrechtlichen Ermittlungen.

Drei Besatzungsmitglieder unter Verdacht

Die Staatsanwaltschaft Termini Imerese ermittelt gegen den neuseeländischen Kapitän, den leitenden Schiffsmechaniker und eine Deckhand. Die möglichen Anklagepunkte umfassen fahrlässigen Schiffbruch und mehrfache Totschlagsdelikte. Die Deckhand, die zum Zeitpunkt des Unglücks Nachtwache hatte, habe nicht erkannt, dass das Boot Wasser aufnahm, so die Ermittler. Ihm wird Fahrlässigkeit durch Fehlverhalten, Leichtsinn und Unerfahrenheit vorgeworfen. Die beiden Untergebenen hätten den Kapitän nicht angemessen über die Gefahren informiert.

Der Kapitän wiederum habe die Passagiere nicht vor der drohenden Havarie gewarnt. Der Matrose hatte ausgesagt, er habe in der Nacht Alarm geschlagen und den Kapitän informiert. Dieser habe anschließend das Kommando übernommen und befohlen, die im Schiffsinneren schlafenden Personen zu wecken. Für alle drei Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Ablauf der Katastrophe rekonstruiert

Der MAIB-Bericht rekonstruiert die Ereignisse minutiös. Kurz vor vier Uhr morgens frischte der Wind plötzlich auf, der Anker hielt nicht mehr. Der Kapitän bereitete sich darauf vor, das Schiff in den Wind zu drehen, als die Windgeschwindigkeit plötzlich auf mehr als 70 Knoten anstieg. Das Schiff neigte sich in weniger als 15 Sekunden um 90 Grad nach rechts. Die plötzliche Schräglage schaltete sofort die Generatoren ab.

Lynch' Witwe Angela Bacares berichtete Ärzten, dass das Boot gegen vier Uhr morgens gekippt sei und sie und ihr Mann geweckt wurden. Sie gehörte zu den 15 Überlebenden. Neben Lynch und seiner Tochter starben fünf weitere Personen. Die „Bayesian" sank innerhalb von 16 Minuten.

Schiffsbauer weist Verantwortung zurück

Giovanni Costantino, Chef der Italian Sea Group, hatte die „Bayesian" als unsinkbar bezeichnet und behauptet, die Crew müsse Türen oder Luken offen gelassen haben, wodurch Wasser eindringen konnte. Die Italian Sea Group reichte vor einem sizilianischen Gericht Klage gegen Lynchs Witwe ein und fordert laut Medienberichten über 460 Millionen Euro Schadenersatz.

Der Schiffsbauer argumentiert, die Crew sei für den Untergang verantwortlich. Der MAIB-Bericht widersprach jedoch mehreren Behauptungen des Herstellers. Die britischen Ermittler stellten fest, dass die Struktur die Stabilität des Bootes im Motorbetrieb beeinträchtigt haben könnte – Schwachstellen, die im Stabilitätshandbuch der Yacht nicht aufgeführt waren.

Bergung nach zehn Monaten abgeschlossen

Die „Bayesian" wurde zehn Monate nach ihrem Untergang in einer mehrere Millionen Euro teuren Operation geborgen. Die Bergungsarbeiten gestalteten sich aufwendig, da das Wrack in erheblicher Tiefe lag. Ein Team internationaler Experten untersucht seither das geborgene Wrack. Die Ermittlungen sollen bis zum zweiten Jahrestag der Katastrophe im August abgeschlossen werden.

Vergleich mit benachbartem Schiff

In der Nacht des Unglücks lag die niederländische „Sir Robert Baden Powell" in der Nähe der „Bayesian" vor Anker in der Bucht vor Porticello. Dieses Schiff überstand den Sturm ohne nennenswerte Schäden. Der Vergleich zwischen beiden Schiffen wirft Fragen zur Reaktion der jeweiligen Crews auf. Die „Sir Robert Baden Powell" dient als Referenzpunkt für die Ermittler, um zu beurteilen, ob die Wetterbedingungen tatsächlich so extrem waren, wie zunächst angenommen.

Die unterschiedlichen Schicksale der beiden Schiffe in derselben Bucht untermauern die These der italienischen Ermittler, dass nicht allein das Wetter für den Untergang verantwortlich war. Die Crew der „Sir Robert Baden Powell" könnte wichtige Zeugenaussagen zur Wetterlage und zum Verhalten der „Bayesian" liefern.

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Pascal Schürmann

Pascal Schürmann

Editore YACHT

Pascal Schürmann è entrato in YACHT ad Amburgo nel 2001. In qualità di responsabile del copywriting e capo redattore, si assicura che tutti gli articoli arrivino puntualmente sulla rivista e che siano al contempo informativi e divertenti da leggere. È nato nella regione del Bergisches Land, vicino a Colonia. Ha imparato a maneggiare la barra e la scotta da adolescente su un gommone da turismo sullo Sneeker Meer e su una nave alta sull'IJsselmeer. Durante e dopo gli studi, ha viaggiato nel Mar Baltico e nel Mediterraneo. Giornalista economico di formazione, è anche responsabile dei rapporti sul finanziamento delle imbarcazioni e sull'assicurazione degli yacht per YACHT, ma ha anche un debole per i temi legati alle acque blu.

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