Ziel des nächsten Seetags ist erneut São Nicolau, das wir schon vor einer Woche besucht haben. Diesmal peilen wir die Bucht von Carriçal an. Das Dorf liegt am schroffen Ufer einer etwa dreihundert Meter breiten Bucht mit Strand und Palmen. Links eine zitronengelbe Villa, rechts ein Anleger mit Steintreppe hinauf zu weißen Mauern.
Wir steigen um in Fischerboote, eine halbe Stunde Fahrt zur Praia Azul. Die verlassene Küste erzählt die Geschichte der Erde: Ein helles, mehrere Meter hohes Band auf Kalkstein liegt eingebettet zwischen Schichten von dunklem Eruptivgestein erstarrter Lavaströme. Dann kommt der Strand, keine hundert Meter lang, weißer Sand, wo sonst nur Felsen sind, das Meer davor türkis. Es ist ein traumhafter Ort, von Land aus unzugänglich. Wie unberührt, bevor die Boote mit dem Heck anlanden. Eine Stunde haben wir für uns. Schwimmen, schnorcheln, treiben lassen.
Zurück in Carriçal wird am Anleger das Abendessen vorbereitet, Zackenbarsch und Papageienfisch werden ausgenommen und filetiert. Dann geht es nach oben, die Dämmerung hat schon eingesetzt. Über den staubigen Dorfplatz, hinter die ehemalige Thunfischfabrik und am Fußballplatz vorbei, auf dem noch die Jugend zum Sonnenuntergang spielt, bis zum „Bera Mar“, einer Restaurant-Bar. Vom Grill steigen die Funken in den Nachthimmel.
Für den letzten Segeltag wählt der Skipper einen Kurs nördlich von São Vicente zurück nach Mindelo. Spektakulär liegt die Insel im Gegenlicht als Silhouette vor dem Himmel. Der Passat weht raumschots von Steuerbord mit fünf Beaufort. Es ist eine Leeküste, an der man nicht stranden möchte, aber blauwassersegeln vom Feinsten.
Zwei Kitesurfer sind weit draußen unterwegs. Einer kreuzt vor unserem Bug, locker genug, um mit einer Hand zu grüßen. Bei Sonnenuntergang rasselt die Kette zwischen Trawlern, Trampdampfern und Yachten durch die Klüse. Mindelo empfängt uns erneut mit Musik. Wie könnte es anders sein?
Unser letztes Ziel ist die „Grüne Insel“: das Naturwunder Santo Antão. Da es dort keine gute Reede für Yachten gibt, übernimmt die Fähre „Chiquinho“ früh am Morgen die Überfahrt. Über die Bildschirme flimmert die lokale Variante der „Versteckten Kamera“. Eine Stunde dauert die Passage. Die Fähre rollt ordentlich im Kanal zwischen den Inseln, aber alles bleibt ruhig.
Santo Antão ist Outdoor-Territorium. Mit uns gehen in Porto Novo Backpacker mit Stiefeln und Stöcken an Land. Der Tag ist grau, Wolken ziehen über die schroffen Hänge. Am Hafen warten Mietwagen und Wander-Agenturen, Taxis und Busse. Eine Frau balanciert selenruhig mit einer Schüssel voller Fisch auf dem Kopf durch das Labyrinth prall gepackter Rucksäcke.
Mit dem Kleinbus schaukeln wir hinauf in die Berge, durch eine Traumlandschaft aus Basalt und pyroklastischem Gestein. Immer wieder bebt es hier. Unterseeische Vulkane bilden gerade neue Inseln. Wann sie auftauchen werden, hängt vom Temperament des Planeten ab. Die Straße wurde erst im 20. Jahrhundert gebaut, per Hand.
Dann wird klar, warum Santo Antão „Grüne Insel“ genannt wird: Wir sind im Wald. Wolken, Nebel und Kälte auf 1.500 Höhenmetern. Was für ein Kontrast zu Boa Vista und Sal. Der Bus hält am Rand des Kraters von Cova. Der Grund der Caldera wird landwirtschaftlich genutzt. Einst baute man Wein an, bis der portugiesische König für die Winzer auf Madeira keine Konkurrenz mehr wollte und alle Reben vernichten ließ. Auf der weiter entfernten Insel Fogo im Süden der Kapverden versteckten die Einheimischen die Stöcke unter Vulkangestein und ließen sie wieder wachsen. Hier wechselte man zu Zuckerrohr.
Über schwindelerregende Kilometer, die meist hart am Abgrund entlangtaumeln, um dann kurz darauf geradewegs durch den Himmel zu führen, fahren wir in den Norden. Hier wirkt selbst der Atlantik anders, wilder. Ponta do Sol liegt zwischen schwarzen Felsen und schwarzem Sand. Wellen rollen in das kleine Hafenbecken. Die bunten Fassaden und Bootsrümpfe sind ein trotziges Statement an dieser monochromen Küste. Eine Tafel erinnert an Männer, die auf Walfang gingen, eine andere an Auswanderer in die Neue Welt.
Unscheinbar daneben ein kleines Denkmal für einen Vorgang, der bis heute nachhallt: der Vertrag von Tordesillas. 1494 einigten sich die Herrscher Spaniens und Portugals mit päpstlicher Hilfe auf die Aufteilung des Atlantiks. Gemeint war eigentlich die ganze Welt. Die Trennungslinie lief vom Nord- zum Südpol durch einen Punkt 370 Léguas, rund 2.300 Kilometer, westlich der Kapverden. Sie ist der Grund, warum in Brasilien heute Portugiesisch und im Rest Lateinamerikas Spanisch gesprochen wird. Santo Antão als Bezugspunkt für das Selbstverständnis allumfassender Macht.
Bei der Rückkehr nach Mindelo regnet es. Doch bis zum Abend ist noch Zeit, und da niemand dem Abschied ins Auge schauen will, verkriechen wir uns unter die Schirme der Floating Bar der Marina. Hier ist die Stimmung gut, das Wetter egal. Kein Wunder, wie alle Yachthäfen an entlegenen Flecken weltweit ist sie nicht nur Wegpunkt, sondern vor allem Treffpunkt.
Überall sitzen Crews, manche smart mit straffem Zeitplan und andere, die nur dem Wind folgen. Unsere bunte Runde braucht zwei Tische. Sogar der Skipper ist dabei, morgen hat er frei. Ein Franzose ohne Boot, dafür mit Pappschild, will allein weiter, Hand für Koje, „au Brésil“ – nach Brasilien.
Auch „Chronos“, die draußen in der Bucht auf Reede liegt und deren Ankerlicht in der schwarzen Nacht hoch über allen anderen strahlt, wird weiterziehen. In die Karibik. Für uns war der zurückliegende Törn durch die faszinierende Welt der Kapverden das Gesamterlebnis. Ein kleiner Kreis, der sich nun schließt. Für Schiff und Crew jedoch war es nur eine der Etappen auf dem großen Kreis über den Atlantik.

Editor Travel